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Seltene Schnitzereien aus dem Kreis Olpe in Amerika aufgetaucht

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Von: Inge Schleining

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Ralf Löcker zeigt Schnitzbilder seines Großvaters Josef Gothen
Ralf Löcker zeigt die Schnitzbilder seines Großvaters Josef Gothen. © Inge Schleining

„Dies ist kein Werbeanruf“ – mit diesen Worten beginnt Ende Februar 2019 für Ralf Löcker und seine Eltern eine ganz besondere Geschichte.

Würdinghausen - Am anderen Ende der Leitung ist Bernhard Wädekin aus Bierlingen bei Tübingen. Er hat sich durchgefragt und ist bei Ralf Löcker gelandet, auf der Suche nach Josef Gothen, Ralf Löckers Großvater mütterlicherseits. Bernhard Wädekin wiederum hat Verwandte in den USA und diese waren im Besitz einer Schnitzerei, auf deren Rückseite der Künstler seine Signatur hinterlassen hat: „Josef Gothen Würdinghausen Westfalen Sauerland Germany“. Und diese Schnitzerei wollten die Amerikaner nun an die Erben von Josef Gothen zurückgeben.

Doch wie kommt eine Sauerländer Schnitzerei in die USA? Josef Gothen, Jahrgang 1908, musste im Zweiten Weltkrieg kämpfen, war unter anderem im Norden Frankreichs stationiert. Dort erlebte er die Invasion der Alliierten, die mit dem D-Day ihren Anfang nahm und wurde von den Amerikanern in Kriegsgefangenschaft genommen. Als POW – Prisoner of War wurde er in die USA gebracht. Zunächst vermutlich in das Fort Sheridan, dann verlegt in das Camp Skokie Valley, nördlich von Chicago. Am 9. März 1945 kamen dort die ersten 225 Kriegsgefangenen an. „Nach der offiziellen Kapitulation Japans am 2. September 1945 wurde das Lager Camp Skokie Valley stillgelegt, ob der Abbau des Lagers Ende 1946 oder Anfang 1947 erfolge, ist unklar. Bis zu seiner Entlassung in die Heimat und seiner Rückkehr im März 1947 nach Würdinghausen muss er hier arrestiert gewesen sein“, so Ralf Löcker.

Schnitzereien Josef Gothen Würdinghausen
Kriegsgefangene im Camp Skokie: Ralf Löcker vermutet, dass auch sein Großvater abgebildet ist (4.v.links), denn er trug einen ähnlichen Strohhut. © Privat

Im Camp war er als Küchenhilfe beschäftigt, fertigte in seiner freien Zeit Schnitzereien an. Im Camp Skokie entstand auch die Verbindung zur Familie von Bernhard Wädekin. John J. Pfeffer war Aufseher und Wärter im Camp Skokie. Mit deutschen Wurzeln beherrschte er die deutsche Sprache, war deshalb prädestiniert für die Arbeit im deutschen Gefangenenlager. John J. Pfeffer handelte mit Josef Gothen, für seine Schnitzereien gab er ihm Zigaretten – „die genaue Anzahl der Schnitzbilder ist nicht bekannt“, so Ralf Löcker. Die Zigaretten waren wertvoll im Camp, aber Josef Gothen habe sie sicherlich größtenteils auch selbst geraucht, so der Enkel.

Schnitzbilder Josef Gothen Würdinghausen
Die Mühle (oben links) brachte als erste Schnitzerei die Geschichte ins Rollen, die Schmiede (oben rechts) war die zweite Schnitzerei in Amerika. Mit der Signatur auf der Rückseite (unten links) konnte Ralf Löcker ausfindig gemacht werden. In Familienbesitz ist noch ein Schnitzbild mit der gleichen Rahmengestaltung (unten rechts). © Privat

Nach dem Tod von John J. Pfeffer – in der Familie nur „uncle Hanzi“ genannt – ordnete seine Ehefrau Luanne Pfeffer seinen Nachlass. Sie stieß auf das Schnitzbild, erinnerte sich an dessen Geschichte und fasste den Plan, es an die Erben des Künstlers zurückzugeben.

Über ihre Nichte Janice Connett entstand der Kontakt zu ihrem entfernten Verwandten Bernhard Wädekin und dieser machte Ralf Löcker ausfindig.

Doch war sein Großvater Josef Gothen wirklich der Schnitzkünstler? Als Ralf Löcker ein Foto des Schnitzbildes gesehen hatte, war ihm klar, das stammt von seinem Großvater. Im Familienbesitz befanden sich ebenfalls zwei Schnitzbilder des Opas, mit derselben außergewöhnlichen Rahmengestaltung. Das überzeugte auch Janice Connett und sie schickte das Schnitzbild nach Würdinghausen, zusammen mit einem lieben Brief – es folgte ein reger E-Mail-Wechsel und als Dankeschön ging ein großes Paket mit Sauerländer Leckereien in die USA.

Schnitzereien Josef Gothen Würdinghausen
Janice Connett zeigt das Schnitzbild mit der Mühle. Die überzeugte Demokratin arbeitete lange im Weißen Haus und traf auch Barack Obama. © Privat

Dazu tauchte noch eine zweite Schnitzerei auf: Luanne Pfeffers Bruder besaß ebenfalls ein Schnitzbild von Josef Gothen. Dieses sandte Janice Connett ebenfalls an Ralf Löcker. Die vier Bilder haben nun einen Ehrenplatz im Gartenhaus der Familie Löcker. Der Kontakt zu Janice Connett besteht immer noch, inzwischen ist eine Freundschaft entstanden.

Schnitzereien Josef Gothen Würdinghausen
Der Begleitbrief von Janice Connett, mit dem sie Ralf Löcker die erste Schnitzerei zusandte. © Privat

Gesprochen hat Josef Gothen über die Kriegszeit und die Zeit in Gefangenschaft nicht oft, wie für viele seiner Zeitgenossen waren die Ereignisse wohl zu traumatisch. Seine Familie wusste lediglich, dass er als Gefreiter in der Nähe von Cherbourg stationiert war, und dass er als Kriegsgefangener in den USA war. Bei seiner Rückkehr aus Amerika im Jahr 1947 war er 39 Jahre alt, der gelernte Schmied arbeitet zunächst in der Schmiede von Josef ,Rammes’ Beckmann im Ort, später dann als Maurer und im Porphyr-Steinbruch in der Firma von Egon Behle sen. Und bis zu seiner Pensionierung in der Werkstatt von Bernhard Behle, Straßen und Tiefbau GmbH. Bekannt war er ebenso durch seine Tätigkeit im Kirchenvorstand, als Sänger im MGV Würdinghausen und Mitglied im Schützenverein. Am 31. März 1990 verstarb Josef Gothen mit 82 Jahren.

Schnitzbilder Josef Gothen Würdinghausen
Familie Löcker zeigt das Schnitzbild von Josef Gothen. © Privat

Seine Tochter Rita Löcker lebt mit ihrem Mann noch in Würdinghausen, ebenso wie Enkel Ralf Löcker. Die zweite Tochter von Josef Gothen, Ursula Zoppe, ist bereits verstorben.

Ralf Löcker würde gerne mehr über die Vergangenheit seines Großvaters erfahren, besonders über die Kriegszeit und die Zeit der Gefangenschaft. Er bittet um Hinweise und ist zu erreichen unter Tel. 02723/979739.

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