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Mit einer Schnapsidee zum Erfolg: Zwei Jungs aus dem Kreis Olpe und die Erfolgsstory von Kettenfett

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Von: Sebastian Schulz

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Hier hat mal alles angefangen für Matthes Schauerte (l.) und Jens Vente mit ihrem Kettenfett. Auf dem Vorplatz und in der Schützenhalle Kirchhundem bestand ihr Lakritz-Likör beim Schützenfest 2016 seine Feuertaufe. © Schulz, Sebastian

Schon mal was von Kettenfett gehört? Also, dem Lakritzlikör? Zwei Jungs aus Kirchhundem haben ihn erfunden und vermarktet. Ihre Geschichte ist so verrückt wie die beiden selbst.

Kirchhundem/Köln - Sie handelt von einem alkoholhaltigen Getränk, von ganz viel Sauerländer Charme und von zwei Jungs aus Kirchhundem, die es mit einer Schnapsidee auf den großen Markt geschafft haben.

Im Grunde sind diese beiden Jungs schon ausgewachsene Männer. Der eine ist 39, der andere 41. Matthes Schauerte, Frisur à la gerade aus dem Bett aufgestanden, Vier-Tage-Bart, Kapuzenpulli – ein überaus lustiger Typ, der in seinem Leben schon Autos, Weihnachtsbäume und Jeans verkauft hat und den Dienstbulli auf den Namen Transe getauft hat (weil es ein alter Ford Transit ist). Neben ihm: Jens „Jensen“ Vente, akkurat gestyltes Haar, deutlich zurückhaltender, ehemals selbstständiger Grafikdesigner, eher der Strippenzieher im Hintergrund. Zwei junggebliebene Freunde, zusammen ein geniales Duo, ja fast schon ein Ehepaar, wie sie selber schmunzelnd sagen.

Matthes und Jensen wollten eines Abends einen heben. Hier eine Pulle Wodka, dort eine Schüssel mit Lakritz-Bonbons. Und beide so: „Na, wie wär’s denn, wenn man das Bonbon im Wodka-Glas auflöst?!“

Dies war die Geburtsstunde von Kettenfett.

Kein Lakritz-Schnaps aus den Supermarkt-Regalen hatte den beiden Kirchhundemern bis dahin so gut geschmeckt wie diese spontane Eigenkreation. „Eigentlich müsste man mal einen eigenen, richtig guten Lakritz-Schnaps herstellen“, dachten sich Matthes und Jensen, ehe ihnen wie durch eine Eingebung auch ein passender Name einfiel. Ein Name, der „Wumms“ verspricht. Einer, der die „Sauerländer Kernigkeit zwischen ruppig und charmant“ (Zitat Matthes) widerspiegelt. Einer, der wie Arsch auf Eimer passt: Kettenfett.

Das einzige Hemmnis war noch, dass sich die beiden zwar zu diesem Zeitpunkt gut im Konsumieren von alkoholhaltigen Getränken auskannten (Zitat Matthes: „Das ist das einzige, das ich während meines Geschichts- und Musikwissenschaftsstudiums gelernt habe“), nicht aber in deren Herstellung.

Was ist eigentlich Alkohol? Was ist ein Likör? Was ist Lakritz? Sie stöberten durch Süßigkeitengeschäfte, studierten Zutatenlisten, machten sich im Internet schlau. Sie lernten, dass Lakritz aus einer Süßholzwurzel hergestellt wird, die vor allem im Mittelmeerraum oder im Iran, aber auch im Süden Deutschlands angebaut wird. Sie informierten sich, woher man Flaschen und Deckel bekommt, welche Versicherungen man für ein selbstvermarktetes Getränk benötigt, wie man seine Mixtur am besten abfüllen kann und was man sich von Nivea und anderen großen Marken für die Etikett-Gestaltung abschauen kann (nämlich eine sehr puristische Anmutung).

Vier Jahre lang hat der Reifeprozess von der Idee zur Umsetzung gedauert, wobei Matthes Wert auf den Einwand legt, dass es dazwischen auch „künstlerische Pausen“ gab. Und dann, im November 2014, hielten sie die erste eigene Kanne Kettenfett in der Hand.

Von Kirchhundem aus eroberte ihr Lakritzlikör schließlich die Welt, wobei, wenn man ehrlich ist, zunächst mal nur die Getränkefachmarkt-Regale in Würdinghausen, Elspe, Saalhausen, Welschen-Ennest und Meggen, aber immerhin. Von hier aus verbreitete sich Kettenfett ins ganze Sauerland, Heimat von drölfzigtausend Schützenfesten und noch viel mehr trinkfesten Veteranen. Auch hier Startpunkt: Kirchhundem. Matthes: „Das ist schon geil. Du kommst aufs heimische Schützenfest und dann prosten sich die Leute mit Kettenfett zu.“ Und am zweiten Tag kam der Wirt und meinte: „Wir brauchen Nachschub.“

Eine kleine, aber wachsende Lakritzlikör-Welle schwappte durch den Kreis Olpe. Schützen-Gruppen p(r)osteten auf Facebook, wie viele leere Pinnchen sie darbieten konnten, um andere Schützenvereine zu übertreffen. Matthes: „Das war unser erster und einziger viraler Social-Media-Hit.“

Sogar zu einer TV-Erwähnung kam Kettenfett einige Jahre später – und das auch noch zur Prime-Time an einem Samstagabend: Als es während der Sendung „Schlag den Star“ um Lakritz ging, fragte Moderator Elton seine Kandidatin Jeannine Michaelsen so beiläufig: „Kennste Kettenfett?“ Und sie: „Ja, das ist doch dieser Lakritzschnaps.“ Sekunden später erreichte Matthes und Jensen eine Nachricht einer Bekannten, die es gesehen hatte: „Ich glaube, Elton hat gerade für euch Werbung gemacht.“ Beide konnten es kaum glauben.

Zwischen den Schützen-Facebook-Posts und der Schlag den Star-Erwähnung lagen einige Jahre, in denen der Absatz von Kettenfett stark gewachsen war. Erst hatten Matthes und Jensen mit ihrem Likör den Kölner und Bonner Raum erobert, um danach weiter Richtung Küsten vorzustoßen. Ihre Erfahrung ist: Je nördlicher man kommt, desto eher mögen die Leute Lakritz. Im Süden Deutschlands dagegen sei wenig zu machen. „So ähnlich wie der Weißwurstäquator verläuft auch der Lakritzäquator – nur umgekehrt“, schmunzelt Matthes.

Die Festival-Organisatoren von Wacken fragten bei Kettenfett an, ebenso Borussia Dortmund. Zwei amüsante Geschichten, an die sich die beiden noch gut erinnern. Beim Wacken sind sie fast vom Glauben abgefallen, als der Veranstalter ihnen den Preis für einen Stand auf dem Festivalgelände offenbarte („10.000 Euro!!!“). Schlussendlich warben sie dann für deutlich weniger Geld in einem Vorgarten eines Anwohners für ihren Likör. Und bei Borussia Dortmund hatte der Vertreter beim Treffen mit Matthes und Jensen vor einem BVB-Pokalspiel im Stadion offenbar direkt nach der persönlichen Begegnung wenig Hoffnung auf ein erfolgreiches Geschäft und habe gesagt, er wolle die Details mit ihnen während der Halbzeitpause besprechen. „Wir haben nie wieder was von ihm gehört oder gesehen“, lacht Matthes.

Dem Wachstum taten Anekdoten wie diese keinen Abbruch. Heute verdienen die beiden Sauerländer und jetzt Wahl-Kölner mit Kettenfett in den unterschiedlichsten Flaschengrößen ihr Geld, sie vertreiben Fan-Artikel von Socken über den brandneuen Schützenfest-Orden bis hin zu Feuertonnen und beschäftigen mittlerweile drei Mitarbeiter. Man kann sagen: Es läuft wie geschmiert.

Wohin soll das noch führen? „Wenn man romantisch sein möchte“, sagt Matthes, der gerne mal romantisch ist, „dann wäre es ein Traum, wenn Kettenfett in jeder Kneipe dazugehört.“

Bis dahin begnügen sich die beiden Kirchhundemer aber auch gerne mit dem Status quo. Und der sieht so aus: Wenige Stunden vor unserem Interviewtermin erreicht Jensen ein Anruf, nachdem er sich sofort mit einer Lieferung Kettenfett auf den Weg machte. In Kaarst waren sie beim Schützenfest trockengelaufen. Sie brauchten dringend Nachschub. Die rostigen Schützen-Kehlen mussten geschmiert bleiben.

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