Anja Geuecke: „Keine Menschen 2. Klasse“

350 Teilnehmer in Kirchhundem  - „Kirche müssen wir selber machen“

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Das Podium (v.l.) mit Alexander Sieler, Pater Johannes Nies, Anja Geuecke („Hettwich vom Himmelsberg“), Silvia Greiten, Thomas Sternberg und Sophia Grotmann diskutierte offen die aktuellen Probleme in der katholischen Kirche. 

Kirchhundem. Die katholische Kirche verlassen will niemand. Darin waren sich die 350 Teilnehmer der Veranstaltung „Kirche zwischen Untergang und Auferstehung!?“, einig. Aber es soll eine andere Kirche sein. Eine Kirche „auf Augenhöhe“, „von unten nach oben“ und eine „Kirche, die wir selber machen“.

„Überwältigt“ von der Resonanz war Ansgar Kaufmann, Mitglied im Pfarrverbundsrat des Pastoralen Raums Kirchhundem, und einer der Hauptorganisatoren. Anja Geuecke aus Attendorn, in der dortigen Pfarrgemeinde aktive Katholikin, trat auch als ihr Alter Ego, die Sauerländer Kodderschnauze „Hettwich vom Himmelsberg“, vor das Mikrofon. 

In ihrer Anmoderation nahm sie die Themen des Abends auf‘s Korn. Zur Stellung der Frau in der Kirche: „Mir reicht zum Aufregen nicht nur der Missbrauchsskandal, sondern schon der Brief des Erzbischofs dazu, in dem er nur die Männer anschreibt. Und dass, obwohl wir Frauen schon seit langem den Laden am Laufen halten. Wenn wir jetzt für 14 Tage das Ehrenamt einstellen, bricht alles zusammen. Als emanzipierte Frau kann ich nicht glauben, dass Gott uns als Menschen 2. Klasse getöpfert hat.“ 

Neben der Rolle der Frau und der Mitarbeit in den Gemeinden allgemein wurden unter anderem Zölibat und katholische Sexualmoral diskutiert.

Auf dem Podium setzten sich neben „Hettwich“, Sylvia Greiten, Sophia Grotmann, Prof. Dr. Thomas Steinberg, Pater Johannes Nies und Alexander Sieler mit dem Zukunftsbild der katholischen Kirche auseinander. 

Ansgar Kaufmann am schon gut bestückten Wunschbaum. Die Anregungen sollen nun im Pastoralen Raum aufgenommen und nach Möglichkeit umgesetzt werden.

„Wir sind gleichberechtigt, warum können wir keine Priesterinnen sein? Ist die Kirche in ihrer heutigen Struktur wirklich von Gott so gewollt? Was brauchen wir, damit Kirche Zukunft hat?“, sprach Anja Geuecke vielen katholischen Christen nicht nur in der Halle aus der Seele. „Ich habe auch den Eindruck, dass man sich in der Kirche drei Schritte vor und sieben zurück bewegt. Und: Kirche muss vor Ort sein. Wenn wir keine Priester mehr haben, müssen es Laien sein.“ 

Prof. Dr. Sternberg, Präsident des ZK der deutschen Katholiken und gebürtiger Grevenbrücker, sprach in seinem Vortrag von „einer Situation, wie ich sie in der Kirche so noch nicht erlebt habe“: „Selbst der innerste Kern ist verärgert und verunsichert.“ Auslöser sei der „entsetzliche Missbrauchsskandal“ gewesen, „dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen“ gebracht habe. Sternberg: „Der Ärger über den Reformstau ist groß, es wird viel geredet, wenig bewegt. Es müssen Beschlüsse gefasst und umgesetzt werden.“ 

Transparenz gefordert

Ferner forderte er „Transparenz bei den Entscheidungen der Bischofskonferenzen“ und Abrücken vom Zwang der Einstimmigkeit bei deren Beschlüssen. In Sachen Sexualmoral habe die katholische Kirche seit der Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968 „keine Kompetenz mehr, sie hat ihre Rolle als Ansprechpartner eingebüßt“. Sternberg kann sich die Parallele von zölibatär lebenden und verheirateten Priestern sehr gut vorstellen. Er differenziere generell nicht zwischen „Amtskirche und Laien“, sondern stelle sich die Frage, „wie man gemeinsam Kirche“ sein könne: „Wir sind Kirche, aber wir wollen Veränderungen. Rom ist weit: Wie können wir Kirche selber machen – dies wird in vielen Dingen so kommen“, so Sternberg, angesichts des ständig wachsenden Priestermangels. 

Den Gedanken einer „Kirche auf Augenhöhe“, in der Laien in den Gemeinden seelsorgerisch-liturgische Aufgaben übernehmen „Leute sind, die vor Ort Ansprechpartner sein können“, griffen Silvia Greiten (Pfarrgemeinde Welschen Ennest/Gruppe „Horizont“) und Alexander Sieler (Leiter des Jugendspirituellen Zentrums in Altenhundem) auf. Sieler: „Wir brauchen Ansprechpartner vor Ort, aber die brauchen keine Titel. Vor allem Jugendliche suchen Vorbilder. Kirche muss sich ihnen öffnen, ihre Ideen ernst nehmen und sie beteiligen.“ 

„Es geht um Menschen, um den Sinn des Lebens“ 

Greiten: „Im Pastoralen Raum gibt es drei Pastöre, sie haben keine Zeit für alle, sind weit weg, haben kein Gesicht. Das ist unendlich schade, daher brauchen wir anderen Formen der Seelsorge. Frauen und Männer können dagegen vor Ort sehr viel tun.“ 

Pater Nies warnte vor einer Verweltlichung: „Die katholische Kirche ist kein Verein. Es geht um Menschen, um den Sinn des Lebens.“ 

Die Teilnehmer konnten ihre Anregungen auf Zetteln an einem „Wunschbaum“ befestigen. Ansgar Kaufmann versprach für den Pastoralverbundsrat, die „Anregungen mitzunehmen und wenn möglich umzusetzen“.

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