GymSL-Schüler für Deutsche Geschichte sensibilisiert

DDR-Zeitzeuge Christoph Becke: „Freiheit ist das höchste Gut“

Christoph Becke erklärte Schülern im Vorfeld des Vortrags, wie der Alltag im Stasi-Gefängnis aussah. Fotos: Mario Wurm

Altenhundem. Geschichte mal nicht nur theoretisch, sondern praktisch, erlebten am Mittwoch die Schüler der Jahrgangsstufen zehn und elf am Gymnasium der Stadt Lennestadt. Denn zu Gast war Christoph Becke, der den Jugendlichen sein Leben, seine Ängste und Nöte in der DDR sowie seine Flucht in die BRD und die Hoffnung auf ein besseres Leben im Westen näher brachte.

„Ich schätze meine mir geschenkte Freiheit bis zum heutigen Tage als mein größtes Gut. Vielleicht kann, wer niemals der Freiheit beraubt wurde und auf die elementarsten Bedürfnisse hat verzichten müssen, diese Freiheit gar nicht genug schätzen“, schließt Christoph Becke seine zu Papier geschriebenen Erlebnisse, seine Erinnerungen an die Indoktrinierung in der DDR, seine Gefangenschaft bei der Staatssicherheit und seine Auslieferung an den Westen. „Der 29. Mai 1979 ist für mich daher ein Feiertag. Es ist der Tag, an dem ich aus der Roten Diktatur entlassen wurde.“

Doch von vorne: 1952 wurde Christoph Becke in München geboren. Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums zog es Beckes Vater aus München wieder in seine alte Heimat nach Thüringen, wo er fachlich sehr gefragt und aus dem Westen kommend, regelrecht hofiert wurde. Als dann 1961 die Mauer kam – Christoph Becke hatte grad die zweite Klasse geschafft – wuchsen die ersten Zweifel: „Meine Mutter begriff langsam, auf was sie sich da eingelassen hatten. Man war eingesperrt und überlegte, wie das Leben denn nun so weitergehen soll. Einzelheiten oder gar einen weltpolitischen Zusammenhang habe ich noch nicht verstanden, wohl aber zu hören bekommen, niemandem zu erzählen, was zu Hause gesprochen wurde oder was man im Fernsehen gesehen hatte. Das war der Beginn, mit zwei Platten im Kopf und demzufolge mit einer gespaltenen Zunge leben zu müssen, die eine Wahrheit für den öffentlichen Standpunkt und die andere Wahrheit für das private persönliche Denken“, begann Becke seinen Vortrag.

Schon früh versuchte man, die Kinder und Jugendlichen durch staatsfreundliche Gruppierungen wie die „Jungen Pioniere“ für die DDR und die SED zu begeistern. Einen Eintritt hier noch erfolgreich vereitelt, musste Becke jedoch um das Abitur zu erreichen, der Freien Deutschen Jugend (FDJ) beitreten. „So akzeptierte ich die FDJ als notwendiges Übel, wurde Mitglied und kam zur Erweiterten Oberschule. Ich faselte wie gewünscht zur eigenen Absicherung die SED-Parolen widerwillig hoch und runter.“

Nach einem missglückten Physikstudium und dem erfolgreichen Studium im Gebiet der chemischen Verfahrenstechnik plante Becke dann seine Flucht in den Westen. Mit seiner Ehefrau reiste er nach Ungarn, um anschließend von Jugoslawien in den Westen zu kommen. An der Grenze wurden die beiden jedoch von einem Soldaten aufgehalten und zurück nach Ost-Berlin gebracht.

Nach zahlreichen Verhören wurden die beiden zu einem Jahr und zehn Monaten Gefangenschaft verurteilt. „Zwar wurden wir nie geschlagen, trotzdem war die psychische Folter immens. Wir konnten uns mit niemandem unterhalten. Kommuniziert habe ich mit anderen Häftlingen über Klopfzeichen oder durch die Toilettenrohre“, so der ehemalige Gefangene, „Zudem mussten wir die Hände beim Schlafen auf den Bauch legen. Bewegte man sich nun im Schlaf, leuchtete ein rotes Licht, sodass man wach wurde und sich an die Vorgabe hielt.“

Von Zwangsarbeit und Isolation

„Auch mussten wir im sozialistischen Knast zwangsarbeiten – als Mittel zur politischen Disziplinierung und aus ökonomischen Gründen. Als politische Häftlinge mussten wir die schäbigsten, gefährlichsten Arbeiten mit hohen Normen leisten. Wer sich der Arbeit verweigerte, riskierte seine Gesundheit durch Isolation und Arrest mit extrem schlechten Essen. Die totale Isolation war furchtbar. Liegen oder sitzen auf dem Betonfußboden waren unmöglich, weil es zu kalt war. Wie ein Tiger lief ich stundenlang hin und her.“

Und dann kam der Tag: „In den ersten Maitagen 1979 wurde mal wieder ,Transport’ geschrien – der Ruf zur Reise in die Freiheit. Ich konnte es kaum glauben, als mein Name fiel mit der Aufforderung ,Sachen packen’. Nichts tat ich lieber.“ Am 29. Mai 1979 wartete dann ein Transportbus auf dem Hof des Gefängnisses, worin auch schon die weiblichen Gefangenen, unter anderem auch seine Partnerin saßen. Hand in Hand kamen die beiden dann endlich im Westen an.

In der an seinen Vortrag anschließenden Fragerunde unterstrich Christoph Becke, dass er über den Mauerfall 1989 „sehr froh“ gewesen sei, da Deutschland Eins gewesen sei und jetzt auch wieder Eins sein konnte.

Becke war der Einladung von Kerstin Muckenhaupt, Koordinatorin Gesellschaftswissenschaften, zu einem Zeitzeugengespräch gefolgt, dass zur Eröffnung der Ausstellung „Die DDR – Mythos und Wirklichkeit“, die die Fachschaft Geschichte in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert hat, stattfinden sollte.

Bis zum 24. Mai kann die oben erwähnte Ausstellung von allen historisch interessierten Privatpersonen und Schulklassen besucht werden: Der Schlüssel für den Ausstellungsraum ist an allen Schultagen nach telefonischer Anmeldung im Sekretariat erhältlich ( ☎ 02723/608900). Die Fachschaft Geschichte hat außerdem didaktisches Begleitmaterial (Quizfragen zu den Plakaten) für Schulklassen (ab Jahrgang neun) erstellt – eine entsprechende Kopiervorlage befindet sich ebenfalls im Sekretariat.

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