Nach 33 Jahren schließt Ehepaar den City-Markt in Meggen

Wie Tante Emma, nur auf Türkisch

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Abdullah und Harika Müjde schließen am Dienstag nach 33 Jahren ihren City-Markt aus Altersgründen. Meggen verliert damit auch einen Treffpunkt.

Meggen. Bis auf das kleine Schild, auf dem „Änderungsschneiderei“ steht, ist das Regal leer. So wie das daneben – und das daneben auch.

Nur in den Schaufenstern, da ist es noch bunt: Granatäpfel liegen in Kisten, die neben neben solchen mit Kiwi, Quitten und den ganz gewöhnlichen Äpfeln stehen. Vor etwa einer Woche ist Abdullah Müjde zum letzten Mal um halb zwei in der Frühe aufgestanden, um nach Köln zum Großmarkt zu fahren. Alles einladen, in Meggen wieder abladen, „dann alles schön hinstellen, die Leute sollen alles schön sehen können“.

 So wie jeden Tag. Am 31. Januar, Dienstag also, werden er und seine Frau Harika jedoch zum letzten Mal morgens um acht ihren Laden an der Meggener Straße auf- und abends um sieben das letzte Mal zuschließen. Nach 34 – „nein, warten Sie, 33 Jahren“ – ist der City-Markt in Meggen damit Geschichte. Die Kunden, die jetzt noch kommen, kaufen das, was da ist, bis nichts mehr da ist. 

Abgepackte Haarbürsten, Teegläser und ein Gerät, das ein Sandwich-Toaster sein könnte, teilen sich das Schaufenster mit dem Obst, davor steht ein Zigarettenautomat. Nein, Tante Emma hat kein Monopol auf diese Art kleinen Laden mit großem Namen, ohne Schnick und ohne Schnack, wie sie immer weniger werden. Ein Treff im Ort, wo es eben nicht nur um die bloße Nahrungsbeschaffung ging, wo auch Bürgermeister Stefan Hundt gern vorbeikam, um einen frisch aufgebrühten türkischen Mokka zu genießen.

 „Schöner Schafskäse, schöner Naturjoghurt, schöne Wurst und andere türkische Spezialitäten“, zählt Abdullah Müjde einen Teil dessen auf, was hier in den vergangenen drei Jahrzehnten täglich übers Kassenband lief. Mittagspausen gab es keine. Urlaub? „Ich habe seit 35 Jahren keinen Urlaub gemacht“, sagt er, eine Feststellung, mehr nicht. Jetzt sind die Müjdes müde. Er ist inzwischen 68 Jahre alt, seine Frau ein Jahr jünger, und herzkrank. Die vier Söhne gehen inzwischen eigenen Berufen nach; sie stehen voll hinter der Entscheidung ihrer Eltern, vor allem aus gesundheitlichen Gründen. 

„Die Kinder sind groß geworden, haben auch geholfen“, erzählt Abdullah, an der Nähmaschine lehnend, die in der kleinen Änderungsschneiderei direkt neben dem Laden steht. Hier hat er zusammen mit seiner Frau gearbeitet. „Mit diesem Bild bin ich nach Deutschland gekommen“, sagt Abdullah plötzlich, unvermittelt lächelnd ein dickes Bündel Papiere aus der Brusttasche seines Hemdes ziehend. Zwischen Ausweis und Führerschein holt er ein kleines Schwarzweiß-Foto hervor, darauf ein junger Mann mit Oberlippenbart, im Anzug. Um die 20 war er da. 

In der Türkei hatte er sich zum Damen- und Herren-Schneidermeister und Kürschner ausbilden lassen, in Deutschland arbeitet er in den 70er-Jahren zunächst in Schmallenberg in einer Teppichgarn-Fabrik, später in Altenhundem in einer Herrenkleiderfabrik. „1984 sind wir nach Meggen gekommen“, erinnert sich Abdullah Müjde. Hier stand dieses Haus zum Verkauf. Die Idee, einen Lebensmittelmarkt darin unterzubringen, lag nahe: „Hier waren so viele Türken, aber es gab keinen Laden.“ Zuerst erschien den Müjdes das Unterfangen zu groß, dann entschieden sie: Gemeinsam mit einer Änderungsschneiderei kann es gehen. Und es ging. 

„Wir sind sehr zufrieden gewesen“, sagt Abdullah, „wir haben uns gut angepasst“. Nicht nur die Türken kamen, sondern viele andere Meggener auch. Die Änderungsschneiderei wird in Altenhundem weitergeführt. In Meggen aber ist in drei Tagen Feierabend. Die Familie dankt ihren Kunden sehr für die lange Treue, das Ehepaar sagt aber auch: „Sie sind trauriger als wir.“ Harika Müjde freut sich auf Muße für Handarbeit, „ich stricke gerne“, aufs Spazierengehen, auf einige Monate in der Türkei, wo beide Familie haben, vor allem aber auf Ruhe. 

Bei ihrem Mann hingegen ist das mit der Freude noch so eine Sache: „Jetzt auf einmal nichts zu tun, das ist schwer.“ Wie sehr viele Meggener den City-Markt vermissen werden, dass er Teil ihres Alltags war, zeigt vielleicht auch der Anruf der Dame, die den SauerlandKurier über die Schließung informierte: „Unser Türke macht zu!“

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