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DDR-Zeitzeugin Sigrid Richter berichtet am Städtischen Gymnasium aus ihrem Leben

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Von: Michael Sauer

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Sigrid Richter wuchs in Mecklenburg auf und erlebte die Zustände in der DDR am eigenen Leib mit. © Michael Sauer

Olpe – Was ist wohl am 4. November 1986 um 16.05 Uhr in Sigrid Richter vorgegangen? Sie selbst erinnert sich noch gut an den Tag, an den Zeitpunkt, als der Busfahrer sagte: „Herzlich willkommen im Westen.“ Es war der Tag, als sie das Leben in der DDR hinter sich ließ. Ein Leben unter der DDR-Diktatur, mit Bespitzelung durch die Stasi und der Haft im Frauenzuchthaus. Einen Einblick in dieses Leben hat Sigrid Richter am Freitag am Städtischen Gymnasium Olpe (SGO) gegeben. Und sie hatte einen mahnenden Appell an die Schüler im Gepäck.

„Informiert euch, macht euch ein eigenes Bild. Nichts ist schlimmer, als nur Mitläufer zu sein“, sagte die 67-Jährige in der SGO-Aula. Und sie sprach aus Erfahrung. Geboren im Jahr 1952 und aufgewachsen in der Region Güstrow in Mecklenburg wurde sie schon im Kindergarten „zum sozialistischen Menschen erzogen, der den Staat später tragen soll.“ In Berührung mit der DDR-Politik und dem Sozialismus kam sie zu der Zeit noch nicht. Das sollte sich aber bald ändern.

Schließlich hatte nicht jedes Kind die Möglichkeit, die Erweiterte Oberschule zu besuchen – trotz guter Noten: „Es ging auch um Beziehungen.“ Da ihre Eltern als bloße Angestellte arbeiteten, fehlten diese Beziehungen. Ihr Abitur konnte sie dennoch machen: „Die Lehrer wollten in einem Schulversuch ,Kader’ für die Landwirtschaft ausbilden. Ich habe die Aufnahmeprüfung gemacht und bin angenommen worden.“

Damals war sie zwölf Jahre alt – und musste ins Internat: „Das war aber nicht so, wie bei Hanni und Nanni. Im Internat gab es sehr strenge Regeln.“ Natürlich gehörte sie zu der Zeit auch den Massenorganisationen der DDR an: „Man war ja von der 1. Klasse an schon Jungpionier.“ Es folgten Mitgliedschaften bei den Thälmann-Pionieren und später bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Und natürlich empfing sie mit 14 Jahren ihre Jugendweihe und wurde damit in die sozialistische Gesellschaft aufgenommen.

Die CDU als Affront

Nach dem Abitur folgte das Studium mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Doch der Zweifel an der DDR wuchs: „Ohne es benennen zu können, habe ich instinktiv gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagte Sigrid Richter. Mit einer Freundin beschloss sie, niemals in die SED einzutreten: „Also sind wir zur CDU gegangen.“ Ein Affront.

„Wir haben damit einen riesigen Aufruhr ausgelöst“, erinnerte sie sich. Schließlich gehörte der Großteil der Mitstudenten der SED an. „Als Erklärung führten die dann an, ich hätte in der Jugend ein schlechtes Verhältnis zu meinen Eltern gehabt und sei deshalb zur Kirche geflüchtet. Das war natürlich beides dummes Zeug“, so die 67-Jährige. Trotz CDU-Mitgliedschaft: Sigrid Richter hielt sich weitestgehend an alles, was die Staatsführung vorschrieb: „Ich war ein guter DDR-Bürger. Ich bin eben so mitgelaufen.“

Das änderte sich im Jahr 1973, als sie ihren späteren Mann kennen lernte. Rainer Richter war Zahnarzt. Sein Vater war 1957 in den Westen geflohen: „Er war dadurch schon als Schulkind gebrandmarkt und nicht mehr vertrauenswürdig.“ Abitur und Studium blieben ihm so verwehrt. Rainer Richter informierte sich im Gegenzug durch West-Radio über die Dinge, die in der Welt geschehen. „Mein Mann hat sehr früh gemerkt, was im Staat passiert“, sagte Richter. Durch seine Erzählungen hat er Sigrid Richter „umgekrempelt“, wie sie selbst sagt: „Er hat mir viele Dinge erzählt, die ich ja gar nicht wusste.“ Und der Zweifel wuchs weiter.

Eine folgenschwere Begegnung

Sigrid Richter wurde Lehrerin im sächsischen Freital. Wurde CDU-Abgeordnete im Kreistag und Mitglied im CDU-Bezirksvorstand. „Die Schüler merkten irgendwann, dass ich selbst nicht mehr von dem überzeugt war, was ich ihnen erzählt habe.“ Sie erinnerte sich an einen Vorfall bei der Besprechung eines Bildes von einem Grenzsoldat mit Hund: „Fast alle meinten, der Soldat würde uns vor der bösen BRD schützen. Doch ein Schüler sagte, er sorge dafür, dass niemand abhaut.“ Und auch, wenn sie wusste, dass der Schüler Recht hatte, sagen konnte sie das nicht: „Ich wäre ja direkt entlassen worden.“ Dennoch kündigte sie 1984 ihren Job. Und der Gedanke, die DDR zu verlassen, nahm Formen an: „Eine Flucht kam aber nicht in Frage.“ Also stellte das Ehepaar Richter Ausreiseanträge. Vergeblich. Natürlich.

Im Mai 1985 kam es zu einer folgenschweren Begegnung: „Ein junger Mann, der vorgab, ein Freund einer Freundin zu sein, kam zu Besuch.“ Er bot der Familie an, sie über Westberlin in den Westen zu schleusen: „Das Ganze war zeitlich haargenau vorbereitet – wie im Krimi“, sagte Sigrid Richter. Die Familie saß da quasi schon auf „gepackten Koffern“, die Nerven lagen blank, und das Ehepaar sagte zu. Zunächst. „Wir haben dann die ganze Nacht geredet und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir unser Kind nicht gefährden wollen und das Angebot doch nicht annehmen.“

Diese Entscheidung entpuppte sich zunächst als die richtige: „Einen Tag, nachdem die Schleusung stattfinden sollte, ging durch die Medien, dass ein Menschenhändler-Ring gefasst worden war“, sagte Sigrid Richter. Die Erleichterung darüber währte indes nur einen Tag. Denn am nächsten Morgen – Sigrid Richter war allein zu Hause – standen zwei Leute der DDR-Staatssicherheit (Stasi) vor der Haustür. Sie nahmen sie mit zur Stasi-Bezirksstelle in Dresden. Und sie war dort nicht allein.

Über die Haft in den Westen

„Meinen Mann hatte die Stasi morgens an der Bushaltestelle geholt, meine Schwiegermutter zuhause“, erinnerte sich Sigrid Richter. Selbst vor dem Sohn machte die Stasi nicht Halt: Ihn hatten Beamte morgens aus der Schule geholt und in ein Kinderheim gebracht. Der Vorwurf an die Familie: Sie hätten illegal das Land verlassen wollen. „Aber das wollten wir ja gar nicht“, sagte die DDR-Zeitzeugin.

Rund ein halbes Jahr hatte die Stasi die Familie bereits im Visier gehabt, wie die Richters bei der Akteneinsicht nach der Wende erfuhren: „Selbst der Schuldirektor hat denen geholfen. Er hat den Haustürschlüssel aus dem Ranzen unseres Sohnes genommen und an die Stasi weitergegeben“, erklärte Sigrid Richter.

Das Ehepaar kam in Untersuchungshaft. „Bei den Vernehmung gab es keine körperliche Gewalt, aber psychische. Nach ein paar Tagen war ich nur noch ein zitterndes Bündel“, so Richter. Im Strafprozess, den sie „eine Farce ohnegleichen“ nennt, wurde sie zu viereinhalb Jahren Haft im Frauenzuchthaus Hoheneck verurteilt. Auf dem Weg dahin, in Dresden, sah sie ihren Mann wieder: „Er war völlig gebrochen. Das hat mir sehr, sehr weh getan.“ 

Die Haft in Hoheneck war allerdings kürzer, als gedacht: „Nach 21 Monaten wurde ich von der BRD freigekauft. Wie viele politische Häftlinge in der DDR.“ Am 4. November 1986 ging es für Sigrid Richter schließlich mit dem Bus in den Westen. In die Freiheit. Und in ein neues Zuhause. Am 1. Januar 1987 durfte auch ihr Sohn ausreisen. Auch wenn die Ausreise schon am 18. Dezember bewilligt worden war. „Das war reine Schikane“, erklärte Richter. Die Familie fand sich im Westen schließlich wieder. Ein Happy End: „Ich fühle mich hier seit 30 Jahren zuhause“, sagte die DDR-Zeitzeugin.

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