Über Hass und Toleranz

„Pride Month“ Juni: 1Live-Moderator Benni Bauerdick im Interview

Benni Bauerdick steht beim Radiosender 1Live in der Öffentlichkeit und stammt aus Lennestadt.
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Benni Bauerdick steht beim Radiosender 1Live in der Öffentlichkeit und stammt aus Lennestadt.

Lennestadt/Köln – Pride Month“ – Jedes Jahr aufs Neue findet er im Juni statt, der Monat, der der LGTBQIA+-Community* gewidmet ist. Ein Monat, der seit den 60er Jahren an die langen Kämpfe für Gleichberechtigung in Ehe- und gesellschaftlichen Rechten erinnert. Doch dieses Jahr ist alles anders: Durch Corona sind viele CSDs abgesagt worden. Ein Grund mehr, um das Thema mehr ins Licht zu rücken. Der 1Live-Moderator Benni Bauerdick stammt aus Lennestadt und war bereit, für den SauerlandKurier die Frage nach dem „Wie geht es weiter?“ zu beantworten.

Diesen Monat ist Pride Month. Was bedeutet das für Sie persönlich? Wozu nutzen Sie diesen Monat privat und in Ihrer Arbeit als Journalist?

Der Pride Month ist für viele Menschen auf der Welt ein besonderer Monat. Weltweit demonstrieren Menschen für die gleichen Rechte, für mehr Akzeptanz und Toleranz für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Trans-, oder auch Intersexuelle. Der Christopher Street Day hat inzwischen eine über 50-jährige Tradition, die wir im vergangenen Jahr im WDR-Fernsehen mit einer großen CSD-Show gefeiert haben. Ich war als Fernseh-Redakteur für die Inhalte der Sendung mitverantwortlich und habe beispielsweise Gäste wie ESC-Ikone Conchita Wurst für unsere Show gewinnen können. Aber ich seh es als meinen Job und meine Pflicht an, nicht nur im Pride Month für die Rechte der LGBTTQ-Szene zu kämpfen, sondern tu das sowohl privat, als auch beruflich das ganze Jahr über.

Der Pride Month findet dieses Jahr unter Corona-Bedingungen statt. Das bedeutet: Viele CSDs sind abgesagt, viele Treffs der LGTBQIA+-Community fallen aus, auch Selbsthilfegruppen liegen momentan auf Eis. Welche Herausforderungen stellt Corona an die Community und welche Alternativen lässt sie sich einfallen?

Es gibt und gab in den letzten Wochen einige Pride-Veranstaltungen, die online stattgefunden haben. Im kleinen Rahmen gab es Talks, Diskussionen, oder Auftritte von Künstler*innen. Es ging und geht vor allem darum, das sich Menschen vernetzen, gemeinsam feiern und zeigen, wie bunt unsere Gesellschaft ist. Und das ist das große Problem der Corona-Pandemie. [...] Denn das ist das wirklich besondere an der LGBTTQ-Community: der Zusammenhalt und das „Wir-Gefühl“.

"In der Schule als 'Schwuchtel' bezeichnet"

Viele Psychologen haben zu Beginn des Lockdowns bereits vor steigenden Zahlen der häuslichen Gewalt gewarnt. Wie kritisch sehen sie die Situation von Community-Mitgliedern, die in einem trans- oder homophoben, häuslichen Umfeld leben?

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie schlimm es für junge, ungeoutete Menschen sein muss, die in einem homophonen Umfeld leben und/oder Opfer häuslicher Gewalt sind. So etwas darf nicht sein und darf nicht passieren. Es gibt bislang - soweit ich weiß - noch keine aktuellen Zahlen, oder Studien dazu, die belegen, was einige Psychologen vermutet haben. Aber eine Trans- oder Homophobie darf es in Deutschland nicht geben. Jeder Mensch ist auf seine eigene Art anders und besonders. Hass und Gewalt in jeglicher Form lehne ich ab.

Denken Sie, es gibt Toleranzunterschiede/Präsenzunterschiede der Community in städtischen und ländlichen Gebieten?

Ich glaube, die gibt es. Ich habe selbst erlebt, dass ich als schwuler, junger Mann in der Schule gemobbt und als „Schwuchtel“ bezeichnet wurde. Wenn ich daran zurückdenke, macht mich das wütend und traurig. Mobbing und Diskriminierung aufgrund einer sexuellen Orientierung oder Identität sind mehr als unangebracht undkönnen Menschenleben zerstören. Die Stadt ist bunt. Hier leben viele unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, mit unterschiedlichen Lebens- und Liebesformen. Ich hab das Gefühl, dass hier weniger mit dem Finger auf jemanden gezeigt wird, nur weil er vermeintlich „anders“ ist. Aber da kann ich auch nur für mich persönlich sprechen. Andere Menschen haben vielleicht andere Erfahrungen gemacht.

Anfang des Jahres haben Sie einen „Berlin Tag und Nacht“-Schauspieler aufgrund seines Wortgebrauches von „schwul“ als Schimpfwort kritisiert. Was denken Sie, sind die Gefahren und Möglichkeiten von Social Media?

Soziale Netzwerke bergen Gefahren und Möglichkeiten zugleich. Menschen können sich vernetzen und helfen. Das ist eine tolle Möglichkeit und ein technischer Fortschritt. Nichtsdestotrotz - Anfeindungen, Hass und Mobbing finden heutzutage häufiger im Netz als auf der Straße statt. Hate-Speech wird so einfach verbreitet wie noch nie. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, was sie mit ihren Worten anstellen können.

"'Schwul' hat sich als Schimpfwort etabliert"

Kurz darauf starteten Mitglieder der LGTBQIA+-Community* den Hashtag #DudenIstSchwul: In seiner Begriffserklärung des Wortes „schwul“ gibt der Duden ein Beispiel dafür, wie das Wort „schwul“ diskriminierend verwendet werden kann („Die Klassenfahrt war voll schwul“). Das war im Januar, der Duden hat seine Begriffserklärung immer noch nicht verbessert. Wie kann der Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Sprache entgegengewirkt werden?

„Schwul“ hat sich im deutschen Sprachgebrauch als Schimpfwort etabliert. Sprache ist immer auch ein Abbild unserer Gesellschaft. Der Begriff „Schwul sein“, ist in vielen Kontexten negativ konnotiert. Das war auch die Kritik, die ich Anfang des Jahres in den Sozialen Netzwerken gepostet habe. Es ist wichtig, dass „schwul“ nicht als Adjektiv entfremdet wird, sondern einfach nur die Bezeichnung einer sexuellen Orientierung bleibt.

Wenn man sieht, dass laut Bundesinnenministerium die Gewalttaten gegen Community-Mitglieder sich von 2013 auf 2018 fast verdoppelt haben, kann man sich denken, trotz Einführung der Ehe für Homosexuelle 2017 und des kürzlich eingeführten Verbotes von Konversionstherapien für Minderjährige gibt es noch reichlich Handlungsbedarf. Wie sollten Handlungen zugunsten der Community Ihrer Meinung nach aussehen?

Ein weiteres Thema, das die Grünen aktuell wieder auf den Weg gebracht haben und über das erneut im Bundestag diskutiert wird: das Blutspendeverbot von Männern, die Sex mit Männern haben. Sie dürfen aktuell nur dann Blutspenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex bzw. Sex mit nur einem Partner hatten und dies nachweisen können. Das ist eine Regelung die absolut lächerlich und unnötig ist. Es handelt sich hierbei um eine Diskriminierung von Männern, die Sex mit Männer haben. Und: Blut wird, bevor es weitergeben wird, immer geprüft. Sollte also doch ein HIV-Infizierter Mann Blutspenden, wird das im Labor sofort erkannt und die Konserven aus dem Verkehr gezogen. Manchmal ist in den Köpfen vieler auch heute noch ein veraltetes Bild von Schwulen, Lesben, Bi,- oder Transsexuellen Menschen, das oft klischeebehaftet ist. Das mit diesen Vorurteilen endlich aufgeräumt wird, ist der nächste, wichtige Schritt in unserer Gesellschaft.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Diskriminierung gemacht/welche Stigmata sind Ihnen im Alltag begegnet? Welchen Appell haben Sie an Menschen, die diskriminieren und welchen Rat an Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind?

Ich bin selbst als Teenager im Sauerland gemobbt und als „Schwuchtel“ beschimpft worden. Das passiert auch heute noch immer mal wieder in Köln, wenn ich zusammen mit meinem Mann durch die Stadt gehe. Ich hab gelernt damit zu leben. Aber ich will, dass sich das ändert und das Menschen nicht mehr lernen müssen, damit zu leben. Ich wünsche mir, dass wir alle gemeinsam gegen Hass und Diskriminierung kämpfen. Und den Mund aufmachen, vor allem oder besonders dann, wenn wir selbst nicht von Diskriminierung betroffen sind. Menschen, die trotz ihrer sexuellen Orientierung oder Identität im Alltag beschimpft, oder diskriminiert werden kann ich nur raten, sich Hilfe zu holen. Es gibt wunderbare Anlaufstellen der Community, bei denen man mit Anderen über eigene Erfahrungen und Probleme reden kann. Denn das ist das wichtigste: Missstände, Hass, Gewalt ansprechen und sie nicht verschweigen oder wegschauen.

*LGBTQIA+: lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer, intersexuell, bisexuell sowie weitere Geschlechteridentitäten, Anm. d. Red.).

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