Mögliche Fehler bei der Zwangabschiebung - Familie zerissen

Erschreckende Erlebnisse in der Nacht: Das Schicksal der Flüchtlingsfamilie Haxhija

Aurora Haxhija (2. Reihe, 1.v.r.) mit ihrer Klasse 6c des Gymnasiums der Stadt Lennestadt auf Klassenfahrt.

Die Zukunft der Familie Haxhija ist ungewiss. Durch mögliche Rechtsfehler sind Tochter Aurora (12) und ihr Vater, dem eine Arbeitsstelle zugesichert wurde, nach Albanien abgeschoben worden, während Mutter und Sohn Amarildo (16) in Deutschland bleiben mussten.

Lennestadt - Ohne Vorankündigung veränderte sich das Leben der Familie von einer Sekunde auf die nächste. Übrig geblieben ist eine zerrissene Familie, zurückgebliebene Freunde. „Seither werden Mutter und ich“, sagt Amarildo, „fast wöchentlich dazu gedrängt, freiwillig auszureisen.“ Mit der Unterschrift wären sie zwar „kooperationsfreudig“, besiegelten aber auch unter Umständen ihr eigenes Schicksal.

Bereits der erste Versuch, in Deutschland Asyl zu erhalten, scheiterte für Familie Haxhija nach drei Jahren. Freiwillig ging die Familie damals in ihre Heimat zurück und wagte den erneuten Versuch im Frühjahr 2019. Im November drangen, nach Aussage der Familie, mehrere Beamte der Polizei und Mitarbeiter der Ausländerbehörde mitten in der Nacht unangekündigt in die Wohnung der Familie, nachdem das Sozialamt ihnen die Tür aufgeschlossen hatte.

Erzwungene Ausreise

 „Gewaltsam wurde meine Mutter an den Handgelenken gepackt und wir bekamen 20 Minuten, um unsere Koffer zu packen. 20 Kilogramm pro Koffer“, berichtet Amarildo von den erschreckenden Ereignissen der Nacht. Anschließend wurde die Familie zum Flughafen nach Düsseldorf gefahren, um nach Albanien abgeschoben zu werden. Doch so weit kam es nicht, der Flug war ausgebucht. Die Familie wurde zurück nach Lennestadt gebracht. 

Dabei hätte der Familie diese Prozedur erspart werden können. Nach Aussage der Klassenlehrerin Ulrike Führer versäumte es die vom Gericht bestellte Rechtsbetreuerin, die Anwältin der Familie und das Gericht von einem Betreuungsbeschluss für die an Depressionen leidende Mutter in Kenntnis zu setzen. Mittlerweile habe die Anwältin einen Eilantrag gestellt, doch mit einer schnellen Antwort sei aufgrund der Überlastung der Gerichte nicht zu rechnen.

Getrennte Familie 

Anfang Dezember wiederholte sich die Tortur für die vierköpfige Familie. „Polizeibeamte brachen die Tür der Wohnung dieses Mal gewaltsam auf“, sagt Ulrike Führer, „und nahmen den Vater der Familie in Gewahrsam.“ Aurora und Amarildo übernachteten an diesem Abend bei Freunden. Trotzdem wurde Aurora gefunden und von Polizeibeamten vor den Augen ihrer Freundin abgeführt, schildert eine Klassenkameradin weiter. Am Flughafen in Düsseldorf fragte man das Mädchen noch, ob es mit dem Vater nach Albanien fliegen oder lieber bei der kranken Mutter bleiben möchte.

Die Freundinnen und Klassenkameraden von Aurora Haxhija (2.v.l.) sammeln mit verschiedenen Aktionen Spenden für die getrennte Familie.

Aurora entschied sich, bei ihrer Mutter zu bleiben, die aufgrund ihrer Depressionen nicht transportfähig war, wurde aber dennoch gegen ihren Wunsch mit ihrem Vater nach Albanien ausgeflogen. Amarildo versteckte sich noch eine Woche lang bei Freunden, bevor er sich wieder bei seiner Mutter meldete, die derweil allein im Flüchtlingsheim in Oedingen lebte. Seit den Weihnachtsferien sind Amarildo und seine Mutter nun sich selbst überlassen, da jegliche Planungen der Ämter zum Erliegen kamen.

Es herrscht bei Auroras ehemaliger Klassenlehrerin Ulrike Führer das Gefühl, dass „keine Menschlichkeit“ bei der Behandlung der Familie zugegen war. Sie möchte eine Sensibilisierung für das Flüchtlingsthema erreichen und hofft, dass mehr auf die einzelnen Schicksale geachtet wird, als bloß auf den Namen, der auf dem Papier steht. „Aber während Richter offensichtlich nur auf Paragraphen schauen dürfen, können wir menschliches Schicksal ins Auge nehmen und die Familie unterstützen.“ 

Waffelverkauf und vieles mehr

Auch Auroras Klassenkameraden versuchen mit verschiedenen Aktionen der Familie zu helfen. Dabei sind die Schüler der 6c des Gymnasiums der Stadt Lennestadt so motiviert und engagiert, dass sie die Aktionen lieber direkt durchführen würden, als lange und groß zu planen. So zogen die Jungen und Mädchen bereits von Tür zu Tür in Lennestadt und Kirchhundem, um Spenden für Familie Haxhija zu sammeln. Darüber hinaus wurden zwei Sparschweine in den Klassen platziert. Voller Tatendrang planen die Schüler jedoch noch weitere Aktionen für ihre abgeschobene Mitschülerin und deren Familie. 

So wurden nicht nur die Eltern der Klassenkameraden mit Hilfe eines Elternbriefes informiert oder die Mutter im Krankenhaus in Köln besucht, sondern auch der Verkauf von Waffeln vorbereitet und die Überlegung für einen Spendenlauf ist groß. Bereits über 300 Euro an Spenden trugen die Schüler der Klasse 6c zusammen. Doch es ist nur ein kleiner Anfang, denn die Familie Haxhija benötigt Hilfe. „Eigentlich sollte die Familie unter besonderem Schutz stehen, wie es Artikel 6 des Grundgesetzes festlegt“, betont Ulrike Führer.

Der Verkauf von Waffeln ist nur eine von vielen Aktionen der Klasse 6c, um Aurora und ihrer Familie zu helfen.

Albanien gilt zwar als „sicheres Herkunftsland“, doch die soziale und wirtschaftliche Lage unterscheidet sich drastisch von Deutschland. „Die ärztliche Versorgung in Albanien ist unzureichend und entspricht bei weitem nicht dem deutschen Standard“, heißt es auf der Website des Auswärtigen Amts. Des weiteren zählt Albanien zu den ärmsten Ländern in Europa und durch die besonders hohe Arbeits- und Jugendarbeitslosigkeit gibt es kaum Hoffnung auf eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle. Erst kürzlich ereignete sich dazu noch in der Heimat von Aurora und ihrem Vater ein schwerwiegendes Erdbeben.

Zusätzlich zur neuen Situation ist das Mädchen täglich auf sich allein gestellt, weil der Vater versucht eine neue Existenz für die Familie aufzubauen. Dabei stände ihm eine Arbeitsstelle in Deutschland zur Verfügung. „Das Bauunternehmen Behle hatte dem Vater mündlich eine Stelle zugesichert“, erzählt Ulrike Führer. Dafür sei er fünf Mal pro Woche für sechs Stunden zu einem Sprachkurs nach Siegen gefahren. „Er wollte arbeiten und nicht von Sozialhilfe leben.“ 

Auch Aurora war in ihrer Klasse herzlich aufgenommen worden. Ein Jahr lang besuchte sie das „GymSL“, nahm an Klassenausflügen teil und war Mitglied der Bläserklasse. „Sie spielte Klarinette und war gut integriert“, erzählt Ulrike Führer. Durch die Zwangsausweisung hat Aurora nun eine Einreise-sperre von 36 Monaten, dazu den Stempel „Abgeschoben“ im Ausweis.

Zukunft der Familie ungewiss

Ihr Bruder Amarildo besucht die zehnte Klasse der Berufsschule in Lennestadt und hat eine Ausbildungsstelle in einer Bäckerei in Aussicht. Diese Lehrstelle darf er aufgrund seines momentanen Status jedoch nicht antreten. Amarildo hat den Wunsch, in Deutschland seinen Schulabschluss zu erwerben und hier zu bleiben. Auch die medizinische Versorgung seiner Mutter kann in Deutschland besser gewährleistet werden. Trotz all ihrer bisherigen Strapazen ist die Zukunft der getrennten Familie Haxhija noch immer ungewiss.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare