Kurier-Serie „Mehr als nur Gäste“ – Miriam Hellner tauscht Mexiko-City gegen Oberelspe

Die große Liebe kommt durchs Modem

Einst war Mexico-City ihre Heimat. 30 Jahre lang. Dann kamen das Internet, der Zufall und die große Liebe.

Und machten aus Miriam Silva nicht nur Miriam Hellner, sondern auch eine glücklich verheiratete Mutter zweier Kinder mit mexikanischem und deutschem Pass. Die das Leben in der nordamerikanischen Millionenmetropole vor zwölf Jahren gegen das beschauliche Dasein im 817-Seelen-Ort Oberelspe eingetauscht hat.

An die deutsche Kultur, vor allem aber an das Wetter habe sie sich lange Zeit gewöhnen müssen, sagt Miriam Hellner. „Dieser ganze Regen, vor allem im Herbst und im Winter, kann heute noch kräftig auf meine Stimmung drücken.“ Die ländliche Ruhe ihres jetzigen Heimatortes dagegen wisse sie zu schätzen – zumal sie sich den Traum eines jeden Einwohners von Mexico-City erfüllt habe, wenn auch weit entfernt: Auf dem Land zu leben. Fernab der Großstadt mit ihren endlosen Staus und der ewigen Hektik.

Und schließlich war es die Liebe, die sie ins Sauerland brachte. Die kam zufällig, im Frühjahr 2001. Über ein heute längst antiquiert wirkendes 56k-Modem und das das Instant-Messaging-Programm ICQ. Das hatte Burkhard Hellner damals auf seinem PC installiert. Ein Azubi hatte dem Bankkaufmann von dem weltweit verbreiteten Chatprogramm erzählt. „Um das zu testen, habe ich spaßeshalber nach einer Mexikanerin im Alter zwischen 24 und 29 Jahren gesucht und wahllos einen Namen angeklickt“, erzählt der 56-Jährige.

Der erstaunt war, tags darauf die Frage „Wer bist du?“ als Nachricht erhalten zu haben. Auf Deutsch. Verfasst von Miriam Silva, die als Wirtschaftsingenieurin bei Siemens in Mexico-City arbeitete und über ICQ ihre Deutsch-Kenntnisse für Gespräche mit deutschen Kunden aufbessern wollte. Aus einem lockeren Dialog entwickelte sich ein intensiver virtueller Austausch in jeder freien Minute.

Gegensätzliche Charaktere

„Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge liegen“, sagt Burkhard Hellner. Trotz oder vielleicht gerade wegen des stereotypen Gegensatzes des kühlen Deutschen und der heißblütigen Mexikanerin. „Mein Mann ist ein ruhiger, ein sehr lieber Mensch. Ich dagegen kann sehr explosiv sein. Das passt gut zusammen“, sagt Miriam Hellner.

Mit „einem Blumenstrauß und schweißnassen Händen“ holte Burkhard Hellner seine Online-Seelenverwandte im November 2001 am Flughafen Frankfurt am Main ab – und auch in der Realität funkte es zwischen beiden. So sehr, dass Miriam Silva sich dazu entschied, ihren Job in Mexico-City zu kündigen und nach Deutschland zu ziehen. Zunächst nach Nürnberg, wo sie bei einer Partnerfirma ihres ehemaligen Arbeitgebers beschäftigt war. Eine auf Bayern beschränkte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung hielt das Liebespaar nicht davon ab, sich alle 14 Tage zu sehen.

Im Dezember 2002 wurde aus der Fernbeziehung schließlich eine Ehe. Mittlerweile arbeitet Miriam Hellner als Ingenieurin im Bereich Produktionsverarbeitung in Elspe, nachdem sie noch zwei Semester Deutsch an der Universität in Siegen studiert hat. Die Hochzeit erhielt auch den Segen ihrer Familie in Mexiko. „Ich bin das jüngste von sieben Kindern und komme aus einer katholischen, konservativ geprägten Familie“, erzählt sie. Weshalb ihr die telefonische Beichte ihrer Schwangerschaft mehr Sorgen bereitet habe. Unnötig, wie sich herausstellte, die Familie sicherte ihr ihre volle Unterstützung zu.

So reiste Miriam Hellners Mutter zur Unterstützung ihrer jüngsten Tochter vor der Geburt ihrer Enkelin Maria nach Oberelspe; zudem finanzierte ihre Familie dem Paar eine pompöse kirchliche Hochzeit in Mexiko mit über 180 Gästen. Burkhard Hellner wurde als neues und geschätztes Familienmitglied „unglaublich herzlich aufgenommen“, sagt er.

Alle zwei Jahre geht es nach Möglichkeit mit den beiden Kindern Maria (elf Jahre) und Alexander (8), die zweisprachig erzogen wurden und seit vier Jahren neben der deutschen auch die mexikanische Staatsbürgerschaft haben, im Urlaub nach Mexiko. Zu den Verwandten. Oder vielmehr der Familie. „Anders als in Deutschland, wo unterschieden wird zwischen der Kernfamilie und Verwandten, sind wir in Mexiko alle eine Familie“, erklärt Miriam Hellner. Weshalb der regelmäßige Kontakt wichtig sei. Der erfolgt vor allem telefonisch und virtuell.

Sauerland-Kultur für mexikanische Gäste

Und immer wieder bekommt die vierköpfige Familie Besuch aus Mexiko. Seit Mittwoch etwa sind Miriam Hellners Schwester Alicia, ihr Mann Vicente und Sohn David in Oberelspe zu Besuch. Sight Seeing – regional wie überregional – sei bei solchen Anlässen stets Pflicht, erzählt Burkhard Hellner. „München, Berlin, Hamburg – das sind für Mexikaner keine Entfernungen. Die wollen alles sehen.“ Und da hätten das Sauerland und die nähere Umgebung auch Einwohnern einer Millionenmetropole einiges an Sehenswürdigkeiten zu bieten. Die Atta-Höhle, die Krombacher-Brauerei und die Karl-May-Festspiele in Elspe jedenfalls seien der mexikanischen Verwandtschaft längst bestens bekannt, erzählen die Hellners.

Für die es zumindest eine Option sei, im Rentenalter noch einmal umzuziehen. Weg aus Oberelspe. Nach Mexiko. (Von Sven Prillwitz)

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