Der Tod....ist nur der Anfang

Musik-Tipp: Atoma von Dark Tranquillity

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"Atoma" ist bei Century Media erschienen.

Kaum zu glauben, Dark Tranquillity, einer der "Urväter" des 'Göteborg Sound' ("die neue Welle des schwedischen Death Metal"), sind bereits seit 27 Jahren dabei. Auf ihrer Reise durch elf komplette Alben, von denen zwei für die schwedischen Grammy Awards nominiert wurden (das grandiose Projekt „Projector“ von 1999 und der biestige Fan-Liebling „Fiction“ von 2007), sowie zahlreichen weltweiten Touren, sind die Schweden gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Diese Ausdauer verdankt Dark Tranquillity ihrem unersättlichen Hunger, sich ständig und konsequent neu zu erfinden, um nicht stehen zu bleiben, auch wenn alle Zeichen darauf stehen, sich auf einem erfolgreichen Geheimrezept auszuruhen.

Vom Tag des Debüts „Skydancer“, das im Sommer 1993 in die Regale kam, über den Schock und der Ehrfurcht des unkonventionellen Projekts „Damage Done“ (2002) bis zum „Urban Noir“ des Killers „Construct“ (2013), fordern die Schweden, die zu Männern geworden sind und deren Perspektive voller Weisheit und Besinnlichkeit steckt, weiterhin unbeirrt das Unbekannte heraus. Das neue Album, „Atoma“, welches das silberne Jubiläum der Gruppe würdigt, könnte besser nicht sein.

"Ich war 15 Jahre alt, als wir uns in den späten 1989ern das erste Mal als Band zusammenschlossen", erinnert sich Sänger Mikael Stanne. "Die Band war der zentrale Punkt in meinem Leben, bevor ich erwachsen wurde. Da blieb es nicht aus, dass das in Fleisch und Blut überging. Die Band hat uns in großen Teilen geprägt. So sehr man auch versucht davon wegzukommen, sich selbst in eine Schublade zu stecken indem man sich in ein bestimmtes Licht rückt, ist trotzdem ein Teil davon immer noch vorhanden. Für mich ist es absolut okay alt zu werden - als Band und Person. Es sind so viele coole Dinge wegen dieser Band passiert, auch andere Sachen unabhängig davon, und auf irgendeine Art und Weise lehrt es die anderen und geht auf sie über. Ich würde nichts daran ändern."

Genau so wenig würde es Gitarrist Niklas Sunin tun, der zusammen mit Drummer Anders Jivarp zu den Gründungsmitgliedern von Dark Tranquillity gehört. Zusammen haben sie alles schon erlebt und gesehen. Angefangen bei den poetischen Lyrics von "The Gallery" und "The Mind's", zu den genre-übergreifenden akustischen Erkundungstouren von "Haven" und seinem etwas agressiveren Albumsvetter "Character", waren die Wagnisse der Gruppe voller Mut und Vision. Für Dark Tranquillity, stand es erst gar nicht zur Debatte, eine Grenze zu setzen, die zum Abfaulen ihrer Kreativität führen würde. Der Wille der Bandmitglieder war es immer – die Augen und Ohren auf Fortschritt gerichtet – nach vorn zu gehen, auch in ungestümen und unsicheren Zeiten. "Atoma", ein Album, an dem drei Jahre lang gebastelt wurde, ist der Beweis dafür, dass es immer noch Tiefsinnigkeit bei Dark Tranquillity gibt.

"Ich denke, es geht weit über die Angst hinaus“, stammelt Stanne. "Du durchlebst alle möglichen Arten von Emotionen, wenn du so etwas wie das machst. In welche Richtung gehen wir? Haben wir noch etwas zu bieten und zu sagen? Können wir die hohen Ansprüche, die wir an uns selbst gerichtet haben, halten? All diese Dinge führen zur Verunsicherung, aber wenn man sich langsam nach vorne in Richtung Ziellinie bewegt, verwandelt sich das große Ding in Triumph und Erleichterung. Es kann leicht passieren, im Nachhinein Zweifel zu bekommen und dann so lang zwischen Ideen hin und her zu wechseln, bis man schließlich den Blick dafür verliert, was man ursprünglich tun wollte. Das bedeutet aber eigentlich nur, dass man mehr Zeit braucht, um an etwas zu feilen. So hart das auch ist, aber manchmal ist das Ergebnis alles, was zählt. So lange man das Ziel erreicht, ist es das alles wert."

Schöne, neue Welt

Das Album „Atoma“ entstand Schritt für Schritt. Die Schweden wollten ihr elftes Album nicht überstürzen und dabei auch nicht auf ihre gewohnte Besonnenheit verzichten. Das heißt nicht, dass sie nicht voller Tatendrang waren. Schlagzeuger Jivarp und der langjährige Keyboarder / Taktiker Martin Brändström hatten bis zu 20 Songs im Angebot, bevor der Rest der Band es auf 12 Tracks herunterschraubte. Die Lieder wurden dann neu geformt und neu bearbeitet. Mit „Construct“ gab es mehr Freiheit, ein Präzedenzfall vom Plattenlabel, das es erlaubte, neue Dinge auszuprobieren, Ideen auszuweiten, die damals unscheinbar schienen, aber letztlich aufgeblüht sind in formvollendete Songs. "Encircled", "Force of Hand", "The Pitiless" und das düstere "Merciless Fate" sind das erfolgreiche Ergebnis von Dark Tranquillitys 'neuen' Prozess.

„Jedes neue Album fühlt sich auf eine Art befreiend an“, spielt Sundin runter, „aber da ist eine gewisse 'Offenheit' bei Atoma, mit der wir auf 'Construct' anspielen. Aus meiner Sicht haben wir es gemanagt, etwas zu kreieren was unmissverständlich 'Dark Tranquillity' ist, dabei uns selbst treu zu bleiben und trotzdem so etwas wie eine neue Perspektive hinzuzufügen. Das ist besonders bei den Arrangements der Fall, die musikalisch etwas mehr fortgeschritten sind als zuvor."

Während die Stimmung von „We Are the Void“ und „Construct“ dunkel, urban und manchmal kühl war, ist "Atomas" Ursprung von Vielfalt und Energie geprägt. Insbesondere gibt es Oden an den monolithischen Abgrund in Tracks wie "Faithless by Default" und Bonustrack "The Absolute", aber insgesamt zeigt das Album ein eher farbenprächtiges Dark Tranquillity. Über „Atomas“ einstündige Spannweite gibt es mehr Gemeinsamkeiten mit Tracks wie "Hours Passed in Exile", "The New Build" und "The Wonders at Your Feet" als etwa "Uniformity", "Traumoblivion" oder "Iridium". Langjährige Fans würden "Atoma" mit einem einzigen Wort beschreiben: Eindringlich. Dark Tranquility zielt es darauf ab, Kritik auszuüben. Wie erwartet verbergen sich hinter der Musik Vorwürfe – physisch und emotional.

„Wir wollten immer ehrliche und seriöse Musik machen“, erinnert Sundin. „Es ist immer schmeichelhaft zu sehen, wie sich manche Leute mit unserer Musik identifizieren können. Und nochmal: Es ist sehr subjektiv. Ich habe Fans in der ersten Reihe gesehen, die geweint haben wegen Songs, die aus meiner Sicht komplett andere Emotionen verkörpern und da gibt es dann widerrum ebenso Leute, die zu sanfteren Songs stage-diven und moshen. Ich will niemandem vorschreiben, wie er auf unsere neuen Songs zu reagieren hat. Ich bin mir sicher, dass diejenigen, die eine enge, emotionale Verbindung zu unseren vorherigen Alben aufgebaut haben, dies auch bei „Atoma“ tun werden.

In der Tat hat Dark Tranquillitys' Musik ernsthaft ehrliche Qualitäten im Laufe der Jahre bewiesen. Von Album zu Album haben sich Fans tief mit den Schweden verbunden. Während vieles davon in den tiefempfundenen Gitarren-Harmonien von Sundin oder den ominösen Stimmungen Brändström-Schallen liegt, gibt es auch lyrisches Gewicht, mit Schwerpunkt auf der Präsentation von Stanne. Die zwei Komponenten - Musik und die Texte - sind untrennbar miteinander verbunden. Mit "Atoma" beschlossen Stanne und das Team, dass Weltgeschehnisse zu wichtig seien, als sie um zu ignorieren. Mit dem Alter glücklicherweise entspannt geworden, reisen Dark Tranquility wahrscheinlich in die entgegengesetzte Richtung. "Da, wo Construct sich mit Verrat, Vertrauensproblemen und Enttäuschung befasste, ist jetzt volle Wut, Zweifel und Angst ", versichert Stanne. "In der Welt geht gerade so viel ab und ohne die Politik zu berühren, versuchte ich, einen Grad zu finden, der zu unserer menschlichen Natur in diesen ziemlich extremen Umstände spricht. Wie fühlt man mit Menschen mit, von denen wir rein gar nichts wissen, wie können wir die Schrecken der Welt den Kindern mitteilen und wie weit dehnen wir unsere Phantasie aus, damit alles einen Sinn macht? Also ich bin fasziniert von unseren persönlichen Abwehrmechanismen und der Art und Weise, wie wir unseren Standpunkt vertreten, unabhängig von seiner Gültigkeit. Skeptisch und atheistisch gefiltert betrachtet, finde ich eine Menge zum Aufregen."

Bei aller Lebendigkeit und neuen Farben, die Dark Tranquillity in "Atoma" durchdrungen haben, gibt es auch Verlust. Tatsächlicher Verlust, das ist Fakt. Anfang des Jahres, nach zweieinhalb Jahrzehnten treuen Diensten als Bassist, Gitarrist und Songwriter, erkannte Gründungsmitglied Martin Henriksson, dass er genug hatte. Glücklicherweise trennten sich die Partien im Guten, mit Henrikssons Wechsel vom Bandmitglied in den Personalbereich, wo die Business-Seite der Dinge bearbeitet wird. Mit Henriksson, der nun raus ist, ist derzeit auch der zweite Gitarren-Slot frei. Unabhängig davon entschied sich Dark Tranquilitys uralter Freund Anders Iwers, auch Bassist für Tiamat und dem wiedervereinten Kult-Death-Metal-Act Ceremonial Oath, sich von der Session-Arbeit zu trennen und sich dauerhaft dem Kreis seiner Liebsten zu widmen. "Das fühlt sich natürlich seltsam an, nach fast drei Jahrzehnten in denen man gemeinsam gespielt hat", meint Sundin. "Im Vergleich zu den meisten anderen Bands, die es schon so lange gab, hatten wir eine extrem stabile Aufstellung, so dass der Ausstieg eines ursprünglichen Mitglieds gar nicht so einfach war. Allerdings hat Martin das Richtige getan, denn die Motivation war schon lange nicht mehr da."

 Wie die anderen Dark Tranquility Alben, angefangen bei „Character“, wurde auch vieles von „Atoma“ in Brändströms Studio, Rogue Music, aufgenommen. Dort begann die Gruppe mit dem normalen Prozedere des Cuttings vom Album, etwas, das sie mit unterschiedlichem Grade von Schmerz und Leiden seit 1993 getan haben. Aber was das neue Album von früheren Mühen unterscheidet, ist, dass große Aushängeschilder fehlen. „We are the Void“ wurde von Tue Madsen in den Antfarm Studios gemischt, während „Construct“ in den Fascination Street Studios von Jens Bogren gemischt wurde und ihm den Feinschliff gab. Obwohl Dark Tranquility sich David Castillo (Katatonia, Soilwork) vom Studio Gröndahl ins Boot holte um den Rekord zu mischen, entstand "Atoma", im Gegensatz zu den anderen Alben meist im Verborgenen. "Es ist sicherlich praktisch, in Martins Studio aufzunehmen", erklärt Stanne. "Es ist nahe gelegen und in jeder Weise großartig. Aber alles, was die Aufnahme angeht, bedeutet auch irgendwie Arbeit. Das Schreiben ist toll, voller Angst und schlaflosen Nächte - aber toll. Die eigentliche Aufzeichnung schließt dann diesen Prozess ab. Irgendwie endet dort die Kreativität und ich bin mit gemischten Gefühle dabei. Und so sehr du auch merkst, dass während des Schreibens alles möglich ist - die eigentliche Aufnahme ist sehr mechanisch und steif. Es geht nur darum, das Beste aus deinem Instrument herauszuholen, das Beste aus dem Lied machen und auf Nummer sicher zu gehen, dass man es nicht vermasselt. Ich denke, der Grund, warum wir so lange und hart an diesem Album gearbeitet haben war, dass wir das Gefühl hatten, uns selbst beweisen zu müssen, dass wir es bringen können. Und wenn ich darauf zurückschaue, spiegelt sich der Kampf und die Angst in dem Album wieder. Aus diesem Grund ist es stärker." Mit einem neuen Album, einer neuen Aufstellung und einem erfrischten Blick sind Dark Tranquillity jetzt stärker als sie es noch vor sechs Monaten waren; sie sind eine bessere Band als vor zehn Jahren; und die Schweden sind nun weitaus widerstandsfähiger als sie es damals als blauäugige, naive Teenager waren. Keine Frage, es ist eine Legende und eine Reise. Aber "Atoma" ist der Anfang eines neuen Kapitels. Es stellt ein neues Leben dar. Mit Tracks wie "Forward" Momentum "," Force of Hand "," Our Proof of Life " und dem fesselnden Titel Cut, es gibt kein Halten der Dark Tranquillity für 2017 oder die Jahre, die noch folgen werden. "Es gibt so viele Aspekte dieses Albums, dass, wenn sich auch nur ein kleiner Teil davon auf den Zuhörer überträgt, ich schon extrem zufrieden sein würde", sagt Stanne. "So sehr die Erschaffung eines Albums gleichzeitig auch ein Kampf sein kann, jetzt, wo wir das endgültige Resulat hören, fühle ich mich unbesiegbar - Und bereit für 11 weitere Alben!" (Übersetzung Virginia Jung)

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