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Lebensgeschichte von Paul Sisay aus Fretter bietet Stoff für einen Film

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Von: Friedhelm Tomba

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Finnentrop Fretter Paul Sisay Ghana Odyssee
Paul Sisay – der Wanderer zwischen den Welten, verabschiedet sich bald aus Finnentrop. © Friedhelm Tomba

Finnentrop/Fretter. Wenn die Ideen von Mark Twain, Ernest Hemingway und Steven Spielberg in einen Topf geworfen werden, kommt annähernd die Story von Paul Sisays Lebensgeschichte heraus. Der Afrikaner, der im Asylheim in der Kalkwerkstraße in Fretter ein Zimmer bewohnt, packt derzeit seinen Koffer. Im Juli will er zurück in seiner Heimat Ghana sein – wenn die Rückreise „etwas unkomplizierter“ als die Hinreise verläuft...

Paul Sisay wurde am 1. Juli 1959 in der Diamantgräberstadt Akwatia in Ghana (Westafrika) geboren. Den jungen Mann lockte schon früh die weite Welt. Libera war seine erste Station; von seinem Traumland Amerika war er aber immer noch weit entfernt. Ohne das nötige Kleingeld ausgestattet, gelang es ihm irgendwie, nach Nigeria zu kommen, von der Hafenstadt Lagos aus sollte ihn ein Schiff nach New York bringen. Das Geld für die Überfahrt hatte er sich als Hafenarbeiter verdient. 

„Trotzdem war es eine Schwarzfahrt und ich musste heimlich nachts an Bord gehen“, erinnert sich der dunkelhäutige Mann lachend. Der Frachter machte sich auf den Weg und nach einigen Wochen kam Paul Sisay – in Bremerhaven an! Ihm war schlichtweg von seinen Schleusern das „falsche“ Schiff zugewiesen worden. Der blinde Passagier stieg kurzerhand in einer weiteren Nacht-und-Nebel-Aktion „um“ und kletterte nach einem Hinweis auf ein anderes Schiff, das ihn nach NY bringen sollte. 

"Mir war egal, wohin die Route führt"

Diesmal landete er jedoch auf einem Frachter, der nach Kanada fuhr. Von dort gelangte er auf „dunklen Wegen“ schließlich nach New York. Vier Jahre arbeitete er dort, dann packte ihn das Heimweh, Paul Sisay nahm einen Flieger nach Afrika und landete in Ghanas Nachbarland Burkina Faso. Nachdem er kurze Zeit bei seiner Familie in Ghana war, wollte er erneut die „Route Lagos/Nigeria – New York/Amerika“ nehmen. 

Diesmal – ein weiterer Teil aus der „Unendlichen Geschichte 2.0“ – fuhr das zugewiesene Schiff zunächst den Golf von Guinea hinunter … genau in die entgegengesetzte Richtung: Kongo, Gabun und Kamerun statt Freiheitsstatue. Auch wenn der designierte Weltreisende unter Deck lebte, konnte er doch einige Blicke auf die afrikanischen Destinationen werfen. „Nach einiger Zeit ging es endlich in die andere Richtung.“ Doch der blinde Passagier wurde in der Elfenbeinküste entdeckt und von Bord gejagt. Paul Sisay landete im Gefängnis. „Mit Hilfe der Vereinten Nationen und der Caritas bin ich da schließlich wieder herausgekommen.“ 

Mit Ofenholzverkauf hielt er sich in dem fremden Land über Wasser. „Ich hatte kein Geld, nur ein wenig, um Essen zu kaufen.“ Als er dann einen Job als Hafenarbeiter bekam, witterte er erneut seine Chance auf eine Schiffsreise. „Beim Kakao einladen habe ich mich im Frachtraum eines Schiffes versteckt. Mir war egal, wohin die Route führt. Hauptsache weg aus der Elfenbeinküste.“ 

Mit Kakaobohnen ernährt

Der Mann im Schiffsbauch ernährte sich von Kakaobohnen. „Nachts bin ich rauf geschlichen, ich wusste, wo ein Wasserhahn war.“ Nach acht Tagen legte das Schiff in Amsterdam an. Nachdem er der Polizei übergeben wurde und er den Behörden klar machte, das er nur auf der „Durchreise nach Amerika“ sei, konnte er unter Auflagen tatsächlich wieder auf das Schiff. Allerdings war dann beim nächsten Haltepunkt endgültig Schluss der Kreuzfahrt-Odyssee: In Bremerhaven – 3261 Seemeilen von New York entfernt – holten die Behörden Paul Sisay am 5. Januar 1997 von Bord. 

Über Dortmund kam er dann am 20. Februar 1997 in Finnentrop an, wo er seitdem wohnt und arbeitet. „Das mit dem Arbeiten war nicht so einfach. Um mich zu integrieren, habe ich beim Bauhof der Gemeinde Finnentrop mit Schnee schieben angefangen.“ Der Stundenlohn von 1,50 D-Mark war der erste Schritt in Richtung Gehaltsabrechnung. 

Diverse Jobs bei anderen Firmen in Finnentrop, Attendorn und Heggen folgten. Seine „Fiktionsbescheinigung“, mit der Ausländer das Bestehen eines vorläufigen Aufenthaltsrechts nachweisen, konnte er jedoch nie gegen ein dauerndes Bleiberecht eintauschen. Mit seinem späteren „Wohnort“ in Fretter, konnte er sich nicht anfreunden. Paul Sisay‘s Traum vom geregelten Leben jenseits von Afrika hat sich nicht verwirklicht. 

Wie die legendäre Pressekonferenz von Giovanni Trapattoni endet sein Fazit mit „Ich habe fertig“. Nach zahlreichen Stationen auf drei Kontinenten will der Afrikaner nun endgültig zurück in seine Heimat. „Ich möchte auf dem Land meiner Eltern Gemüse anpflanzen und als Farmer arbeiten.“ Paul Sisay wird bald in Frankfurt in ein Flugzeug steigen. Von Schiffsfahrten hat er die Nase voll…

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