Jubiläumsfeier nach 75 Jahren fällt Corona um Opfer

Ein Zeitzeuge berichtet: So lief die Kommunion im Zweiten Weltkrieg ab

Familie Hesener am 8. April 1945: Vier Brüder von dem Kommunionkind befanden sich irgendwo als Soldaten im Krieg.
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Familie Hesener am 8. April 1945: Vier Brüder des Kommunionkindes befanden sich irgendwo als Soldaten im Krieg.

Heggen – Vor 75 Jahren stand die Erstkommunion unter keinen guten Stern. Nun sollte das Jubiläum gefeiert werden – die Jungen und Mädchen von damals wollten in froher und dankbarer Runde zurückblicken.

75 Jahre nach dem Weißen Sonntag macht die Corona Krise allen Planungen einen Strich durch die Rechnung. Jubiläumsfeier, Dankmesse – alles musste abgesagt werden. Trotzdem öffnet Herbert Hesener Herz und Archiv und blickt zurück. Sein persönlicher Rückblick verdeutlicht, wann die unbeschwerte Kindheit endete: „Im dritten Schuljahr wurde es gefährlich.“ 

1944 spitze sich die Lage auch im Sauerland dramatisch zu. „Finnentrop war bereits einige Male angegriffen worden. Mit dem weiteren Vormarsch der alliierten Kampfverbände wurde die Lage, auch für unseren Raum, immer bedrohlicher. Deutsche Flugzeuge waren kaum noch am Himmel zu sehen und wenn doch, dann dauerte es nicht lange, bis sich feindliche Flugzeuge auf sie stürzten.“

Jungen wurden in Kriegsabläufe involviert

Bis dato war für die heranwachsenden Kinder der Krieg „weit weg“. Im fünften Kriegsjahr, als Herbert Hesener in die dritte Klasse ging, kam das Grauen näher. „In dieser Zeit wurde uns Kindern allmählich bewusst, was es mit Krieg auf sich hatte. Die Rede von Toten und Gefallenen, von Tieffliegerbeschuss und Bombenangriffen gehörte inzwischen zum täglichen Sprachgebrauch. Und selbst in der Schule war der Tod für uns sehr präsent, denn immer häufiger hörten wir jetzt von gefallenen Vätern oder Brüdern.“ 

In Heggen wurden die Jungen der älteren Schuljahre mit in die Kriegsabläufe involviert. „Da die Flugzeuge in unserem Raum immer öfter auftauchten, erhöhte sich auch die Lebensgefahr für uns Kinder in zunehmendem Maße. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, wurden Jungen aus den oberen Klassen, die im Stundentakt ausgewechselt wurden, als Horchposten auf dem Daspel für die „neue Schule“, und auf der Vogelstange für die „alte Schule“ - postiert. Sie hatten die Aufgabe, Fliegeralarm, der in Finnentrop und Attendorn ausgelöst wurde, aufzunehmen und ihn dann im Laufschritt an der jeweiligen Schule zu melden.“

Herbert Hesener am Tag der 1. Heiligen Kommunion mit „Engelchen“ Gertrud Baltes.

Das dritte Schuljahr, das eigentlich voller Vorfreude auf die Erstkommunion ausgerichtet war, wurde zum Alptraum. Am 16. Februar 1945 stand die Welt zwischen Attendorn und Heggen still. „In Heggen setzte sich ein vollbesetzter Zug nach Attendorn in Bewegung. Die Flieger hatten auf diese Gelegenheit gewartet. Am Ahauser Stausee war es dann soweit. Blitzschnell stürzten sich die Jagdbomber auf den im zweiten Bergeinschnitt stehen gebliebenen und schutzsuchenden Zug. Manche Fahrgäste verließen die Abteile, suchten Schutz am Hang und gerieten dabei in den direkten Beschuss. Andere traf es in den Waggons. Die Toten und Verwundeten trug man in den Zug, der noch in der Lage war, aus eigener Kraft nach Heggen zurück zu fahren. Im Gasthof Rinke erfolgte die unmittelbare Versorgung der Schwerverletzten, die anschließend auf Handwagen, Karren, Pferdewagen oder auf sonstigen primitiven Fuhrwerken ins Heggener Krankenhaus gezogen wurden. Uns Kindern an den Straßenrändern boten sich grauenvolle Bilder. Blutverschmierte Zivilisten und Soldaten mit schweren Verwundungen wurden stöhnend an uns vorbei gefahren.“

Vorbereitung auf Weißen Sonntag

Kurze Zeit später wurde die Schule geschlossen und erst im Oktober wieder geöffnet. „Die Waffen SS hatte sich dort einquartiert, unsere Schulbänke wurden in die Schützenhalle gebracht. Wir Kinder spürten aufgrund der veränderten Zeit und der sorgenvollen Gesichter und Äußerungen der Erwachsenen, dass uns bald noch Schlimmeres bevorstehen würde. Wir waren dem Ganzen hilflos ausgesetzt. Es gab kein Entrinnen, kein Weglaufen. Wo sollten wir hin? Der Abstand zwischen Rücken und Wand wurde immer kleiner.“ 

Der Erstkommuniontag war plötzlich weit weg, zumal Religionsunterricht in den Schulen verboten war. „Neben den Religionsstunden in Privathaushalten, war die überwiegende Anlaufstation das Antoniusheim in der alten Vikarie. Von Pfarrer Wilhelm Diebenbusch und einer Nonne, wurden wir dort auf den bevorstehenden Weißen Sonntag vorbereitet.“

Der große Tag kam - die Sorge wuchs

„Unsere Eltern waren zwar bemüht, ihr Möglichstes zu tun, aber es war nicht zu vermeiden, dass der eine oder andere sich mit einfachen, wenn auch gut hergerichteten weißen Kleidern, dunklen Jacken oder Anzügen und einfachem Schuhwerk begnügen musste. Im Übrigen waren alle durch die jahrelangen Entbehrungen mit der Realität so vertraut, dass Derartiges nicht sonderlich wichtig genommen wurde. Die Sorge um die Gesundheit, um Leib und Leben stand in dieser schwierigen Zeit im Vordergrund.“ 

„Am Himmel wimmelte es also von Flugzeugen, die uns nicht zur Ruhe kommen ließen. Daher war ständig höchste Vorsicht geboten. Da von den morgens bereits auftauchenden Tieffliegern immer eine große Gefahr ausging, wurde die Erstkommunionfeier in der Kirche, am Weißen Sonntag, auf morgens 6.30 Uhr gelegt. An verdunkelte Kirchenfenster hatten wir uns schon seit einigen Jahren gewöhnt.“ 

Blick in die abgedunkelte Heggener Pfarrkirche.

Die Jungen und Mädchen zogen aber mit vertrautem Glockengeläut in die Kirche – das Geläut kam von einer Schallplatte. „So manche Träne wurde vergossen, was mit Sicherheit auch mit den Umständen zusammenhing. So mancher dachte dabei sicherlich auch an die im Krieg befindlichen Familienangehörigen: Wo sind Vater, Ehemann, Sohn, Bruder oder Onkel, die heute nicht hier sind. Leben sie überhaupt noch? Viele unbeantwortete und bohrende Fragen werden durch die Köpfe der Kirchenbesucher gegangen sein. Und der Gedanke an so manchen Gefallenen wird den Hals zugeschnürt haben. Trotzdem: Ich glaube, dass es vorher und nachher keinen Weißen Sonntag gegeben hat, der von den Eltern, Kindern und Angehörigen in den verschiedenen Orten unserer Region inbrünstiger gefeiert wurde, als der Weiße Sonntag in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945.“

Herbert Heseners Erinnerungen sind dokumentiert. Gerne hätte er sich mit den Kommunionkindern von damals zum 75-jährigen Jubiläum ausgetauscht, Gottesdienst gefeiert und in froher Runde zusammengesessen. Nach den Kriegswirren kam Corona. Ob sich die Kommunionkinder von 1945 noch einmal wiedersehen werden?

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