Podiumsdiskussion der SPD zur Stärkung und zum Ausbau des deutschen Handwerks

„Der Fachmann vor Ort – eine bedrohte Art?“

Beteiligten sich an der Podiumsdiskussion: MdB Petra Crone (SPD), MdB Sabine Poschmann (SPD), Norbert Wichmann vom DGB-NRW, Kreishandwerksmeister Elmar Moll und Leo Trumm, Leiter der Bäckerfachschule in Olpe (v. l.). Foto: Mario Wurm

Dass man im Handwerk mittlerweile nicht mehr so gut verdient wie in der Industrie, ist ein offenes Geheimnis. Doch wie steht es wirklich um das deutsche Handwerk? Ist der Handwerker von nebenan eine bedrohte Spezies geworden?

Diese und weitere Fragen waren am vergangenen Dienstag Themen der Podiumsdiskussion von Bundestagsmitglied Petra Crone (SPD) in der Bäckerfachschule in Olpe.

Leo Trumm, Direktor der Bäckerfachschule, empfing die Diskussionsteilnehmer. Während die Bundestagsabgeordnete Petra Crone moderierend die Diskussion leitete, präsentierten Sabine Poschmann, ebenfalls SPD-Abgeordnete des Bundestages, Norbert Wichmann, Gewerkschaftssekretär beim DGB-NRW zuständig für berufliche Bildung und Handwerk, und Kreishandwerksmeister Elmar Moll ihre Standpunkte und luden Interessenten ein an der sachlichen Diskussion teilzunehmen.

Ein Thema der Diskussion war der „demografische Wandel“, der mittlerweile in aller Munde ist. Vernimmt man schon nur die Worte, so schrillen bei vielen die Alarmsirenen. Besonders hart trifft dieser Wandel aber die Handwerksbranche. „Viele junge Leute und auch deren Eltern betrachten das Studium als oberste Maxime“, erklärte Petra Crone. „Die Kinder sollen es ja immerhin besser haben als ihre hart arbeitenden Eltern.“ Darauf, dass es neben dem Studium jedoch nicht an lukrativen Alternativen mangelt, verwies Crone ebenfalls: „Ich plädiere für eine duale Ausbildung. Wir müssen die jungen Leute da abholen, wo sie stehen.“

Norbert Wichmann, Vertreter des Bundesvorstandes, nahm gleichzeitig die Betriebe mit in die Verantwortung: Über 24.000 Jugendliche seien ohne Ausbildungsplatz und 20 Prozent der Jugendlichen ohne Ausbildung blieben ohne Arbeitsstelle. Dies sei zwar für die Betriebe schlecht, für den einzelnen Jugendlichen jedoch sogar eine existenzielle Katastrophe. „Die Herausforderung fürs Handwerk ist allen Jugendlichen eine Chance zu geben und die Auswahlkriterien zu minimieren“, so Wichmann. Des Weiteren zeigte er, dass ein Arbeitnehmer momentan im handwerklichen Gewerbe rund ein Drittel weniger Gehalt beziehen würde als ein Arbeitnehmer in der Industrie. Wie könne man also Jugendliche dazu bewegen in die Handwerksbranche zu kommen und sie dort zu halten? „Eine Variante“, erklärte Wichmann, „ist das Modell des integrativen Erwerbes der Fachhochschulreife: Die Jugendlichen machen dabei nicht nur ihr Fachabitur, sondern treten gleichzeitig zu einer Ausbildung an. So vielleicht entsteht die Chance, dass sie ihrem Betrieb treu bleiben.

Schaffung einer Willkommenskultur

Auch Sabine Poschmann sieht im Fachkräftemangel ein großes Problem, jedoch eher für den großstädtischen Bereich: „Sowohl inländisches, als auch ausländisches Potenzial muss akquiriert werden, um dem Mangel entgegenzuwirken.“ Ohne die Einwanderung von Spezialisten aus dem Ausland würde die Menge an Fachkräften bis zum Jahr 2050 um knapp ein Drittel schrumpfen. Somit müsse im Kampf mit anderen Ländern eine Willkommenskultur geschaffen werden und beispielsweise Visumanträge schneller bearbeitet werden und ein Anerkennungsgesetz für ausländische Abschlüsse erlassen werden. Zugleich sprach Poschmann die Frauenrolle an: „Man muss auch Frauen die Chance geben, nicht nur in Teilzeitjobs, sondern auch als Fachkräfte engagiert zu werden.“ Dies ginge jedoch nur, wenn die Arbeitgeber die Familien mehr unterstützen würden. So wäre die Errichtung von Zeit- oder Betriebs-Kindertagesstätten ein erster Ansatz.

Elmar Moll hingegen stellte klar fest, dass Handwerker in Deutschland seiner Meinung nach niemals aussterben würden. Die Deutschen seien die Erfinder des Dualen Studium. Zudem würden 4,8 Millionen Menschen in 975.000 Betrieben arbeiten mit einem Gesamtumsatz von 490 Milliarden Euro. Bezüglich des Fachkräftemangels verdeutlichte er, dass den Kindern schon so früh wie möglich, in der 6. Klasse, die Handwerksbranche näher gebracht werden müsse, um sie so für diese Branche zu begeistern: „Jugendlichen muss gezeigt werden, was für Chancen man mit dem Meisterbrief hat. Wir haben einen Meisterbrief, auf den die ganze Welt schaut.“

Diesbezüglich waren sich alle drei Diskussionsteilnehmer einig: Der Meisterbrief müsse um jeden Preis gegen Einflüsse oder Gesetze der EU verteidigt werden.

Auch aus dem fachkundigen Publikum wurden Stimmen deutlich. So äußerte sich Reinhard Hesse, Vorstandsmitglied der Bäckerinnung Westfalen-Lippe und selbst Bäckermeister: „Die Probleme im Handwerk sind gravierend, vor allem bei der Ausbildung von Jugendlichen. Wir müssen unsere Kraft zusammen nehmen, um nicht die Lust zu verlieren.“ Auch Leo Trumm, Direktor der Bäckerfachschule, sagte, dass es wichtig sei, nicht nur die Eltern der Kinder, sondern auch deren Lehrer für die Branche des Handwerks zu sensibilisieren.

Thomas Kramer, Mitglied im Prüfungsausschuss der Landwirtschaftskammer NRW und Gartenbautechniker, warnte hingegen: „Wenn ein Handwerker ein Problem hat, krempelt er die Ärmel hoch und beseitigt es. Das Gewährleistungsrecht ist ein solches Problem und ich wünsche mir, dass dieses Problem von der Politik möglichst schnell angepackt wird, da ansonsten Existenzen sterben könnten.“ (Von Mario Wurm)

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