1. SauerlandKurier
  2. Kreis Olpe
  3. Lennestadt

Ein Mann der Tat – mit Worten

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null

Es ist noch nicht lange her, dass Franz Müntefering in Attendorn zu Gast war. Als Werbebotschafter für das Ehrenamt, jenes unverzichtbare Gut in Zeiten des demografischen Wandels.

Tosenden Beifall erntete der ehemalige sozialdemokratische Vizekanzler für seinen flammenden Appell. Auch Hans-Joachim Pfeiffer arbeitet mit Worten. Nur knapp 20 Kilometer weiter, in Altenhundem. Er ist einer dieser unverzichtbaren Ehrenamtler. Beifall bekommt der Rentner dafür nicht. Auch kein Geld. Will er auch gar nicht. Der 73-Jährige will anderen helfen – und findet dadurch für sich selbst einen Lebenssinn.

Erst ist es eine Träne, dann ein wahrer Strom. Meran wird von einem Weinkrampf geschüttelt, während er über seine Heimat, den Iran, spricht, über die Regierung und seine Familie, die noch dort lebt. Hans-Joachim Pfeiffer zögert nicht lange. Der großgewachsene grauhaarige Mann mit Brille steht auf und setzt sich neben seinen weinenden Schüler, reibt ihm mit der rechten Hand tröstend über den Rücken. Mitleid spiegelt sich in seinem Gesicht. Er wartet ab. Als Meran sich gefangen hat, klopft Pfeiffer ihm behutsam auf die Schulter. „Danke. Sie haben viel erzählt, und wir haben Sie gut verstanden“, sagt Pfeiffer und lächelt sein Gegenüber an. Es ist ein aufmunterndes, ein ehrliches Lächeln – und ein ansteckendes.

Sprachlehrer und Integrationshelfer

Es ist Montagmorgen. Zeit für Deutsch-Unterricht in Gruppenraum 1 des Sozialwerks St. Georg Altenhundem. Hier bringt Pfeiffer Migranten in dreistündigen Einheiten bei, sich in Alltagssituationen zusammenhängend auf Deutsch auszudrücken. Und bereitet sie auf die B1-Sprachprüfung des Deutsch-Tests für Zuwanderer vor. Einmal pro Woche macht der pensionierte Pädagoge das zurzeit. Sind es viele Teilnehmer, auch an zwei Tagen. Der Sprachkurs für Fortgeschrittene ist sein Beitrag als Mitglied der Ehrenamtsbörse EiL (Ehrenamt in Lennestadt).

Vor knapp zehn Jahren ging Pfeiffer in Rente. 37 Jahre lang hatte er Sport, Geschichte und Deutsch unterrichtet. Erst an der Volksschule in Maumke, später in Meggen an der Anne-Frank-Hauptschule. Von Ruhestand will er nichts wissen. Weil er Zeit hat. Weil er Menschen dabei helfen möchte, Deutsch zu lernen und sich zu integrieren. Und weil er die staatlichen Angebote als unzureichend kritisiert. „Da fehlen der Wunsch und das Interesse, den Menschen zu helfen“, sagt Pfeiffer.

In den 70ern, zu Bergbau-Zeiten im Siciliaschacht in Meggen, kamen viele Gastarbeiter aus der Türkei und Osteuropa nach Lennestadt. Pfeiffer bot Deutschunterricht für deren Nachwuchs an. Heute vermittelt er Erwachsenen die deutsche Sprache.

An diesem Montag sind es Meran und Ibrahima, ein Asylant aus Guinea. Pfeiffer sitzt mit ihnen an einem langgezogenen Holztisch. Die drei Männer wirken beinahe verloren in dem schlauchförmigen Raum. Es riecht nach Büchern. Und es geht um Vergangenheitsformen der deutschen Sprache.

Der 73-Jährige ist ein geduldiger Mensch, einer, der viel gestikuliert, während er mit ruhiger Stimme erklärt. Permanent sucht der den Augenkontakt mit seinen Schülern, spornt sie spielerisch an. „Wir fielen in unsere Betten“, liest Pfeiffer vor. „Welche Zeit ist das?“ „Präsens“, antwortet Meran. „Wirklich?“, fragt Pfeiffer, hebt die Augenbrauen und den rechten Zeigefinger und beugt sich vor. Auf seinem Gesicht ist ein Lächeln angedeutet.

Der freundliche Nachbohrer

Diese Art von Gestik und Mimik wendet er häufig an, es ist sein Markenzeichen als Lehrer. „Ja, vielleicht“, sagt Meran. „Nein, ich will es genau wissen“, sagt Pfeiffer und klopft mit der Hand auf den Tisch. „Aaah, Präteritum“, sagt Ibrahima und zeigt mit seinem Stift auf Pfeiffer. Grinsend erwidert der die Geste und nickt. Die Männer lachen.

Pfeiffer ist aus dem Westerwald, genauer gesagt aus Dillenburg, ins Sauerland und nach Meggen gekommen. 1965 war das, wegen seiner Frau Irmgard, mit der er heute drei Söhne hat. 1966 macht er sein Lehrerexamen an der Uni Gießen, etwa ein Jahrzehnt später beginnt er, sich aktiv politisch zu engagieren. In mehrfacher, nachhaltiger und prägender Hinsicht.

1976 erreicht die Anne-Frank-Hauptschule in Meggen ein Schreiben aus Mosambik. Ein spanischer Priester bittet um Unterstützung, um Straßen und eine Schule in dem Dorf Inkomati bauen zu können. Aus der Schulpartnerschaft wird vor allem für Pfeiffer und seine Gattin eine Herzensangelegenheit, die sie bis heute aktiv verfolgen. Mehrmals reist das Ehepaar in das Dorf nahe der südafrikanischen Grenze. Im Sommer bekamen beide Besuch von drei Lehrern und einem Dolmetscher aus Inkomati.

Wenn der 73-Jährige von dem Dorf spricht, ist die Rede von einer Lebensaufgabe, einer prägenden Erfahrung. Pfeiffer hat Fotos mitgebracht, die das Schulgelände zeigen und Schüler in Booten. Er lächelt, als er erklärt, was auf den Bildern zu sehen ist und welche Projekte durch die Schulpartnerschaft bereits realisiert worden sind. Seit dem Ende der 70er-Jahre engagiert sich der Rentner außerdem für Amnesty International, insbesondere für politische Gefangene.

Als Weltverbesserer sieht er sich nicht. Von Utopien will er nichts wissen. Konkrete Ziele interessieren ihn, die sich umsetzen lassen – und zwar gemeinsam.

„Wenn ich helfen kann, setze ich mich ein. Ich kann beispielsweise die Verhältnisse in Inkomati zusammen mit meiner Familie und Freunden ändern, nicht aber die Verhältnisse in Mosambik“, sagt Pfeiffer. Es ist ihm spürbar unangenehm, über sich selbst zu sprechen, im Vordergrund zu stehen.

Er hält es mit einem afrikanischen Sprichwort: „Wenn du schnell sein willst, geh’ allein. Wenn du weit kommen willst, geh’ mit anderen.“ Weshalb er 2009 den Thomas-Morus-Preis der Stadt Lennestadt für sein soziales Engagement nur widerstrebend entgegennahm.

Realist mit Idealen

Der großen und gestaltenden Politik dagegen hat er den Rücken gekehrt. Für zwei Amtsperioden saß der 73-Jährige für die SPD im Lennestädter Stadtrat. Als in den 80ern die Diäten für die Lokalpolitiker erhöht werden, verabschiedet sich der ehemalige stellvertretende Bürgermeister aus der lokalen Politik. Weil er die Erhöhung für unangemessen hält. 2001 bringt Gerhard Schröder den bekennenden Sozialisten dazu, aus der SPD auszutreten, weil der Kanzler der US-Regierung Deutschlands uneingeschränkte Solidarität im Afghanistan-Krieg zusichert. Der Begriff Solidarität angewandt auf den Krieg – für Pfeiffer ein echtes Ärgernis.

Sein Engagement bezeichnet er als Selbstverständlichkeit, die zermürbend sein kann. Weil nicht immer Hilfe oder Verständnis zu erwarten sind. Oder weil Hilfe an höheren Mächten scheitert. Wie im Falle des Irakers, eines ehemaligen Sprachschülers, der nach zwölf Jahren in Deutschland seine Familie im Irak gerne für ein paar Wochen hierher geholt hätte. Pfeiffer und ein Mitstreiter bei Amnesty International unterstützten den Mann bei Behördengängen, liehen ihm Geld. Vergebens. Die deutsche Botschaft in Teheran lehnte das Gesuch ab.

Umso mehr freut sich Pfeiffer über Fortschritte und Erfolge. Über die in Inkomati, über die seiner Schüler. Besonders gern erinnert er sich an den Brief, den ihm ein ehemaliger Sprachschüler zukommen ließ. Inhalt: Eine Kopie der bestanden C1-Sprachprüfung. 99 von 100 Punkten holte der Iraker, der mittlerweile praktizierender Arzt in Karlsruhe ist. Pfeiffer lächelt bei dieser Erinnerung. Wie der Lehrer, der bei seinem Lieblingsschüler weiß, dass er seinen Weg machen wird.

Die Menschen, denen er hilft, sind für den Rentner mehr als nur seine Schüler. Die Deutschstunde ist zu Ende. Er fragt Ibrahima, ob er etwas von Devine gehört habe, einem Nigerianer. Weil der sonst immer den Unterricht besucht, aber auch in der vergangenen Woche gefehlt hat, macht sich Pfeiffer Sorgen. Ibrahima schüttelt den Kopf.

Mehr als ein Lehrer

Da ist sie wieder, die Zermürbung. Pfeiffer runzelt die Stirn. Sorge macht sich in seinem Gesicht breit. Er hat es schon einmal erlebt, dass ein Sprachschüler mitten aus seinem Unterricht heraus abgeschoben wurde. „Ich habe das Gefühl, da stimmt etwas nicht“, murmelt der 73-Jährige, während er seine Jacke anzieht. Er blickt noch einmal in die Runde, lächelt – und macht sich auf den Weg. Zum Rathaus. Um nachzufragen, wo Devine sich befindet. An den beiden kommenden Tagen ist er wieder als Sprachlehrer im Einsatz. Dann drücken ausländische Ärzte im Krankenhaus Altenhundem die Schulbank bei dem pensionierten Pädagogen. (Von Sven Prillwitz)

Auch interessant

Kommentare