60 Jahre NATO, 50 Jahre FlaRak, 40 Jahre Sauerlandkaserne

Dieses Foto zeigt die ersten Soldaten, die 1960 in Oedingen ihren Dienst antraten.

Das NATO-Gipfeltreffen anlässlich des 60. Geburtstags des eigentlich politischen Bündnisses ist vorüber und hat für genügend Schlagzeilen in den Massenmedien gesorgt. Den Wenigsten ist dabei wohl aufgefallen, dass die Ortschaft Oedingen 40 Jahre lang eine große Rolle innerhalb des Bündnisses gespielt hat.

Der Sauerlandkurier suchte einen Zeitzeugen und sprach mit einem ehemaligen Angehörigen der Oedinger Sauerlandkaserne. August Freimuth kam nach seiner Grundausbildung im Juni 1971 als junger wehrpflichtiger Soldat nach Oedingen und begann seine militärische Laufbahn im Abschußbereich am Waffensystem NIKE-Hercules. Dort durchlief er mit der Zeit alle Funktionen. Nach der Abschaffung des Systems NIKE wurde er auf das moderne Flugabwehrraketensystem PATRIOT ausgebildet. Vom Dienstgrad gesehen durchlief er die Laufbahn der Mannschaften über die der Unteroffiziere ohne und mit Potepee bis zur Laufbahn der Offiziere. Er ging als Hauptmann in den Ruhestand und widmet sich nun unter anderem der Geschichte der Sauerlandkaserne.

Alles begann in den Jahren des sogenannten kalten Krieges. Im geteilten Deutschland standen sich Ost und West mit ihren unterschiedlichen Ideologien und einem gewaltigem Waffenpotential direkt gegenüber. Die NATO setzte damals auf die Strategie der massiven Vergeltung (Masssiv Retaliation). Im Zuge dieser Strategie war es unter anderem von Nöten, dem größeren Waffenpotential des Warschauer Pakts auch ein möglichst undurchlässiges Luftverteidigungssystem entgegenzusetzen.

Dieser Entschluss wurde Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts gefasst und im Jahre 1959 teilte das Bundesverteidigungsministerium der Öffentlichkeit ihre Standortwahlen mit. Somit erfuhr die Bevölkerung und dadurch auch Oedingen also tatsächlich vor nun 50 Jahren von dem Vorhaben der NATO und des Bundesverteidigungsministeriums, hier eine Luftverteidigungsanlage zu installieren.

Als diese Veröffentlichung geschah, waren aber schon viele Angehörige der damals noch jungen Bundeswehr für die zu installierenden Waffensysteme ausgesucht und in den USA, präziser in Fort Bliss bei El Paso, zur Ausbildung an dem Waffensystem vor Ort. Das erste Kontingent von Soldaten, das in einem Flugabwehrraketenbataillon zusammengefasst wurde, waren die des FlaRakBtl 21. Als Geburtstag gilt immer der Tag des Organisationsbefehls (Aufstellungsbefehls). So feiert die nun in Raum Sanitz (bei Rostock) ansässige FlaRakGrp 21 jetzt ihr 50-jähriges Bestehen.

1962: Soldaten kamen nach Oedingen

Die für Oedingen vorgesehenen Soldaten waren damals auch schon in der Ausbildung, wussten aber zu dem Zeitpunkt noch nichts von ihrem späteren Standort. Nach der Auswahl der Standorte begann man auch alsbald mit dem Bau der Stellungsbereiche am Hirtenberg und auf dem Buchhagen und ab 1960 mit dem Bau der Kaserne auf der Endert, oberhalb von Oedingen. Zu dieser Zeit waren dann auch die für Oedingen vorgesehenen Soldaten zu einem FlaRakBtl 22 zusammengefasst worden und, weil der Bau in Oedingen noch nicht fertig war, in Köln-Wahn, auf dem jetzigem Flughafengelände, mit ihrem Flugabwehrraketen-Waffensystem NIKE in Stellung gegangen. Erst im Jahre 1962 kamen die ersten Soldaten der 1. Batterie des Flugabwehrraketenbataillons 22 (kurz: 1./FlaRakBtl 22) von Köln-Wahn nach Oedingen und begannen mit dem Aufbau in den Stellungen. Da die Kaserne noch nicht bezugsfertig war, übernachtete man in den Stellungsbereichen und wurde in der Schützenhalle von Oberelspe verpflegt. Erst im August 1962 wurde die später Sauerlandkaserne genannte Unterkunft bezogen. Von diesen Tagen an wurde das Leben in Oedingen und Umgebung einem Wandel unterzogen. Häuser wurden gebaut, das Geschäftsleben wurde aktiver, Arbeitsplätze entstanden und nicht zuletzt stieg auch die Einwohnerzahl Oedingens. In den 40 Jahren, die die Sauerlandkaserne aktiv war, floss zudem sehr viel Geld durch Baumaßnahmen und Bauerhaltung in die Region.

Oedingen war nun Teil eines Luftverteidigungsgürtels der NATO, der von Norwegen bis in die Türkei reichte. Er war am dichtesten und in Höhe und Tiefe des Luftraumes mehrfach überlappend bei uns in Deutschland. Auch der Name Oedingen war nun viel bekannter geworden. Angehörige der NATO kamen nach Oedingen und Oedinger Soldaten nahmen den Namen mit in alle NATO-Staaten. Wieviele Soldaten in den 40 Jahren in der Sauerlandkaserne ihren Dienst taten ist nicht genau bekannt. Wenn man aber mal die Durschnittsstärke der Einheit und die Standzeit von Wehrpflichtigen, Soldaten auf Zeit und Berufssoldaten zu Grunde legt, so kommt man auf weit über 10.000 Mann. Hierbei sind die Familien nicht mit eingerechnet. Auch über 30 Arbeitsplätze für ziviles Personal waren ständig vorhanden. Noch heute erhalten viele Rentner und Pensionäre in Oedingen und Umgebung ihre Ruhegelder aus diesen Zeiten.

Die Dienste waren nicht immer einfach

Wie uns Freimuth schilderte, war es nicht immer einfach den geforderten Dienst zu leisten. Es lag in der Natur der Sache, dass das Waffensystem rund um die Uhr besetzt war und einsatzbereit gehalten werden musste. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zweiundfünfzig Wochen im Jahr - im stetigen Wechsel befanden sich die vier Einheiten eines Flugabwehrraketenbataillons im Bereitschaftsstatus. Da sich die Einheiten in ihrem Wirkungsbereich mehrfach überlappten, musste im wöchentlichen Wechsel eine Einheit in 30-Minuten, eine innerhalb 6-Stunden und eine innerhalb 12-Stunden in der Lage sein, den ersten ihrer Lenkflugkörper im Falle eines Angriffs zu verschießen. Die vierte Batterie wurde aus dem Status genommen und bekam Gelegenheit ihr Gerät zu warten und periodisch zu überprüfen. Fiel eine der Einheiten aus, so mussten die verbliebenen den Reigen des jeweiligen Bereitschaftstatus wieder aufnehmen. Diese ständige Präsenz wurde in einem Schicht-Rhythmus mit einer ständigen hohen Belastung des Personals erkauft. Im 3-Schicht-Rhythmus befand sich das Personal einer Kampfbesatzung pro Woche so um die 100 Stunden im Dienst, war eine der KBs in Urlaub, beliefen sich die Dienststunden auf über 120 pro Woche.

Diese hohe Belastung änderte sich erst als die Mauer fiel und letztendlich Deutschland wiedervereint wurde. In diese Zeit fiel zufällig auch die schon vorher geplante Umrüstung des Luftverteidigungsgürtels der NATO. Für das in die Jahre gekommene System NIKE wurde das moderne und sehr mobile Flugabwehrraketensystem PATRIOT eingeführt.

Standort Oedingen 2002 geschlossen

Mit dem Waffensystemwechsel wurde auch die militärische Unterstellung geändert. Die Oedinger Einheit war nun die 5. Staffel der Flugabwehrgruppe 21, die ihren Sitz in Echtrop am Möhnesee hatte. Während dieser Zeit wurden die FlaRak-Standorte neu betrachtet und das alte Verteidigungsgürtel-Prinzip wurde eigentlich obsolet. Die weitere politische Entwicklung führte dann auch dazu, dass man aus Gründen der Sparsamkeit die militärischen Verbände zusammenstrich und die verbliebenen an ausgesuchten Standorten zusammenfasste. Die Oedinger Einheit verlies somit im Jahre 2002, nach genau 40 Jahren, ihren Standort und verlegte nach Mengeringhausen (Bad Arolsen).

Das war der Moment, wo Oedingen aus dem Tagesgeschehen der NATO verschwand. Aber auch das Zuhause in Nord-Hessen wurde schon bald Opfer der Reformen. Nach einem Jahr wurde die gesamte FlaRak aus ihren verbliebenen Standorten in drei FlaRak-Bereichen zentriert. Im Süden ist dies das FlaRak-Geschwader 5 mit Sitz in Erding (Bayern), im Nord-Osten das Geschwader 2 mit Sitz in Bad Sülze (Mecklenburg-Vorpommern) und im Norden das Geschwader 1 mit Sitz in Husum.

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