Jeder kann Opfer werden

Marie-Theres Hanfland leitet die Außenstelle des 'Weißen Rings' im Kreis. Foto: harpo

"Jeder kann heute Opfer werden. Unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen oder Bildung", sagt Marie-Theres Hanfland aus Altenhundem. Die Rechtsanwältin ist nach Feierabend ehrenamtlich als Außenstellenleiterin des Kreises Olpe für den Verein "Weißer Ring" tätig und unterstützt Opfer von Straftaten. 2008 trat sie die Nachfolge von Heinz Brosterhus aus Oedingen an.

Gewalttäter werden beachtet. Krimi- und Thrillerreihen drehen sich um das Phänomen der Gewalttätigkeit. Die Medien berichten ausführlich über sie. Täterprofil, Biografie, Therapiefähigkeit, Resozialisierung; Verursachern von Straftaten wird große Aufmerksamkeit entgegengebracht. Aber wo bleibt das Opfer? "Wir haben in Deutschland ein Täter-orientiertes Strafrecht, die Interessen der Opfer finden noch nicht die gleiche Berücksichtigung."

Rund 150 Opfer von Straftaten haben Marie-Theres Hanfland und ihre Mitarbeiter seit 2008 im Kreis Olpe betreut. Beruf und Ehrenamt werden strikt getrennt: "Ich habe zu Hause ein Opfertelefon, das ich abends abhöre." Die Leiterin der Außenstelle schildert den Alltag einer Kontaktaufnahme. "Anhand der Anrufliste meines Opfertelefons rufe ich zunächst zeitnah zurück und kann manchmal schon am Telefon ,Erste Hilfe' leisten. In der Regel kommt es danach zu einem Treffen mit dem Opfer. Das Wichtigste ist dann: Zeit lassen, zuhören und Vertrauen vermitteln. Anhand der Informationen, die ich von dem Betroffenen erhalten habe, plane ich die weitere Hilfe. Das kann beispielsweise die Vermittlung zu einem Traumatologen oder einem Psychotherapeuten sein." Der "Weiße Ring" hat ein System aufgebaut, das konkrete Hilfe bietet: "Wir können bei Bedürftigkeit Beratungsschecks für Therapeuten und Anwälte ausstellen, die ihr Honorar vom ,Weißen Ring' erhalten. Inzwischen gibt es auch einen ,Rechtsmedizinischen Scheck' zur Beweissicherung bei Verletzungen. Wir gehen auch als ,Zeugenbeistand' mit zu Gerichtsverhandlungen, um durch bloße Anwesenheit zu unterstützen. Wir helfen beim Umgang mit Behörden, füllen Formulare aus, wenn persönliche Verluste ausgeglichen werden müssen."

Hilfe durch Beiträge und Spenden

Auch finanzielle Hilfen sind möglich, wenn das Opfer durch die Straftat in finanzielle Not geraten ist. "Wir vermitteln auch Kindern, die Opfer geworden sind, Freizeiten, damit sie sich erholen können." Mit der Vermittlung von Hilfe im Akutfall ist es aber nicht getan: "Wir betreuen manche Menschen über Monate und Jahre hinweg, sind bei Bedarf immer wieder für ein Gespräch und weitere Unterstützung da." Sie fährt fort: "Wir helfen auch, wenn kein Strafantrag - aus welchem Grund auch immer - gestellt worden ist. Wir versuchen einfach zu helfen, wo wir nur können. Dabei hilft uns auch die gute Kooperation im Kreis Olpe, beispielsweise mit dem Netzwerk Häusliche Gewalt, dem Verein ,Frauen helfen Frauen', den niedergelassenen Ärzten und Therapeuten."

Für jemanden, der nie Opfer einer Straftat geworden ist, ist die Gefühlslage des Opfers nur schwer nachzuvollziehen: "Stellen Sie sich vor, Sie sind zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort und werden völlig grundlos zusammengeschlagen, stehen in keiner Beziehung zu dem oder den Tätern. Sie fühlen sich hilflos und gedemütigt, haben Schmerzen und Angst. Oder es wird in Ihrer Wohnung eingebrochen, Ihre Intimsphäre wird massiv verletzt; der Glaube an die Sicherheit in den eigenen vier Wänden ist weg. Aus dem Alltag heraus plötzlich Opfer zu werden, belastet immens. Es kann mitunter zu langer Angst vor dem Verlassen der Wohnung, vor Dunkelheit oder auch vor größeren Menschenansammlungen führen, Fälle von jahrelanger häuslicher Gewalt beeinträchtigen die Opfer in ihren Grundfesten." Der "Weiße Ring" schult seine Mitarbeiter umfassend und regelmäßig: "Wir kümmern uns nur nach vorheriger intensiver Ausbildung um die Verbrechensopfer." Auf einen Grundkurs folgt der Fortgeschrittenenkurs, die Altenhundemerin wurde zusätzlich zur Außenstellenleiterin für den Kreis Olpe fortgebildet. "Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit, uns zu speziellen Themen wie zum Beispiel Stalking weiterbilden zu lassen. Wir Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig. Unsere Auslagen erhalten wir allerdings erstattet. Der ,Weiße Ring' erhält als privatrechtlich organisierter gemeinnütziger Verein keinerlei öffentliche Mittel, ist ausschließlich auf Mitgliedsbeiträge und das Wohlwollen von Spendern angewiesen." Kriminalitätsopfer haben keine Lobby. Selbst nach brutalen Überfällen wie in München, Berlin oder Warnemünde erlischt das öffentliche Interesse schnell.

Was motiviert Marie-Theres Hanfland und ihr Team: "Das Wissen, wichtige Hilfe zu leisten. Ich spüre bei den betroffenen Menschen, wie gut ihnen die Zuwendung tut; diese Rückmeldung verschafft Zufriedenheit und spornt weiter an. Und natürlich ist die Zusammenarbeit mit meinem sehr engagierten Team toll."

Wer helfen will, kann an den "Weißen Ring" spenden: "Es ist mir möglich, für einen Verwendungszweck speziell für unseren Kreis Olpe zu sorgen. Ein Spendenkonto lautet: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Konto 34 34 34 500. Mithilfe kann auch für nur 2,50 Euro im Monat geleistet werden und zwar bei Eingehen einer Mitgliedschaft. Wir sind für jegliche Unterstützung dankbar. Gerne stehe ich auch für die Beantwortung von Fragen zur Verfügung."

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