?Sie nennen mich Touba?

Berit Sellmann mit dem sechsjährigen Ababacar.

Berit Sellmann, 15 Jahre, Schülerin der 10. Klasse des Gymnasiums der Stadt Lennestadt, entschloss sich zu einem Auslandsjahr. Das aufregende Zielland ihrer Wahl: das afrikanische Gambia.

Für ein Auslandsjahr habe sich die Schülerin entschieden, weil sie schon immer interessiert an anderen Kulturen, Lebensweisen und Sprachen gewesen sei. Sie wolle diese Chance nutzen, um ?einen Blick über den Tellerrand werfen zu können?, selbstbewusster und selbständiger zu werden. Auf Gambia sei sie durch eine Bekannte gekommen, die mit einem gambischen Afrikaner verheiratet ist. Seit Anfang September lebt Berit nun, zusammen mit einem gleichaltrigen deutschen Mädchen, in Kanifing Layout, in einer acht-köpfigen Familie mit Gastmutter Marie, Gastvater Assan und ihren Gastgeschwistern Omar, Kinneh, Kajali, Sheriff, Ebou und Ababacar. Für den Sauerlandkurier berichtet sie exklusiv von ihren ersten Erlebnissen und Eindrücken:

?Man kommt hier in eine komplett neue Welt, wo Pingeligkeit und Unzufriedenheit keinen Platz haben. Den Straßenrand säumen bunte Betonbaracken, dessen Farbe abblättert. Klein und Groß sitzen zusammen, reden und lachen. Unmengen an Müll verunstalten die Straße. Ziegen und Schafe laufen frei herum. Zahlreiche Obststände warten am Wegesrand auf Kundschaft. Wellblechdächer erinnern an Armut, genauso wie eine Obdachlose, die draußen auf einer Decke schläft. Oft sieht man Frauen, die Mais grillen, während andere Tee kochen. Am zweiten Tag kam es zu einer typischen Situation, wie auch schon am Flughafen, wo uns Dienste berechnet wurden, für die wir nicht vorher eingewilligt hatten. Die Gambier sind gute Händler. Preise werden hier überall ausgehandelt. Einige nutzen die Unwissenheit der Europäer aus. Insgesamt verhalten sich die Menschen aber sehr rücksichtsvoll und freundlich. Die stolzen Einwohner nennen ihr Land zu Recht ?Die lächelnde Küste Afrikas?.

Stromausfall einmal täglich

Verkehrsregeln gibt es hier nicht. Auch darf man hier auf der Transportfläche eines Autos fahren und sich den Fahrtwind in die Haare wehen lassen. Außer der Hauptstraße, bestehen hier alle Straßen aus Sand. Wenn es regnet, bilden sich riesige Pfützen darin.

Mit Strom- und Wasserausfall ist mindestens einmal täglich zu rechnen. Die Wäsche wird hier immer mit der Hand gewaschen und in der Sonne getrocknet. Da es keine Küche im Haus gibt, wird draußen in einem kleinen Anbau gekocht. Hier wird sehr viel Fisch und Reis gegessen. Mein Gastvater Assan fischt oft im nah gelegenen atlantischen Ozean. Gegessen wird so: Alle setzen sich in einen Kreis und die Schüssel mit dem Essen wird in die Mitte gestellt, woraus dann jeder mit einem Löffel isst. Auf uns ?Weiße? reagiert man mit großen Augen und Sprüchen wie ,,Du siehst aus wie eine Prinzessin?. Kleine Kinder rufen uns immer ?Touba? hinterher, was so viel bedeutet wie ?Weiße?. Sie halten mir dann ihre Hand hin und möchten, dass ich sie schüttele. Auch mein kleiner Bruder Ababacar möchte immer meine Haut und Haare fühlen.?

Bald fängt Berit in einer internationalen Privatschule an. Der Sauerlandkurier wird über ihre weiteren Erlebnisse in Gambia berichten.

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