Alltäglicher "Extremismus der Mitte"

Gregor Kaiser von ?Es TUT sich ?WAS? und Sportsoziologe Gerd Dembowski (v.l.). Foto: harpo

Der Titel klingt etwas sperrig, die Veranstaltung war es nicht. Auf Einladung des Lennestädter Aktionsbündnisses "Es TUT sich WAS" sprach am Freitagabend Gerd Dembowski, einer der führenden deutschen Sportsoziologen und Fanforscher, im Rathaus in Altenhundem über "Neonazismus und Anknüpfungspunkte für einen Extremismus der Mitte im Fußball".

Schade nur, dass unter den Besuchern im Ratssaal weder Vereinsfunktionäre, noch Betreuer oder Trainer waren. Denn was Dembowski zu sagen hat, gilt nicht nur für die Profiliga und deren Fanszene. Der alltägliche "Extremismus der Mitte" findet zum größten Teil in den Amateurligen statt, wo natürlich auch die meisten Spiele ausgetragen werden.

Dembowski nennt sich selbst "Sozial-Anthropologe, da ich in mein Forschungsgebiet hineingehe, anstatt es von außen zu betrachten". Dies falle ihm als Ex-Fußballer, Mitglied der Fanszene und aktuellem Begleiter zweier Ultragruppen auch nicht schwer.

Zum Verständnis seiner Arbeit und seines Anliegens, griff Dembowski kurz auf die Geschichte des modernen Fußballs zurück. In England, so der Sportwissenschaftler, seien im frühen 19. Jahrhundert ganze Dörfer völlig regellos gegeneinander angetreten, "es gab Tote und Verletzte"; 1863 sei die Zahl der Aktiven auf elf begrenzt worden: "Und was machten die anderen 3000? Sie schauten zu. Es begann Gruppenbildung, Fankulturen entwickelten sich, das heute noch gültige und für das Verständnis des Verhaltens so wichtige ,Wir – Die Anderen‘ ("Wir sind BVB – Ihr seid Schalke") entstand. Aber die 22 auf dem Platz können sich abreagieren; was passiert neben der Außenlinie?"

Fußball als Ventil mit Voraussetzungen

Fußball bietet auch dem Zuschauer ein "Ventil, einen Freiraum, der erhalten bleiben muss", allerdings unter bestimmten Voraussetzungen: "Auch diese Freiräume müssen sozial anders gefüllt werden. Für den ,Extremismus der Mitte‘ darf dort kein Platz sein. Dieser Begriff bedeute, dass auch ,normale‘ CDU- oder SPD-Wähler, die sich ansonsten eher konform verhalten, Puzzleteile rechtsradikalen Denkens im Kopf haben und sie im Bundesligastadion oder auf dem Kreisligasportplatz rauslassen: "Etwa elf Prozent der Deutschen sind latent rechtsradikal." Das führe beispielsweise dazu, dass sich "weiße deutsche heterosexuelle Männer gegenseitig als ,schwule Sau‘ beschimpfen", oder den Schwarzafrikaner der eigenen Mannschaft ("Wir") gegen rassistische Attacken der "Gegengruppe" verteidigen, den schwarzen Mittelstürmer des Gegners ("Die Anderen") aber im gleichen Atemzug "zurück in den Busch" geschickt sehen wollen.

Dembowski sieht insgesamt in der Szene eine Verlagerung: "Offene neonazistische Aktion ist in den Stadien nur noch selten zu sehen. Aber die Leute sind noch da, nur ihre Botschaften sind andere, sublimere geworden." Rechte nutzen diese "Puzzleteile" im Kopf, um über den "kleinsten gemeinsamen Nenner" ein Gefühl von "Gemeinschaft" zu erzeugen.

"Neonazis sind in den Stadien eine verschwindend geringe Minderheit, aber eine große schweigende Mehrheit – und eben nicht nur in den Fußballstadien – lässt sie laufen, da sie Puzzleteile aus Sexismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit im Kopf haben, das Problem gern herunterspielen, es als ,Jugendproblem‘ sehen, das mit der Reife verschwindet, oder den Rechten heimlich zustimmen und über ihre Sprüche und gewalttätigen Aktionen hinwegsehen."

"Einstiegsdroge" auch Musik

Aus diesen eigenen Beobachtungen heraus sieht der in Berlin lebende Wissenschaftler die Gefahr, dass sich Anknüpfungspunkte für nazistisches Gedankengut in der Mitte unserer Gesellschaft ausbreiten.

Als "Einstiegsdroge" rechter Unterwanderung komme neben dem Sport auch die Musik in Frage; die Botschaften erhalten eine andere Verpackung, der Inhalt bleibt der gleiche: "Diese Botschaften werden verstanden."

Beliebt sei ebenfalls das Ausnutzen öffentlicher Diskussionen für eigene Zwecke: "Neonazis docken gern an aktuelle Themen an: demografischer Wandel, öffentliche Sicherheit. In ihren Botschaften verwenden sie moderne Slogans. Und leider leisten ihnen oft Politiker durch populistische Äußerungen auch noch Vorschub."

Für den Fußball, so Dembowski, müsse der DFB aktiv werden: "Es muss Ordnerschulungen in den Amateurligen geben, damit sie schon am Outfit erkennen können, wer da Einlass begehrt. Auch Trainer und Betreuer müssen sensibilisiert werden für radikales Gedankengut. Ebenso Schiedsrichter, die bei sexistischen oder rassistischen Äußerungen auch einmal ein Spiel unter- oder sogar abbrechen müssen."

"11 Fragen in 90 Minuten"

Kritik übt Dembowski hier auch am Deutschen Fußballbund: "Die Einnahmen des DFB, unter anderem von der WM 2006, fließen nicht nach unten in solche Schulungen."

Dembowski fordert aber nun nicht den todesmutigen "Missionar gegen Rechts". "Es macht wenig Sinn, in einem Eisenbahnabteil voller besoffener, Naziparolen grölender Fans den starken Mann zu mimen. Man muss sich Gruppen schaffen, Unterstützung suchen und Botschaften gegen den ,Extremismus der Mitte‘ formulieren und vorleben." Dies entziehe den Rechten den Nährboden.

Wie so etwas im kleinen Fußballverein aussehen kann, darüber informiert die Broschüre "11 Fragen nach 90 Minuten" des "Bündnisses für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt" (bfdt), im Internet als PDF unter www.buendnis- toleranz.de zum Download zu finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare