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Nur noch Kasachstan fehlt auf der UEFA-Liste

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Von: Hartmut Poggel

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Marius Hilleke vor seinen Eintrittskarten. Von den Färöer-Inseln über die USA bis in den Nahen Osten und Aserbaidschan hat er mehr als 300 Stadien besucht.
Marius Hilleke vor seinen Eintrittskarten. Von den Färöer-Inseln über die USA bis in den Nahen Osten und Aserbaidschan hat er mehr als 300 Stadien besucht.

Finnentrop. Es gibt Hobbies und es gibt verrückte Hobbies. Die Passion von Marius Hilleke aus Finnentrop fällt in die zweite Kategorie. Der 27-Jährige sammelt – Fußballstadien. Europaweit, mindestens. Bis auf Kasachstan hat er alle UEFA-Nationen „durch“. „Groundhopping“ lautet der offizielle Begriff der Leidenschaft, bei der es darum geht, möglichst viele Spiele und möglichst verschiedene Länder zu besuchen.

„Naja, ein wenig schräg ist das schon“, gibt er im Gespräch schmunzelnd zu. Die Faszination entstand durch einen Arbeitskollegen, der selbst dem „Hoppen“ nachgeht. Ursprünglich liegt die „Schuld“ aber bei Vater Uli, der seinen Filius am 30. September 1995 („das Datum kenne ich noch ganz genau“) zum Bundesligaspiel Leverkusen gegen Bremen – „es endete übrigens 2:2 und war recht ansehnlich“ – mitnahm. König Fußball dehnte seine Regentschaft auf Marius aus. „Von da an habe ich mich für Fußball interessiert und ab 2005 hatte ich meine Dauerkarte in Dortmund, um Spiele im ,Fußballtempel‘ zu besuchen“, erinnert sich Hilleke. 2008 fuhr er erstmals ins benachbarte Holland, nach Arnheim, um ein Ligaspiel zu besuchen. „Das ganze Drumherum begann mich zu faszinieren“, sagt er. 

So richtig gepackt hat ihn das Fußball- und Reisefieber dann – siehe oben – im Jahr 2010: „Da begannen die internationalen Spiele von Borussia Dortmund. Ich habe alles mitgenommen, was ,kohletechnisch‘ machbar war.“ Ein Junkie braucht Stoff: „Mit meinem Arbeitskollegen begann dann die spannendste Zeit. Aber auch meine Fußballkollegen mussten ,dran glauben‘. Wir haben uns über unsere Reiseziele abgestimmt und dann ging‘s los. Flug und Hotel geht dann meist recht fix. Je früher man bucht, desto günstiger ist es. Dann geht es an die Spielplanung. Konkret sieht das so aus, dass zwei bis drei Wochen vor dem Start in ein Fußball-Wochenende Kontakt mit den Vereinen oder dem Fußballverband des Landes aufgenommen wird, das Internet macht‘s möglich. Dem Zufall wird vorher nichts überlassen. Und die Kosten: „Okay, so ganz ohne ist das nicht. Aber low-cost-Airlines halten die Ausgaben in Grenzen, und großartigen Komfort brauchen wir nicht. Der Fußball steht im Vordergrund, daher reichen ein Platz zum Schlafen und ein sauberes Bad aus.“ 

Keine Angst vor Konflikten

Mittlerweile sind es 564 Spiele in 57 Ländern, und dort wo es möglich war, ist die Eintrittskarte als Erinnerung mitgenommen worden. „In diesem Schuhkarton ist mein halbes Leben untergebracht“, sagt Marius und blättert in den Eintrittskarten: „Kukesi in Albanien, Stadiumi Zegir Ymeri, 5400 Leute, 1:0, ganz gutes Spiel; Hamrun auf Malta, Victor Tedesco Stadium, 700 Zuschauer, angenehmes Wetter, tolle Stimmung, Spiel auf etwa Regionalliganiveau.“ Dann geht die Ticketreise noch weiter gen Osten: „Armenien, Eriwan, Lokalduell, 300 Zuschauer; Aserbaidschan, Baku, 11.000.“ Färöer-Inseln, Gibraltar, Bulgarien, Kosovo, Israel, Palästina... 

Keine Angst vor Problemen oder „fußball-typischen“ Konflikten? Hilleke: „Nein. Fußball verbindet wirklich. Ich habe überall eine absolut herzliche Aufnahme erfahren. Da sind Dinge möglich, an die man in Deutschland in Sachen Gastfreundschaft gar nicht denkt.“ 151 Stadien in Deutschland bis „runter“ in die Oberligen hat er besucht, 191 sind es international von „A“ wie Albanien bis „Z“ wie Zypern. Natürlich sind alle Fußballtempel dieser Welt in der Liste vertreten: u.a. Celtic Park in Glasgow, Estádio Do Dragao in Porto, Wembley, Stamford Bridge, White Hart Lane und Emirates in London, Camp Nou in Barcelona, Santiago Bernabéu und Vincente Calderon in Madrid, Prinzenpark und Stade de France in Paris, das Velodrom in Marseille, die AmsterdamArenA oder Giuseppe Meazza in Mailand und Olympiastadion in Rom, um nur einige der bekanntesten Arenen zu nennen. 

In zwei Wochen 12 Kilo verloren

In Deutschland sind es neben den Stadien der ersten drei Ligen auch „Exoten“ wie das Eintracht-Stadion in Nordhorn oder das Stadion „Husterhöhe“ in Pirmasens. „Philadelphia war wohl die weiteste Tour“, erinnert sich Marius Hilleke, der übrigens auch selbst Fußball spielt: Der C-Lizenzinhaber kickt bei der SpVg Iseringhausen. Angst vor Konfliktregionen kennt Marius ebenfalls nicht: „Das mit Abstand emotionalste und geilste Erlebnis war das Lokalderby zwischen Partizan und Roter Stern Belgrad im Partizan-Stadion“, lacht er. „Nicht Jedermanns Sache, aber uns hat das riesig Spaß gemacht.“ Kleinere Störungen im Betriebsablauf werden im Gespräch locker nebenbei erwähnt. „In Lviv sind wir 2010 festgenommen worden. Warum? Keine Ahnung. Mit umgerechnet knapp 10 Euro war das dann erledigt. 2013 waren wir in Georgien und Armenien. Da haben wir uns – wir waren zu dritt – eine Lebensmittelvergiftung eingefangen. Meine beiden Begleiter mussten nach der Rückkehr direkt auf die Intensivstation, mir ging es nicht ganz so schlecht, habe aber in zwei Wochen fast 12 Kilo verloren.“ 

Auch im vergangenen Jahr, als ein Wochenendbesuch in Mazedonien auf dem Plan stand, passierte etwas Außergewöhnliches. „Unser Taxifahrer bemerkte, dass wir an Fußball interessiert waren und was wir machten. Plötzlich hatte er die grandiose Idee, mich mit einem Spielervermittler zusammenzubringen und auf einmal saßen wir in irgendeinem Hotel.“ Des Rätsels Lösung: Der ältere Herr war jahrelang Teammanager des kroatischen Clubs Hajduk Split; aktuell vermittelt er Spieler vom Balkan nach Westeuropa. „Er brauchte wohl noch einen Mitarbeiter in Deutschland“, lacht Marius. 

All-inclusive-Urlaub wegen Ebola

Und noch eine Anekdote: „2015 hatten wir den Afrika-Cup in Marokko gebucht. Dieser fiel wegen Ebola aus. Daraus wurde dann ein All-Inclusive-Urlaub im 5-Sterne-Hotel, die Preise waren total im Keller. Ein Drittligaspiel ging trotzdem.“ Absoluter emotionaler Höhepunkt war aber der Besuch des Champions-League-Finales 2013 zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund (2:1) im Londoner New Wembley Stadion. „Das Spiel werde ich nie vergessen.“ Stichwort „vergessen“. Marius Hilleke wäre ein Top-Kandidat für „Wetten, dass?“. Beim Blick auf die Eintrittskarten kommt wie aus der Pistole geschossen das Endergebnis und eine mit Trainerwissen formulierte kurze Spielanalyse. 

Die Kilometer hat er nicht addiert, aber er dürfte Mutter Erde mindestens einmal fest umarmt haben. Des „Groundhoppers“ Zusammenfassung des Erlebten: „Ich habe in den letzten Jahren unglaublich viele Kontakte zu anderen Menschen, aber auch Vereinen knüpfen können. Das hat mich geprägt.“ In der UEFA-Liste fehlt ihm nur noch Kasachstan, danach ist dann „Ende mit der Regelmäßigkeit“ – sagt er. Aber dann, nach kurzem Zögern: „Obwohl, Teheran und Buenos Aires wären schon noch Ziele, die mich reizen könnten...“

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