Durch die Wand, und zwar richtig

Die 'Funny Staff Trophy' aus den USA, in freier Assoziation zum guten alten Götz von Berlichingen. Erhältlich bei www.funnyemployee-

Im Atrium des neuen Amtsgerichts in Grevenbrück wird der Betrachter seit 2007 mit der Installation "Durch die Wand" der international renommierten Künstlerin Pia Stadtbäumer konfrontiert. Anonym wurde nun der Vorwurf laut, die Düsseldorfer Professorin mit Lehrstuhl in Hamburg habe in einem dominierenden Detail bei dem portugiesischen Künstler Álvaro de la Vega abgekupfert.

Das ist genau das richtige Thema zwischen den Feiertagen, denn die Kunst, zumal sie leise einhergeht, hat es immer schwer, sich im Alltäglichen zu Wort zu melden, und das im Sauerland, fernab der Metropolen, wohl erst recht.

Im Amtsgericht also sehen wir das Hinterteil eines bronzenen Pferdes, das so an einer Sicht-Betonwand im rohen "Style brut" montiert ist, dass man den Eindruck erhält, das Tier wolle nur raus aus dem Raum, weg vom Gericht, irgendwie hinaus in die Freiheit. Davor wächst aus dem Grau des Schotters in einer kreisrunden Insel ein Baum. Ein grüner Baum auf einer Insel. Auch hier: Nichts wie weg.

Nun ist die erzene Pferdehinterteil-Skulptur in den Fokus des Interesses gerückt. Mehrere optisch ganz ähnliche nämlich hat der Portugiese Álvaro de la Vega bereits 2004 ausgestellt. Skulpturen, geschnitzt aus Ulmenholz, die beispielsweise den lyrischen Titel "HOMENAXE à GERICAULT" tragen.

2005 bis 2006 waren dann auch noch zwei Meisterschüler von Pia Stadtbäumer, Jan

Philipp Ricklefs und Janine Eggert, für ein Semester in Lissabon!

Aha, wenn da mal nicht...

Da kann man ja wenigstens mal nachfragen.

Álvaro de la Vega nimmt´s sehr gelassen. Der Hintern wäre zwar ähnlich, aber da könne man sowieso nichts machen. Er sei ein positiv denkender Mensch und hätte eigentlich viel mehr Interesse an Kontakten nach Deutschland, um da vielleicht einmal auszustellen.

Pia Stadtbäumer reagiert da schon nachdrücklicher: "Der Plagiatsvorwurf ist in der Tat ärgerlich und hiermit möchte ich vergewissern, dass mir die Arbeit (...) de la Vegas nicht bekannt ist", so die Professorin in ihrer Antwort.

Es sei außerdem eine modellierte Plastik und keine geschnitzte Skulptur, auch sei das Hinterteil nur Detail einer Installation und überhaupt sei sie sicher, "dass ein ähnliches Hinterteil auf irgendeinem antiken Relief gewiss zu finden ist."

Da hat sie wirklich Recht, und es gibt ganz berühmte Pferdehinterteile, wie das im Athener Nationalmuseum mit dem reitenden Knaben aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert; auf dem römischen Kapitol, am Reiterstandbild des Marc Aurel aus dem zweiten nachchristlichen; am Gattamelata des Donatello in Padua oder am Condottiere Colleoni in Venedig... nur hängt da vorne noch der ganze Rest des Zossen dran.

Also heißt es weiter suchen, denn der anonyme Vorwurf wird noch einmal bekräftigt.

"Funny Employee Award"

Dann die überraschende Wendung: Vielleicht haben sie beide gekupfert und der Ursprung findet sich in Amerika, bei der Firma "Funny Employee Awards", bei der man so ein Teil aus Plastik sogar in vergoldet bestellen kann, um damit auf der Weihnachtsfeier einen Mitarbeiter zu verulken, der sich das Jahr über den Hintern abgearbeitet hat, wie die farbenfrohe Werbung der US-Komiker vorschlägt.

Stellt sich in dem ganzen Rummel also vielleicht noch eine ganz andere Frage: Mag es nicht sein, dass internationale Künstler auf die Provinz gereizt reagieren?

Sehen wir die Installation im Grevenbrücker Gericht einmal ganz unvoreingenommen: Was fällt einem zu der Kombination Gericht und Freistehender Baum denn noch so ein?

Und was assoziiert die Kombination Gericht und rohe Wand, mit Löchern im Beton?

Im Kreisgebiet gibt es öffentlich nur wenige Spuren der internationalen zeitgenössischen Kunstszene.

Da ist zum Beispiel das Ehrenmal des Beuys-Lehrers Ewald Mataré in Olpe, oder auch der Neubau der Pfarrei Sel. Adolph Kolping im Attendorner Schwalbenohl vom Tessiner Star-Architekten Mario Botta.

Da war doch was?

Unbewohnbar, in den Ecken bald verschimmelt, mit den Mülltonnen davor, sorgte auch dieser Bau für sehr viel Kritik.

Könnte es nicht sein, dass Botta, der die Nationalbank in Athen, das San Francisco Museum of Modern Art oder das Tanguely-Museum in Basel entworfen hat, etwas allergisch auf Attendorn reagierte? Der dort einige Tonnengewölbe nebeneinander gesetzt hat, die den spröden Charme eines alten Straßenbahn-Depots verströmen, vielleicht frei nach der Idee: Sie bieten mir im Nirgendwo einen Platz an der Schulbus-Wendeplatte, dann sollen sie auch das entsprechende Gelass dafür bekommen.

Und Pia Stadtbäumer? Ihre Werke findet man nicht nur in Grevenbrück, sondern auch in den USA, in Kanada, Groß-britannien und Italien, etc. pp.

Immerhin, bekannte Künstler müssen das ja nicht ganz umsonst machen, was ja auch seinen ganz eigenen Anreiz bietet; Pia Stadtbäumer hat 30.000 Euro für "DURCH DIE WAND" erhalten, von denen sie 14.000 als Honorar einbehalten durfte. Auch nicht schlecht zwar, aber vermutlich langfristig ein echtes Schnäppchen.

Abschließend lässt sich mit Jonathan Meese noch ein absoluter Shootingstar der internationalen Kunstszene zitieren, mit dem zumindest der goldene Pferdehintern nun wieder am weihnachtlichen Horizont versinken soll:

"Die Kunst ist ihr eigenes Gesetz und tut was sie will. Nicht was ich will als Künstler oder Betrachter; das ist völlig egal. Ich kann krank sein, dumm sein, ein Tier sein, eine Frau sein, tot sein: es interessiert die Kunst nicht. Ich kann auch was können. Das interessiert die Kunst schon überhaupt nicht. Es gibt nichts, woran ich mich festhalten kann, und das ist das einzige, was sich dazu sagen lässt."

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