Goldgräberstimmung im Wald - Wettlauf mit dem Borkenkäfer

Halberbracht. Der Bockenberg über Halberbracht sieht aus wie Britney Spears nach der Schur.

„Gastarbeiter“ schaffen rund um die Uhr das Holz aus den Bergen

Da, wo Kyrill gewütet hat und die Mannen um Wolfgang Schmid aufgeräumt haben, steht nix mehr. Nur noch Stümpfe bedecken die Bergkuppe, Festmeter um Festmeter wird ordentlich an den schlammigen Waldwegen aufgebanst.

Gastarbeiter haben die Sauerländer Wälder als wahre Goldgrube für sich entdeckt. Finnen und Österreicher werkeln im Hochsauerland, Wolfgang und Thomas Schmid sind aus Füssen im Ostallgäu.

Der gesamte Trupp - drei Bayern und zwei Tschechen - hat vor Karneval elf Tage ohne Unterbrechung Holz geschlagen.

Der Raupenharvester HVT der 24-Tonnen-Klasse (Neupreis eine knappe halbe Million Euro) ist einer der größten und stärksten Europas. 16 Stunden täglich entastet und sägt die 230-PS-starke Maschine umgefallene Nadelbäume und schichtet sie auf - wie ein riesiger motorisierter Bleistiftanspitzer zerlegt er das Holz in Fünf-Meter-Stücke.

„In elf Tagen haben wir über 2700 Festmeter geschlagen“ erzählen die Füssener, die dem maroden Bockenberg im Schichtdienst zu Leibe rücken. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der ebenfalls mitgebrachte Rückewagen (knappe Viertelmillion Euro) malocht im Zwei-Schicht-Betrieb 24 Stunden durch.

Denn es ist nicht nur hier ein Wettlauf gegen die Zeit, sondern auch gegen den natürlichen Feind Nummer eins: den Fichtenborkenkäfer.

Die Population ist durch den nicht vorhandenen Winter gekommen und jetzt sitzt der hungrige Bursche irgendwo im Unterholz, wahrscheinlich schon eine Serviette um und Messer und Gabel in der Hand.

Denn die Forstexperten wissen längst: im nahenden Frühjahr droht der Generalangriff des Borkenkäfers auf Deutschlands Wälder, die durch den Klimawandel bereits weiträumig geschädigt sind.

Die für den Käfer günstige Konstellation „trockener Sommer 2006/warmer Winter 06/07 plus Kyrill“ lässt die Waldbauern in Hab-acht-Stellung verharren.

Die nimmersatten Krabbeltiere mit ihren jeweils bis zu 5000 Nachkommen stürzen sich mit Vorliebe auf die Fichten, die massiv vorgeschädigt sind. Mehr als andere Baumarten leidet die Fichte auch unter den zunehmend heißen Sommern, in denen oft ihr „Immunsystem“ versagt. Mangels Zugang zum Grundwasser kann der Flachwurzler in Trockenperioden nicht genügend Harz bilden, um die Bohrlöcher des Borkenkäfers zu verschließen.

Und so fällt der Lieblingsbaum der Holzindustrie nicht nur um, sondern sein Preis auch dramatisch in den Keller.

Das Holz geht sofort per Langholztransporter in Richtung Baden-Baden - dem Waldbauer bleiben dann nur noch 25 Euro pro Festmeter. Dazu gesellt sich für die Speditionen etwa 150 Euro einfache Strecke durch die Mautgebühren auf Deutschlands Autobahnen.

Hier liegt noch viel, viel Arbeit - sehen die Holz-Goldgräber noch für viele Monate voraus. Und trotzdem: „Wibke war schlimmer!“

[TIEF]Text: Gregor Breise[/TIEF]

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