Ein Sprung in die Freiheit

30 Jahre Mauerfall: Die Geschichte einer dramatischen Flucht aus der DDR

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Nach dem Mauerfall 1989 rannten viele Menschen jubelnd in die Freiheit. Heinz Römhild aus Rüblinghausen machte das viele Jahre früher.

Der Fall der Berliner Mauer jährt sich heute zum 30. Mal. Ein Tag zum Erinnern. An die turbulenten Tage im November 1989 – aber auch an die rund fünf Jahrzehnte dauernde SED-Diktatur. Einer, der sich gut erinnert, ist Heinz Römhild aus Rüblinghausen. Die Geschichte einer Flucht.

Olpe/Rüblinghausen – „Können Sie sich das vorstellen?“ Heinz Römhild lacht bei dieser Frage. Um die zu stellen, unterbricht er seine detaillierte Erzählung über das Leben in der DDR. Über Arbeit, Flucht, Verrat, Haft, Freiheit. Eine wahre Geschichte, die kaum vorstellbar ist.

Sie beginnt am 1. Mai 1960. Die Berliner Mauer ist noch nicht gebaut. Wie in jedem Jahr gibt es an diesem Tag zahlreiche Paraden in der DDR. Heinz Römhild. kommt aus dem kleinen thüringischen Ort Merkers in der Rhön, rund 10 Kilometer entfernt von der innerdeutschen Grenze. Er ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Am Abend zuvor war er beim Zahnarzt. Er hat Schmerzen, jeder Schritt tut ihm weh. In Bad Salzungen trifft er auf Kollegen von der Arbeit: „Der Meister sagte zu mir, wer nicht mitmarschiert, kriegt den Tag nicht gezahlt.“ Also beißt Römhild die Zähne zusammen, macht bei der Parade mit. Anschließend geht es in eine Wirtschaft, „um die erhaltenen fünf Biermarken in Gebräu umzusetzen.“ Dabei hört Römhild zum ersten Mal den Satz, der sein Leben gleich zwei Mal verändern soll.

„Ein Arbeitskollege sagte zu mir, ich könne doch etwas Gutes für den Staat tun und mich bei der Armee melden“, sagt Heinz Römhild. Doch er ist davon nicht überzeugt, steht auf und geht nach Hause. Und die DDR-Unrechtsmaschinerie setzt sich in Gang.

Als Römhild am kommenden Tag zur Arbeit kommt, wird er versetzt. Strafversetzt, wie er sagt: „Ich sollte Wohnungen in einem Neubaugebiet streichen. Die Fenster waren so schlecht, da ist der Kitt raus gefallen. Wir mussten alles neu machen.“ Ein weiteres Problem: „Wir haben keine Schlüssel für die Wohnungen bekommen, mussten uns nach den Arbeitszeiten der Bewohner richten.“ Die Folge: Römhild arbeitet täglich von halb fünf bis 22 Uhr. Und als er seine Lohntüte abholen will, ist das Maß voll.

„Die hätten uns erschossen, wenn wir weitergefahren wären“

Denn Römhild bekommt gerade einmal 216 Ostmark. Ein Hungerlohn. „Ich habe mit dem Fräulein im Büro geschimpft“, erzählt er. 100 Mark mehr fordert der damalige Malergeselle. Beschwert sich auch beim Meister: „Ich habe ihm gesagt, ,ihr habt doch genug Geld eingenommen.’ Die haben an uns Geld verdient“, empört sich Römhild. Ihm reicht’s. Er kündigt einen Tag später. Aber: Die Suche nach einer neuen Arbeit gestaltet sich schwierig: „Niemand wollte mich einstellen – trotz Gesellenbrief.“ Und so trifft er die Entscheidung, die ihn beinahe sein Leben gekostet hätte.

Ein Stück von der  Berliner Mauer aus dem Jahr 1989.

„Ich habe beschlossen: Wenn ich hier keine Arbeit finde, dann mache ich rüber.“ Und so kommt es. Fast. Gemeinsam mit einem Schulkollegen will er aus der DDR fliehen. „Wir machen los, wenn es dunkel wird“, beschließen die beiden. Sie kommen mit dem Auto auch bis zur innerdeutschen Grenze. Plötzlich leuchten Taschenlampen auf. Römhild blickt in den Lauf einer Maschinenpistole. Zwei Grenzer haben sie erwischt: „Die hätten uns erschossen, wenn wir weitergefahren wären.“ Sie werden verhaftet und erfahren: Ihre Flucht war von vornherein zum Scheitern verurteilt. „Der Major der Grenzer erklärte, dass wir verpfiffen worden waren. Er habe einen Anruf von der Stasi in Merkers bekommen, die ganze Grenze in der Rhön wimmele von Soldaten.“ Sie wären niemals lebend in den Westen gekommen. 

Tags darauf kommt Römhild zur Vernehmung nach Dermbach: „Ich wurde drei Stunden verhört. Der Major hat gefragt, warum ich denn in den Westen wolle, ich hätte doch eine so schöne Heimat.“ In Handschellen muss er vor den Richter: „Da ging‘s rund! Der hat geschimpft!“ Die Anklage lautet auf Republikflucht, aber auch auf Devisenverschiebung und Warenausfuhr. Sechs Wochen kommt er in Untersuchungshaft nach Meiningen: „Das schlimmste war die Verpflegung. Es  gab fast jeden Tag Wassersuppe.“ Schließlich tritt Heinz Römhild seine sechsmonatige Haft in Untermaßfeld an. Trotz Schmerzen ein Glücksfall, wie sich später herausstellt.

Vergiftetes Essen als Glücksfall

Nach einer Mahlzeit kriegt Römhild Magenschmerzen, bricht bewusstlos zusammen. Sein Verdacht: „Da hat jemand Gift reingespritzt.“ Im Haftkrankenhaus Eisenach wacht er auf – mit Schmerzen und einer OP-Narbe auf der rechten Seite. Ihm ist der Blinddarm entnommen worden. Einen medizinischen Grund dafür gibt es nicht. Aber die Ärztin weiß über ihn und seine Vorgeschichte Bescheid: „Die wollte mich unbedingt da halten. Eine Blinddarm-OP war das einfachste.“ Im Krankenhaus werden Arbeiter gesucht. Heinz Römhild überzeugt die Ärztin von seinem Können als Maler, bemalt die Decke in ihrem Büro. Ein paar Tage später die gute Nachricht.

Römhild findet Arbeit im Krankenhaus: „Ich hätte die Frau am liebsten geküsst.“ Er hilft im Speisesaal, draußen im Garten, hält sich an alle Anweisungen – bleibt aber weiter Häftling. Das ändert sich am 7. September 1960. 

Der SED-Vorsitzende und DDR-Präsident Wilhelm Pieck stirbt an diesem Tag. Im Zuge einer Amnestie wird Heinz Römhild freigelassen. Er fährt zurück nach Merkers. Doch im Dorf wechseln die Menschen die Straßenseite, wenn sie ihn sehen. Die Betriebe wollen ihn nicht einstellen. Schließlich findet er Arbeit im Kali-Bergwerk. Dort hört er zum zweiten Mal den Satz, der sein Leben verändern soll: „Sie können etwas Gutes für den Staat tun und sich bei der Armee melden.“ Wieder lehnt er ab: „Ich wollte ja Geld verdienen, eine Frau finden, heiraten.“ Eine Drohung lässt ihn erneut über die Flucht nachdenken.

Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer.


„Man sagte mir, wenn ich mich nicht freiwillig melde, kommt die Stasi und holt mich. Dann käme ich zu den Bausoldaten“, erinnert sich der Malermeister und Dekorateur. Für die Arbeit als Bausoldat wäre er nach eigener Aussage „kein Kerl gewesen“: „Ich stand also vor der Wahl. Entweder Armee oder abhauen.“ Und erneut entscheidet sich Römhild für die Flucht. Eine Flucht – im wahrsten Sinne des Wortes. 

Eines Abends läuft Heinz Römhild davon. Er rennt um sein Leben. Weg von den Stasi-Spitzeln. Zum Zug in die Freiheit. Zunächst nach Eisenach. Immer wieder versteckt er sich. Ist in Panik. Er sucht Schutz in Seitengassen, hinter Bahnhäuschen. Schutz vor den Augen des allgegenwärtigen SED-Regimes. Raus aus Bahnhöfen. In Verstecke. Wieder rein in die Bahnhöfe. In die vermeintliche Sicherheit der Züge. Mit dem Interzonenzug geht’s weiter nach Bebra. Und nach Leipzig. Dort: zwei Stunden Wartezeit. „Ich habe die ganze Zeit gezittert vor Angst“, sagt Römhild. Von Leipzig fährt er nach Ost-Berlin. Plötzlich – kurz vor der Hauptstadt – bleibt der Zug auf freier Strecke stehen.

„Was dann kam, war wirklich kriminell“

Was geht Heinz Römhild in diesem Moment durch den Kopf? Als die Tür zum Abteil aufgeht? Als seine Flucht zum zweiten Mal zu scheitern droht? Denkt er daran, dass jetzt alles verloren ist? Denkt er an die drohende Haft? Denkt er daran, dass er sein Leben bis zum Ende im Unrechtsstaat verbringen muss? Denkt er daran, dass sein Leben vorbei sein könnte? Denkt er an die Familie? 

Die Tür zum Abteil geht auf. Ein Grenzer kommt herein und fragt Heinz Römhild, wohin er fährt. Der Flüchtige zeigt Ausweis und Fahrkarte. Und antwortet: „Nach Rostock zur Armee.“ Der Mann glaubt ihm, wünscht ihm eine gute Fahrt und verlässt das Abteil. Durchatmen. Bis die Tür nochmal aufgeht. 

Ein Soldat aus der Sowjetunion kommt herein und stellt dieselbe Frage. Römhild gibt dieselbe Antwort. Wieder geht die Geschichte gut aus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Am Berliner Ostbahnhof ist Endstation. Nicht aber für Heinz Römhild. Er will nach West-Berlin: „Was dann kam, war wirklich kriminell.“ 

Tausende strömten an die Mauer, um das historische Ereignis hautnah mitzuerleben.


Ein Tross Menschen geht am Zug vorbei, bewacht von Grenzern mit Waffen – augenscheinlich gefasste Republikflüchtige. Römhild versteckt sich auf der Zugtoilette. Kommt erst heraus, als er draußen nichts mehr hört. Mit dem Schienenbus geht’s ins Grenzgebiet, zum Bahnhof Ostkreuz. Dort läuft Römhild über die Gleise: „Da musste ich helle sein, da konnten überall Grenzer rumlaufen.“ Er steht vor einer hohen Mauer. Stufen führen an ihr hoch. Bewacht wird sie von zwei Grenzern, die auf ihr patrouillieren, und von einer Frau in einem Wachhäuschen. Auf der anderen Seite – zum Greifen nah: Freiheit. Als er die Treppe hochgehen will, erwischt die Frau den Flüchtenden. Er muss erst eine Fahrkarte für den Schienenbus nach West-Berlin lösen. Doch den will Römhild gar nicht nehmen, Grenzer kontrollieren den Schienenbus. Also: zweiter Versuch. 

Heinz Römhild schleicht sich an der Frau vorbei. Kriecht die Treppe hoch. Hält den Atem an. Wenn die Grenzer ihn jetzt erwischen, war alles umsonst. Doch die Grenzer sind weg. Wachablösung. Er steigt in den Schienenbus. Steigt im Berliner Ortsteil Baumschulenweg aus. Läuft weiter. Springt mithilfe eines Aluminiumrohres über eine weitere Mauer. In den Westen. In die Freiheit. Anfang 1961, etwa 5.30 Uhr: „Ich bin zweimal hoch in die Luft gesprungen. Endlich frei!“

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