IHK-Wirtschaftsgespräch mit 50 Teilnehmern in der Bäckerei Hesse

Gemeinde Kirchhundem fehlen 15 Hektar Wirtschaftsflächen

Tauschten sich über die derzeitige Lage in Kirchhundem aus (v.l.): Hermann-Josef Droege, Andreas Reinéry, Reinhard Hesse und Klaus Gräbener.

Kirchhundem/Kreis Olpe - Riesige Mengen Brot, Brötchen und Kleingebäcke verlassen an einem durchschnittlichen Wochentag den Sitz der Bäckerei Hesse  in Welschen Ennest. Insgesamt gehören heute 55 Filialen zum Traditionsbetrieb, der bis nach Lüdenscheid liefert. Das Unternehmen zählt mehr als 500 Beschäftigte, von denen 135 am Hauptsitz arbeiten. Es waren beeindruckende Zahlen, die Reinhard Hesse den 50 Teilnehmern des IHK-Wirtschaftsgespräches im Unternehmen präsentierte.

Wie sehr dem langjährigen Geschäftsführer des Unternehmens der Standort Welschen Ennest mit seinen 1600 Einwohnern am Herzen liegt, zeigte er als Vorsitzender der „Dorf-AG“ in einem Überblick über aktuelle Entwicklungen im Rahrbachtal, zu denen die Erweiterung maßgeblicher Betriebe, die Errichtung des Caritas-Wohnheims und die Renaturierung des Rahrbachs gehören. 

Eine besondere Bedeutung hat die mögliche künftige Erschließung einer Erweiterungsfläche für das Gewerbegebiet am "Heid". Dabei handelt es sich um einen von insgesamt acht „Suchräumen“, die ein von der IHK beauftragter Gutachter für die Gemeinde Kirchhundem im Rahmen des regionalen Gewerbeflächenkonzeptes gemeinsam mit der Verwaltungsspitze ermittelt hat. 

Der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Hermann-Josef Droege stellte die Areale näher vor. Das Konzept zielt darauf ab, in das Verfahren zur Neuaufstellung des Regionalplans möglichst viele geeignete Flächenoptionen einzuspeisen. In der Bilanz fehlen der Gemeinde rund 15 Hektar, dem gesamten Kreis Olpe mehr als 190 Hektar  Wirtschaftsfläche. „Während bei uns vor fünf Jahren weite Flächen brach lagen, suchen wir heute dringend neue Erweiterungs- und Ansiedlungsperspektiven für die Wirtschaft“, betonte Bürgermeister Andreas Reinéry. 

Er verwies auf die positive wirtschaftliche Entwicklung, die zur gegenwärtigen Vollbeschäftigung und zum vollständigen Verkauf von Gewerbeflächen in der Gemeinde geführt habe. Bei den Industriebeschäftigten zeichnet die Gemeinde der höchste Zuwachs in den letzten 19 Jahren im Kreisgebiet aus. 

Allerdings stelle sich die Gesamtbilanz wesentlich nüchterner dar, zeigte IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener auf: „Der Zuwachs bei den Industriebeschäftigten darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwicklung bei der Gesamtzahl aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem Anstieg um 9,2  deutlich unter dem kreisweiten Anstieg von 27,3 Prozent liegt. Mit anderen Worten: Im Handel und im Dienstleistungsgewerbe sind im Vergleich deutlich Arbeitsplätze verloren gegangen.“ 

Reizthemen Breitband und Mobilfunk

Reizthemen sind nach wie vor der Breitbandausbau und vorhandene Mobilfunklöcher. Dabei stehen in Kirchhundem die von Bund und Land geförderten Glasfaser-Tiefbauarbeiten kurz vor dem Abschluss. Die Leistung wird am Ende an vielen Stellen das Ausbauziel 50 Mbit/s weit übertreffen und auch zunehmend Glasfaserhausanschlüsse ermöglichen.

 „Allerdings hat sich die bürokratische Ausgestaltung des Förderprogramms als Bremsklotz erwiesen, der den Ausbau vor Ort deutlich erschwert und auch zu monatelangen Verzögerungen geführt hat“, erläuterte IHK-Geschäftsführer Hans-Peter Langer. Bei den Teilnehmern des Wirtschaftsgespräches stieß dies auf Unverständnis. Immerhin habe der ländliche Raum gegenüber den Ballungsräumen, die schon seit Jahren im schnellen Internet sind, ohnehin das Nachsehen. „Es kann nicht sein, dass die industriellen Wirtschaftsräume auf dem Land, die am stärksten wachsen und prosperieren, beim Ausbau der lebenswichtigen Kommunikationsinfrastruktur hinten runter fallen. Das muss für die Zukunft dringend ausgeschlossen werden. Hier muss Dampf gemacht werden“, hob Walter Mennekes, Geschäftsführer der Firma Mennekes, mit Blick auf den perspektivischen 5G-Ausbau hervor. Auch die bestehenden Mobilfunklöcher sorgen für Verärgerung: „Während überall über 5G diskutiert wird, müssen wir uns an vielen Orten mit langsamen Edge-Verbindungen herumquälen. Von einer 92-prozentigen LTE-Abdeckung, die es landesweit angeblich gibt, sind wir meilenweit entfernt“, betonte Prof. Dr. Stephan Becker, Geschäftsführer der Becker Immobilien.  

Dr. Christopher Grünewald, Geschäftsführer der Firma Gebr. Grünewald, warb für zügigere Genehmigungsverfahren, um den Infrastrukturausbau zu beschleunigen, ganz gleich, ob es sich um Verkehrs-, Energie-, oder Internetfragen handle: „Angesichts der knappen Genehmigungsressourcen wird es immer wichtiger, von Beginn an mit zu überlegen, wie man bei Ausbauvorhaben am schnellsten ans Ziel gelangt.“ Klaus Gräbener wies in diesem Zusammenhang auf aktuelle Bemühungen des Landes hin, die Verfahrensabläufe vor Gericht zu straffen. Hier sei auch die IHK eingebunden. 

Regionalmarketing sehr wichtig

Breiten Raum nahm die Lage auf dem Fachkräftemarkt ein. Die Zahl der Ausbildungsverträge sei in der Gemeinde stabil, während kreisweit ein leichter Rückgang zu verzeichnen sei, erläuterte IHK-Geschäftsführer Klaus Fenster. Zwar liege die Arbeitslosenquote im Kreis erfreulicherweise nach wie vor bei 3,4 Prozent, allerdings sinke die Zahl der gemeldeten Arbeitsstellen und es werde vermehrt Kurzarbeit angemeldet. Die Teilnehmer des Wirtschaftsgesprächs waren sich einig, dass dem Regionalmarketing für die Gewinnung von Fachkräften eine hohe Bedeutung zukomme. 

"Streitigkeiten nicht ausufern lassen"

Aus der Runde wurde an die Kommunalpolitik und die Verwaltung appelliert, Streitigkeiten nicht ausufern zu lassen, da sie sich auf die Wahrnehmung der Gemeinde bei jungen Menschen negativ auswirken und dem Image der Gemeinde schaden könnten. Bürgermeister Andreas Reinéry bedankte sich ausdrücklich für das gute Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Er bemerkte optimistisch: „Fachkräfte, die hier arbeiten wollen, lassen sich nicht von kommunalpolitischen Auseinandersetzungen beirren, sondern vom hier vorzufindenden guten Geschäftsmodell überzeugen.“

Wie außergewöhnlich die Wege zu dringend benötigten Fachkräften sein können, machten einige Beispiele aus der Bäckerei Hesse in der abschließenden Diskussion deutlich.

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