Nur die Flasche war wichtig

Bundesweite Aktionswoche Alkohol: Gespräch mit einem trockenen Alkoholiker

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Wo ist die Grenze zwischen Genuss und Missbrauch, Feierei und Abhängigkeit?

Kreis Olpe. Der Sauerländer feiert gerne und regelmäßig. Und wie feiert er? Natürlich mit seinem geliebten Bier. Hin und wieder ein Schnäppschen soll auch nicht schaden, doch wo ist die Grenze zwischen Genuss und Missbrauch, wo ist die Linie zwischen harmloser Party und Abhängigkeit?

Zur bundesweiten Aktionswoche „Alkohol? Weniger ist besser!“, die unter dem thematischen Schwerpunkt „Kein Alkohol am Arbeitsplatz steht“, sprach der SauerlandKurier mit Bernd Göbel aus Attendorn. Der kaufmännische Angestellte ist seit 14 Jahren trockener Alkoholiker und gibt Einblicke in das Leben eines Abhängigen.

„Am Anfang war es nur eine missbräuchliche Nutzung von Suchtmitteln, wenn es mir schlecht ging. Ohne es zu merken wurden die Abstände des Trinkens aber immer weniger und die Mengen mehr. Ich war in einer Suchtspirale und habe es selbst gar nicht gemerkt. Aus dem missbräuchlichen Trinken wurde dann Gewohnheitstrinken“, erklärt der Attendorner. „Nach und nach vernachlässigte ich dann Freunde, Familie und Arbeit. Nur die Flasche war mir noch wichtig.“

Trotzdem sei seine Sucht nicht aufgefallen. „Ich bekam mein Leben hintereinander. Zwar veränderte ich mich körperlich wie auch charakterlich – das sah mein Umfeld jedoch nicht, wollte es nicht sehen oder wollte es nicht wahrhaben.“

In seinem Job funktionierte er mehr „recht als schlecht, aber keine Ahnung wie ich das hinbekommen habe“. Zuletzt trank er sogar am Arbeitsplatz, bunkerte und versteckte dort Flaschen und Flachmänner, „damit die Entzugserscheinungen nicht schlimmer wurden“. Seine eigenen Leistungen wurden zudem immer schlechter. „Arbeitskollegen erledigten Aufgaben für mich mit.“

Christina Rummel, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hierzu: „Gerade in der Arbeitswelt ist Alkohol schon in geringen Mengen folgenreich. Verminderte Konzentration und Leistung führen zur Gefährdung der Arbeitssicherheit und zu einer Belastung des sozialen Umfelds. Alkohol spielt bei jedem fünften Arbeits- und Wegeunfall eine Rolle und mit zunehmendem Alkoholkonsum fehlen Beschäftigte auch häufiger am Arbeitsplatz.“

„Suchtgespräche dürfen kein Tabu sein“

„Arbeiten und Alkohol – das passt nicht zusammen“, betont auch Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung und Schirmherrin der Aktionswoche Alkohol. „Wer schon im Job zur Flasche greift, der braucht Hilfe und zwar von allen Seiten. Auch die Arbeitgeber sind hier gefragt: Schauen Sie genau hin, fragen Sie nach, kümmern Sie sich um Ihre Mitarbeiter! Es darf kein Tabu mehr sein, über Sucht zu sprechen, denn Suchtgefährdung kennt weder Dienstbeginn noch Feierabend!“

Vor 14 Jahren dann die Wende für Bernd Göbel: Als psychisch und physisches Wrack richtete Göbel sich an seinen Hausarzt. Dieser überwies ihn zur Entgiftung in die Psychiatrie, wo Göbel dem Alkohol schlussendlich entsagte. „Ich war an meinem persönlichen Tiefpunkt angekommen. Ich stand am Scheideweg und musste mich entscheiden, so weiter zu machen und in zwei Jahren zu sterben oder mein Leben radikal umzustellen.“

Heute geht der Attendorner mit seiner Vergangenheit offen um und versucht, andere für das Thema zu sensibilisieren. Er hält Vorträge an Schulen und in Unternehmen, hat seine Erfahrungen darüber hinaus in einem Buch „heimlich – unheimlich... habe ich getrunken“ niedergeschrieben.

Auch Frank Schulte-Derne von der Koordinationsstelle Sucht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) klärt präventiv auf: „Wenn sie täglich eine Flasche Bier konsumieren und nicht an mindestens zwei bis drei Tagen in der Woche auf Alkohol verzichten, dann trinken Sie riskant. In Deutschland trinken 7,4 Millionen Menschen mehr als die empfohlene Höchstmenge. Damit zählt der Alkoholkonsum neben dem Tabak- und Medikamentenkonsum zu den größten Herausforderungen für die Suchthilfe, auch in Westfalen-Lippe. Schätzungsweise ist von mehr als 170.000 alkoholabhängigen Menschen in der Region auszugehen und weiteren 160.000 Menschen, die Alkohol missbräuchlich konsumieren.“

Informationen unter auf der Homepage der Aktionswoche Alkohol, bei de Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen - dort auch speziell zu Sucht am Arbeitsplatz - und bei der LWL-Koordinationsstelle Sucht

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