Man kann seine Träume erzählen

Auch in der Senioren-WG wird heute Weihnachten gefeiert. Dass ihr Lebensabend einmal eine so alternative Wohnform mit sich bringt hätten wohl niemand gedacht - doch das Leben als WG-ler bietet auch für ältere Menschen viele Vorteile. Fotos: Marita Sapp

Überall im Land wird Weihnachten gefeiert. Und auch in der Wohngemeinschaft des Josefinums sind die Räume festlich geschmückt. Dabei hat auch ein Zivi mitgeholfen, denn der jüngste WG-Bewohner ist immerhin schon 65 Jahre alt und einige Mitbewohner sogar schon weit über 80.

Die WG des Josefinums ist keine gewöhnliche WG, wie man sie aus der Studentenzeit kennt - es ist eine Senioren-WG. Das ist eine relativ neue Art des Zusammenlebens - zumindest was diese Alterklasse betrifft.

Aber sie bietet viele Vorteile. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer mit Bad. Aber Küche, Aufenthaltsecke, Abstellraum und "Waschküche" werden geteilt.

Das bedeutet für alle Bewohner ein großes Maß an Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Jeder kann kommen und gehen, wann er möchte. Aber das Zusammenleben mit anderen Menschen gibt Sicherheit und bietet Unterhaltung, die Menschen, die allein in ihrer Wohnung leben, nicht haben.

Das sagt auch Annemarie Hesse: "Man hat morgens schon jemanden, dem man seine Träume erzählen kann und dem man ,Guten Morgen' sagen kann."

Das Frühstück und auch das Abendessen bereitet sich jeder selbst zu. Mittags wird das Essen über auswärtige Anbieter geliefert. Doch wer selbst kochen möchte, kann auch das in der Gemeinschaftsküche. So wie Annemarie Hesse. Die 85-Jährige kocht sich selbst immer noch gern frische Gemüsegerichte und die Zutaten dazu, die ihre Enkeltochter oder Zivi einkaufen, kann sie in der Vorratskammer lagern.

Erich Hufnagel hat ebenfalls ein Zimmer in der neuen WG gemietet. Und dazu einen Garagenstellplatz für sein Auto. Denn Unabhängigkeit ist ihm sehr wichtig. Er ist ständig auf Achse - mit dem Auto sowie auch im Sommer mit seinem Fahrrad - besucht regelmäßig Freunde und Bekannte.

Viele Einrichtungen hat er sich angesehen, doch das Passende war nicht dabei.

Die Senioren-WG ist für ihn aber eine akzeptable Lösung: die eigene Unabhängigkeit bleibt gewahrt, aber die Gemeischaft mit andern bietet eine gewisse Sicherheit.

Die WG-Bewohner können, wenn sie möchten, an allen Veranstaltungen des Josefinums teilnehmen - zum Beispiel am Gedächtnistraining, an der Gymnastik oder am gemeinsamen Singen mit Akkordeonbegleitung.

Eine alternative Lebensform

Friedhelm Wagner ist einer der ersten Bewohner, die dort eingezogen sind. Seit dem 1. Mai 2010 lebt der 65-Jährige dort. Er ist blind seit seinem 18. Lebensjahr und suchte nach dem Tod seiner Mutter eine neue Wohnung, die ihm eine gewisse Sicherheit vermittelt, aber ein unabhängiges Leben lässt. Mittlerweile hat er sich gut eingelebt in seinem neuen Zuhause.

Auch Manfred Meyer weiß die alternative Lebensform zu schätzen, früher, als er noch in seiner alten Wohnung gelebt hat, habe er manchmal die ganze Woche über niemanden gesehen oder gesprochen. Das ist jetzt anders. Man kann sich in der Küche treffen, sich unterhalten, gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen - aber man kann sich auch zurückziehen in sein eigenes Zimmer.

Und obwohl der ein oder andere erst leichte Bedenken hatte, ob sich eine WG auch noch für das Seniorenalter eignet - haben sich alle recht gut eingelebt.

Die Feiertage haben die WG -Bewohner zum Teil bei ihren Angehörigen verbracht.

Diejenigen, die an Heilig Abend zu Hause in ihren neuen eigenen Vier-Wänden geblieben sind, konnten an der Weihnachtsfeier des Josefinums teilnehmen. Die fand um 15 Uhr statt. Und gestern Morgen, am ersten Weihnachtstag, kamen Musiker der Knappenkapelle Meggen vorbei und spielten sehr zur Freude aller Bewohner Weihnachtslieder in der Eingangshalle.

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