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Als die Bomben fielen: Die schrecklichen Erinnerungen eines damals achtjährigen Mädchens

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Von: Sebastian Schulz

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Bombenangriff Olpe 1945 28. März Zweiter Weltkrieg
Am Morgen des 29. März, also einen Tag nach den verheerenden Bombenangriffen, entstand dieses Bild in Olpe. Es zeigt die Zerstörung mit Blick aus der Kurfürst-Heinrich-Straße in die Kölner Straße. © Stadtarchiv Olpe

Es war ein furchtbarer Tag. Der 28. März 1945 gehört in Olpe und Attendorn zu einem der schwärzesten Tage der Stadtgeschichten. Eine Zeitzeugin erinnert sich noch heute an viele Details dieses Tages. Sie war damals gerade einmal acht Jahre jung.

Olpe - Die Erde bebt. Immer wieder explodieren über ihnen die Bomben. Wilma kauert in einem Stollen unterhalb des Olper Erdbodens. Sie zittert am ganzen Leib. Es ist kalt und feucht. Es riecht modrig. Angst. Hilflosigkeit. Irgendwie durchhalten.

Wenige Minuten zuvor ist die Welt noch in Ordnung. Sonnenschein, ein paar Wolken tanzen am Himmel. Es ist so ein schöner Mittwoch vor dem Osterfest, dass Wilma endlich mal wieder in dünner Strickjacke, im kurzen Strickrock und mit Kniestrümpfen statt dieser ollen, kratzigen Winterstrümpfe das Haus verlässt. „Opa, ich gehe jetzt zum Schuhmacher“, ruft Wilma ihrem Großvater noch zu. Sie will ihre schönen, schwarzen Schuhe abholen, denn ihre Erstkommunion in der Kreuzkapelle steht bald bevor.

Der Morgen ist aufreibend gewesen. Um 9.15 Uhr hatte es Fliegeralarm gegeben. Viele Menschen suchten Schutz in den Bunkern und Stollen. Längst hatten die Gefechte des Zweiten Weltkrieges in diesem Frühjahr 1945 deutschen Boden erreicht. Die Streitkräfte der Alliierten standen unmittelbar vor der Stadt – und alle wussten: Es kann nicht mehr lange dauern, bis Olpe von den Amerikanern eingenommen wird.

Doch ein Angriff bleibt an diesem Morgen nach dem Fliegeralarm aus. Um 10.23 Uhr geben die Luftschutzsirenen Vorentwarnung. Kaum jemand ahnt, welch ein Inferno gut eine halbe Stunde später über die Stadt hereinbrechen wird.

Über Wilma Ohly

Wilma Ohly hat die Geschehnisse von damals nach eigener Aussage noch so präsent, als könne sie sie malen. „Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens“, sagt die gebürtige Niederländerin, deren Mutter mit ihr im Jahr 1943 nach Olpe geflohen war. An der Franziskus-Schule legte Wilma Ohly in der Nachkriegszeit ihr Abitur ab, während ihr Großvater Josef Schrage erst Bürgermeister und später Landrat des Kreises Olpe wurde. Auch Wilma Ohly selbst war für 17 Jahren (ehrenamtliche) Bürgermeisterin in Olpe. Zudem dürfte sie als langjährige Rektorin der Meggener St. Barbara-Realschule vielen ehemaligen Schülern in Erinnerung sein. Sie erhielt den silbernen und den goldenen Ehrenbecher der Stadt Olpe sowie das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Ebenso ist sie Trägerin der Konrad-Adenauer-Medaille, die höchste Ehrung der Senioren-Union, von dessen Olper Stadtverband sie Ehrenvorsitzende ist. Sie ist Gründungs- und langjähriges Vorstandsmitglied des Kreisheimatbundes und im Sauerländer Heimatbund aktiv. Weiterhin ist sie Mitgründerin und Ehren-Vorsitzende des Fördervereins Stadtmuseum Olpe. „Aber an allererster Stelle war ich immer Hausfrau und Mutter“, sagt Wilma Ohly über sich selbst und lacht: „Bei uns hat das Essen immer pünktlich auf dem Tisch gestanden.“

Der Himmel hat sich inzwischen zugezogen. Wilma schwant nichts Böses, als sie – mit ihren frisch polierten Kommunions-Schuhen im Beutel – über die Sandstraße spaziert. Zeitgleich stehen etliche Hausfrauen an den Geschäften der Bahnhofstraße Schlange, um für die nächsten Tage und insbesondere für das Osterfest einzukaufen.

Erst ist es nur ein Summen, das aus der Ferne immer näher kommt. Es wird lauter und lauter, bis es zu einem donnernden Grollen anschwillt. Als Wilma gen Himmel blickt, sieht sie zwischen den Wolken zwei große Flugzeug-Formationen, tief über dem Boden. Eine Gruppe dreht ab – sie wird Kurs nehmen auf Attendorn –, die andere steuert direkt auf die Stadt Olpe zu.

Sirenenalarm. Wilma rennt los. Die Sandstraße entlang. Direkt in den halbfertigen Bunker unterhalb des Gallenberges. Nur noch in Sicherheit.

Die nächsten Minuten werden als einer der schwärzesten Tage im Kreis Olpe eingehen. Zwischen 10.54 und 11.07 Uhr schlagen mehr als 300 Bomben in Olpe ein, über 200 Menschen werden getötet. Fast zeitgleich greift die zweite Formation die Stadt Attendorn an, hier sterben an diesem Vormittag weitere 140 Menschen. Teile beider Städte liegen in Schutt und Asche.

Bombenangriff Olpe 28. März 1945 Zweiter Weltkrieg
Dieses ist die früheste archivierte Aufnahme, die nach dem Bombenangriff auf Olpe entstanden ist. Sie datiert vom Nachmittag und zeigt die in Qualm und Staub gehüllte Innenstadt. © Stadtarchiv Olpe

Wilma hat Glück. Sie erreicht den Stollen an jenem Mittwochmorgen als eine der Ersten, bevor die Bomben auf Olpe hageln. In Sekunden werden es mehr und mehr Menschen, die Schutz vor dem Luftangriff suchen. Manche kommen mit Bollerwagen, in denen ihre Großeltern sitzen. Sie alle drängen Wilma immer tiefer in den Stollen, bis sie schließlich an die Felswand gepresst wird.

Dort verharrt sie nun, leise weinend, den Beutel mit den Schuhen im Arm, ein achtjähriges Mädchen mit ihren Zöpfen, ihrer Frühlingskleidung und vor allem: ganz allein und ohne eine Ahnung, ob es ihre Mutter, ihr Bruder, ihre Schwester, ihre Tante, ihre Großeltern geschafft haben.

Draußen schlagen die Bomben ein. Fünf Bombenteppiche mit insgesamt 309 Sprengbomben regnen vom Himmel über Olpe. Weil die Sicht für die Piloten durch die Wolkendecke schlecht ist, verfehlen gut zwei Drittel der Bomben die Stadt und schlagen in den umliegenden Wäldern ein. Der Rest trifft – und hinterlässt ein Inferno.

So gut wie niemand traut sich in den nächsten Minuten und Stunden aus den Bunkern. Zu groß ist die Angst vor weiteren Angriffen oder einem Einmarsch der Bodentruppen. Einen Tag verharrt Wilma an der Felswand, bevor sie endlich in ein bekanntes Gesicht blickt. Ihre Tante ist in den Stollen gekommen und fragt sie durch, einmal, zweimal, dreimal: „Hat jemand ein junges Mädchen mit Zöpfen gesehen?“ Bis endlich jemand sagt: „Ganz hinten an der Felswand sitzt ein kleines Mädchen.“

Die Tante findet Wilma und nimmt sie mit zu deren Bruder und Großmutter, die im Privatbunker der Firma Imhäuser warten – dem seinerzeit einzig fertiggestellten Bunker in ganz Olpe.

Die Bilder aus diesem Bunker werden sich in Wilmas Gedächtnis einbrennen. Überall Verwundete. Überall Blut. Überall Tränen. Immer wieder Schreie nach Ärzten, Medikamenten, Rufe nach Verwandten. Ein widerlicher Geruch liegt in der Luft, eine Mischung aus Urin, Kot, Windeln und Krankenhaus.

Nachts trauen sich einige raus. Sie kochen Essen und versorgen so ihre Familien. Für Wilma und ihre Geschwister gibt es Tag ein Tag aus Bohnensuppe, ein grässlich stinkender, weil gesäuerter Eintopf mit Bohnen und Kartoffeln.

Fast drei Wochen verbringen Wilma und ihre Familie in dem Bunker. Eine Zeit, in der draußen Schuttreste beseitigt, Tote zu Grabe getragen werden, und am 30. März ein weiterer Bombenangriff auf Olpe geflogen wird, der noch einmal neun Tote fordert. Eine weitere Detonation findet dagegen am gleichen Tag – dem Karfreitag – unter kontrollierten Bedingungen statt. Deutsche Pioniere sprengen den Südturm der St. Martinus-Kirche, der nach dem Angriff zwei Tage zuvor einzustürzen drohte.

Und noch immer lassen Menschen ihr Leben, so wie bei einem grausamen Akt auf offener Straße, bei dem deutsche Soldaten, die sich absetzen wollen, von ihren eigenen Kameraden standrechtlich erschossen werden – unter den Getöteten ein junger Vater von vier kleinen Kindern.

Als Wilma und viele andere den Bunker verlassen, steht die Stadt Olpe schon unter amerikanischer Kontrolle. Es hatte kaum Bodenkämpfe um die Stadt gegeben – kampfwillige deutsche Soldaten hatten sich in Richtung Märkischer Kreis zurückgezogen.

Bombenangriff auf Olpe 28. März 1945 Zweiter Weltkrieg
Rund um den Monatswechsel März/April riefen die Amerikaner 1945 in Olpe zur Kapitulation auf. © Stadtarchiv Olpe

Gut einen Monat später, am 7. Mai 1945, unterzeichnet die Deutsche Wehrmacht die Bedingungslose Kapitulation. Es ist das Ende des Zweiten Weltkrieges.

77 Jahre sind seitdem vergangen. Heute steht das damals achtjährige Mädchen auf dem Balkon seines Hauses am Hatzenberg in Olpe; Wilma Ohly, eine Dame von 86 Jahren, die die schrecklichen Bilder von damals bis heute nicht abschütteln kann. Ihr Blick geht hinunter auf die Stadt im Tal, in der sich die Sonne auf den Dächern spiegelt.

Wilma Ohly Bombenangriff 1945 auf Olpe Zweiter Weltkrieg Zeitzeugin
Wilma Ohly, 86, hier auf dem Balkon ihres Hauses auf dem Hatzenberg, erzählte ihre Geschichte in dieser Woche dem SauerlandKurier. © Sebastian Schulz

Es ist ein frühlingshafter Tag, fast wie damals. Ein Tag, an dem 2000 Kilometer weiter östlich von Olpe in der Ukraine wieder Bomben vom Himmel regnen. An dem Menschen auf der Flucht sind. Und an dem sich Kinder wieder in U-Bahn-Schächten und Bunkern verstecken, um sich vor der Zerstörung eines Krieges zu schützen.

Gedenken in Olpe und Attendorn

Zur Erinnerung an die Bombenangriffe vom 28. März 1945 läuten am kommenden Sonntag um kurz vor elf Uhr die Glocken der Olper Kirchen. Zur gleichen Zeit werden Bürgermeister Peter Weber und seine beiden Stellvertreter Markus Bröcher und Klaus Peter Langner am Ehrenmal im Weierhohl einen Kranz niederlegen. Um ein Zeichen für den Frieden und der Solidarität mit der Ukraine zu setzen, findet an diesem Montag, 28. März, eine Gemeinschaftsaktion von politischen und gesellschaftlichen Gruppen auf dem Kurkölner Platz statt. Ab 16 Uhr werden dort Waffeln für den guten Zweck verkauft.

Auch in Attendorn läuten am Montag die Kirchenglocken – und zwar zwischen 10.50 und 11.10 Uhr. Der 28. März und der 15. Juni 1945, an dem nach Kriegsende in Attendorn das Munitionsdepot im Keller des Rathauses explodierte und weitere 35 Menschen in den Tod riss, hatten die Schrecken des Zweiten Weltkrieges unmittelbar in die Hansestadt gebracht. An beiden Jahrestagen wird traditionell von der Stadt ein Blumengebinde an der Gedenkstele am Klosterplatz abgelegt.

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