„Aggressivität nimmt zu“

Berater im Kreis erwarten in der Corona-Krise mehr Fälle „häuslicher Gewalt“

Frau über ihr Gesicht aus Angst vor häuslicher Gewalt
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Familien auf engem Raum, da können Spannungen wachsen: Die Sorge vor häuslicher Gewalt steigt. (Symbolfoto)

Kreis Olpe – Quarantäne, geschlossene Schulen und Kindertagesstätten, steigende Zahlen bei der Kurzarbeit, Home Office und „Home Schooling“ – seit nun knapp drei Wochen befindet sich Deutschland wegen des Coronavirus in einem nie dagewesenen Ausnahmezustand. Drei Wochen, in denen Ängste wachsen, Aggressionen steigen oder ohnehin vorhandene Spannungen wachsen können. Derzeit gibt es im Kreis Olpe laut Kreispolizeibehörde noch keinen Anstieg an häuslicher Gewalt – Experten befürchten aber, dass sich das ändern wird.

Der Bundesvorsitzende der Opferschutzorganisation „Der Weiße Ring“ Jörg Ziercke, ehemaliger Chef des Bundeskriminalamtes, sagte alarmiert: „Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Die Corona-Krise zwingt die Menschen, in der Familie zu bleiben. Hinzu kommen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit.“ 

Im Kreis Olpe besteht seit vielen Jahren das „Netzwerk gegen häusliche Gewalt“ bestehend aus Frauenberatungsstelle, Frauenhaus, Gleichstellungsbeauftragte der Kommunen und des Kreises, Polizei, Jugendamt, der Weißer Ring, Therapeuten, einer Rechtsanwältin, der Staatsanwaltschaft und verschiedenen Beratungsstellen. 

„Wir befürchten, dass es bei anhaltendem Ausnahmezustand zu steigenden Zahlen von häuslicher Gewalt im Kreis Olpe kommt“, so Eva Rieke-Trinn, Frauenberatungsstelle Olpe, auf Nachfrage des SauerlandKuriers. „Paare und Familien verbringen – vielleicht zum ersten Mal – 24 Stunden am Tag miteinander“, so die Beraterin weiter. Dies könne dann zu einer großen Belastungsprobe für alle Beteiligten werden, wenn z.B. nur eine kleine Wohnung zur Verfügung stehe: „Die Kinder müssen auch zu Hause bleiben. Sie sind mit der Zeit gelangweilt, fordern viel Aufmerksamkeit und wollen beschäftigt werden. Diese Situation ist niemand gewöhnt. Es ist sehr anstrengend und nervenaufreibend für alle Familienmitglieder.“ 

Coronavirus in Olpe: Praktische Tipps der Frauenberatungsstelle

Auf Dauer steige der Frustpegel stark an und die Nerven liegen blank: „Die Aggressivität nimmt zu. Eine schwere Belastungsprobe für Beziehung und Familie – besonders dann, wenn es schon vorher Probleme im Zusammenleben in der Beziehung, der Familie, gab.“ Die Therapeutin hat außerdem ganz praktische Tipps, um eine Eskalation möglichst zu vermeiden:

  • „Versuchen Sie, solange es noch geht, möglichst viel draußen unterwegs zu sein, z.B. im Wald, um die Zeit zu reduzieren, in der sie sich gemeinsam in der Wohnung aufhalten. Die frische Luft wird allen gut tun. Zudem brauchen die Kinder die Bewegung, damit sie ausgelastet sind. 
  • Es ist hilfreich einen Tagesplan zu machen mit festen Zeiten, der sich täglich wiederholen darf. 
  • Vielleicht können Sie Ihrem Mann ebenfalls eine Beschäftigung vorschlagen, die ihn ablenkt – und bei der er überschüssige Energie verbrauchen kann.
  • Sollte es dennoch zum Streit kommen: Gehen Sie nicht auf Provokationen ein. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben. Versuchen Sie, sachlich zu bleiben. Reagieren Sie ihrerseits nicht emotional. Zeigen Sie, wenn möglich, nicht Ihre Angst, Ihren Ärger, Ihre Wut. Tragen Sie ihr Handy auch in der Wohnung bei sich. 
  • Im Notfall flüchten Sie aus der Wohnung, zu einem Nachbarn/Nachbarin oder in ein abschließbares Zimmer und rufen sie die Polizei: 110. Die Ansteckungsgefahr ist dann geringer einzuschätzen als die Gefahr durch einen gewalttätigen Partner.“ 

Coronavirus in Olpe: Möglichkeit von Videoberatung oder Chat

„Aus Sicht der Männerberatungsstelle kann ich momentan noch keine nennenswerten Anstiege verzeichnen, die Zeit des ,stay at home‘ läuft allerdings noch nicht so lange“, sagt Daniel Schulte, Krisen- und Gewaltberatung „Echte Männer reden“ vom Katholischer Sozialdienst Olpe (SkF/SKM Olpe). „Ich erwarte aber im Laufe der weiteren Wochen einen Anstieg der Fälle häuslicher Konflikte und Gewalt infolge des engeren Zusammenlebens in Partnerschaft und Familie und der fehlenden Ausweichmöglichkeiten bei Tätern und Opfern.“ 

Die persönlichen Krisen werden unter anderem infolge von Kurzarbeit oder gar Arbeitsplatzverlust und den daraus folgenden finanziellen Engpässen, besonders bei den Männern zunehmen, so der Sozialarbeiter. „Nun ist es so, das momentan persönliche Kontakte in der Beratung stattfinden können“, so Schulte. „Darum ist es umso wichtiger auf die telefonische Erreichbarkeit und auf die Möglichkeit von Videoberatung oder Chat über Messenger hinzuweisen.“

Coronavirus in Olpe: Hilfe und Kontakt

  • Frauenberatungsstelle Olpe: Tel. 02761/1722; 
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Tel. 0800/116 016;
  • „Nummer gegen Kummer“, Kinder- und Jugendtelefon: Tel. 116 111 (anonym und kostenlos von Handy oder Festnetz); 
  • Beratung „Echte Männer reden.“ Daniel Schulte, Tel. 0152/31818887, d.schulte@ksd-olpe.de.

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