Signale für Suizidgefährdung erkennen

"Woche für das Leben": Telefonseelsorgen bringen App auf den Weg

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Walter Dreisbach (m.) begrüßte Olga Bese und Dietrich Hoof-Greve zur Veranstaltung in der „Woche des Lebens“. 

Welschen Ennest/Kreis Olpe. „Willkommen zu einem schwierigen Thema.“ Walter Dreisbach, KAB Welschen Ennest, ließ in seiner Begrüßung im Pfarrheim keinen Zweifel: „Leben schützen.Menschen begleiten.Suizide verhindern.“ – Die „Woche für das Leben greift ein Problem auf, dem Nichtfachleute am liebsten aus dem Weg gehen.

„Fachleute“ an diesem Donnerstagabend waren Olga Bese, vom Suizid eines Sohnes betroffene Mutter, und Pfarrer Dietrich Hoof-Greve, Leiter der Telefonseelsorge Siegen-Olpe. 

Erschreckend: Rund 10.000 Menschen, 75 Prozent davon Männer, nehmen sich in Deutschland jährlich das Leben, „dreimal so viele Menschen, wie im Straßenverkehr sterben“, die Dunkelziffer – auch bei Verkehrsunfällen aus „ungeklärter Ursache“ – „ist nicht abzuschätzen“, sagt Hoof-Greve. Und: Nicht in der „dunklen Jahreszeit“ gibt es die meisten Suizide, sondern „im Frühling, wenn andere Menschen glücklich sind, fallen Gefährdete in ein tiefes Loch“. 

Weiter: „Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Im Durchschnitt sind von einer Selbsttötung sechs Menschen unmittelbar betroffen.“ Patentrezepte zur Verhinderung von Selbsttötungen gibt es nicht – so die Erkenntnis dieses Abends. 

Aber es gibt Wege, um Menschen von diesem unumkehrbaren Schritt abzubringen. „Achtsam sein, es gibt immer Anzeichen, Andeutungen.“ Hoof-Greve räumte mit gängigen Irrtümern auf, wonach jemand, der an Suizid denke, nur Aufmerksamkeit wolle, wer ernsthaft daran denke, spreche vorher nicht darüber, Gespräche über Suizid ermuntere zur Tat, es gebe keine Vorzeichen, Verhinderung sei unmöglich, jemand, der es einmal versucht habe, werde es immer wieder tun oder jede Hilfe verweigern, oder: „Wer sich töten will, muss verrückt sein.“ 

„Man muss Signale erkennen“

Die Telefonseelsorge setzt diesen Irrtümern „Respekt vor den Gründen und dem Menschen entgegen“. Es gelte, eine Beziehung aufzubauen, den Kontakt aufrecht zu erhalten: „Man muss Signale erkennen, sein Gegenüber ernst nehmen, Präsenz zeigen, ansprechbar und erreichbar sein.“ 

Dies gelte auch und gerade im privaten, persönlichen Bereich: „Es gehört etwas Mut und Wille dazu, einen Menschen, der sich vielleicht über einen längeren Zeitraum anders als sonst verhält, direkt anzusprechen.“ Wie mit dem dennoch unerklärlichen Tod eines nahestehenden Menschen umgehen? Olga Bese, Gründerin einer Selbsthilfegruppe für „Trauernde nach Suizid“ schilderte ihren Leidensweg und den ihrer Familie nach dem Suizid ihres jüngsten Sohnes 2016. „Es hat gedauert, bis ich darüber sprechen konnte. Aber genau dieses Sprechen mit Menschen, die Gleiches erlitten haben, hilft auf dem Weg zurück ins Leben.“ 

Die Telefonseelsorgestellen in Westfalen bringen zurzeit eine App („Der Erste-Hilfe-Koffer für die Hosentasche“) mit Namen „Krisen-Kompass“ auf den Weg, die in kompakter Form Suizide verhindern helfen soll, indem sie Wege aus der Isolation aufzeigt. Kosten: 100.000 Euro, etwa die Hälfte ist bereits akquiriert. „Wir haben ein Crowdfunding gestartet, und hoffen, dass sich möglichst viele Menschen finanziell beteiligen.“ Mail und Chat, dies machte Hoof-Greve klar, werden zur Kontaktaufnahme immer wichtiger: „Niemand hört meine Stimme, ich kann mich noch mehr in die Anonymität zurückziehen.“ 

Infos zum Crowdfunding: www.krisen-kompass.app.

„Suizidprävention können wir alle leisten. Jeden Tag.“: Ein Kommentar zum Thema

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