Vom Aussterben bedroht

Das Lebensmittelgeschäft in Albaum ist bereits geschlossen und soll von der AWO übernommen werden. Foto: harpo

Der Zusammenhang ist zunächst unklar. Was haben kleineren Lebensmittelläden mit den Walen im Meer gemeinsam? Die Antwort hingegen ist relativ einfach: beide sind vom Aussterben bedroht. Während sich bei den Walen Umweltschutzorganisationenwie Greenpeace um die Existenz der Tiere kümmern, ist es bei den Geschäften vornehmlich die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die sich für einen Fortbestand der Vorortversorgung auch bei kleineren Gemeinden einsetzt.

Mit dem "Ihre Kette Bäckerei Metzen" Frischemarkt in Albaum musste nun der nächste ländliche Laden seine Pforten schließen. "Es ging einfach nicht mehr. Wir mussten Insolvenz beantragen, weil der Laden schlichtweg zu wenig Umsatz gemacht hat", so ein tieftrauriger Klaus Metzen, ehemaliger Betreiber des Marktes.

Im Falle des Lebensmittelgeschäftes in Albaum sei zudem erschwerend hinzugekommen, dass die Sparkassenfiliale — die nicht weit entfernt vom Laden lag — ebenfalls geschlossen worden war, erklärt Metzen: "Da sind uns sicherlich auf einen Schlag knapp 25-30 Prozent des Umsatzes weggebrochen." Das habe der Laden auf Dauer nicht verkraften können.

"Wie soll man als kleiner Laden mit den Großen mithalten?", grübelt Metzen, wenn er sich die massive Werbungder überregionalen Discounter anschaut. Die Frage scheint berechtigt. Schließlich ist das Beispiel Albaum nicht der einzige Fall auf Kreisebene. In der Westfälischen Straße in Olpe wird die AWO noch im ersten Quartal 2010 einen Lebensmittelladen eröffnen. In Halberbracht in der Ortsmitte — an der Ampelkreuzung, wo früher "Coop" und "Ihre Kette" waren — hat sich erst ganz kurz vor Schluss eine private Lösung für die Gewährleistung der Grundversorgung vor Ort gefunden.

Keine Gefahr des Aussterbens

Kirchhundems Bürgermeister Michael Grobbel warnt allerdings davor, die Situation dramatischer darzustellen, als sie tatsächlich ist. "In Kirchhundem werden auch die kleineren Läden sehr gut angenommen. Da sehe ich keine Gefahr eines Aussterbens", so das Gemeindeoberhaupt.

Die Schließung von Metzens Lebensmittelgeschäft in Albaum sei ein "Einzelfall".

"Ganz so kann man das nicht stehen lassen", sagt hingegen Manfred Lehwald, Vorstandsmitglied des AWO-Kreisverbandes Siegen-Wittgenstein-Olpe.

Für Kirchhundem mag der "Fall Albaum" möglicherweise ein Einzelfall sein, generell bestätige er aber eher einen landläufigen Trend auch bei Standorten im Siegerland und im Kreis Olpe.

"Es ist schon eine Tendenz auszumachen, dass sich die kleinen privaten Läden auf Dauer nicht gegen die Lebensmittelgroßkonzerne behaupten können", stellt der in Halberbracht wohnende AWO-Beauftragte klar.

"Landflucht" auch in anderen Bereichen

Tritt dieser Fall ein und ein Laden geht in die Insolvenz, so entscheidet die Arbeiterwohlfahrt nach intensiver Prüfung, ob und inwiefern sie eingreift. Lehwald erklärt das AWO-Konzept folgendermaßen: "Wir erhalten den Laden aufrecht, indem wir subventionierte Arbeitsplätze schaffen und dadurch gleichzeitig Arbeitslose oder behinderte Menschen an den Arbeitsmarkt heranführen können." Das Übernehmen einer Immobilie sei in diesem Fall der einfachste Schritt, aber auch andere Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten kann die AWO bieten.

"Oberste Priorität hat immer, eine gewisse Grundversorgung für die Leute vor Ort gewährleisten zu können", so Manfred Lehwald.

Davon würden vor allem die Bürger profitieren, die entweder kein Auto besitzen oder aber auf Grund ihres Alters oder körperlicher Einschränkungen nicht mehr mobil sind, so dass sie den Weg zum nächsten Supermarkt nicht mehr alleine bewerkstelligen könnten.

Für das konkrete Beispiel Albaum sieht Lehwald eine "positive Tendenz", dass die AWO den Laden recht bald übernehmen könnte. Derzeit wartet man auf ein Angebot des Insolvenzverwalters bezüglich der Kosten für das Inventar. Der Vorbetreiber Klaus Metzen hingegen hat schon signalisiert, dass sein Sohn Thomas — ab Januar Besitzer des Gebäudes — der AWO bei ihren Überlegungen entgegenkommen würde.

Der Trend der "Landflucht" lässt sich auch auf andere Bereiche ausweiten. So ziehen sich beispielsweise immer mehr Ärzte aus den ländlichen Bereichen zurück. Jüngstes Beispiel ist Thomas Heidrich, der 26 Jahre in Würdinghausen praktizierte. Seit Anfang November hat der Mediziner in Schwarmstedt in der Lüneburger Heide ein neues Betätigungsfeld gefunden.

Die Bewohner von Würdinghausen, Oberhundem, Albaum, Heinsberg und aus dem benachbarten Siegerland müssen sich jetzt einen neuen Arzt suchen. "Gerade für einen Ort wie Würdinghausen, der für das obere Hundemtal so etwas wie eine Schlüsselfunktion hat, ist das nicht gut, allein schon für die vielen älteren Bürger", beklagt Gerd Grotmann aus Würdinghausen diese negative Entwicklung. So gibt es in der ganzen Gemeinde Kirchhundem derzeit nur drei Arztpraxen für Allgemeinmedizin.

Für die Wale würde Greenpeace eine derartige Unterversorgung wohl kaum durchgehen lassen.

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