150 Jahre Josefshaus – vom Waisenhaus zur modernen Jugendhilfeeinrichtung

Eine Herzensangelegenheit

Mit viel Herz betreuten die Schwestern die Kinder.

„Unsere Haltung: eine kleine Sache die einen großen Unterschied macht“: Dieses Zitat von Sir Winston Churchill begleitet die Arbeit im Olper Josefshaus – dem heilpädagogischen Heim für Kinder und Jugendliche.

Das einstige „Olper Waisenhaus“ hat sich in den letzten 150 Jahren zu einer modernen Jugendhilfeeinrichtung mit einem vielfältigen und dezentralen Angebot entwickelt.

„Jedes Kind braucht einen Ort, an dem es beschützt aufwachsen kann“, erläutert Reinhard Geuecke, Leiter des Josefshauses. „Einen Ort an dem es einfach gut aufgehoben ist. In diesem Grundgedanken liegt der Ursprung des Josefshauses der Olper Franziskanerinnen.“

In vielen Köpfen hat sich bis heute allerdings das Bild von vernachlässigten Waisenkindern festgesetzt, die in einem großen Schlafsaal untergebracht sind. Ein Bild, dass heute absolut nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Der SauerlandKurier wird in den kommenden Monaten in lockerer Reihenfolge gemeinsam mit dem Team des Josefshauses viele Facetten der Einrichtung – die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert – beleuchten.

Die Wurzeln des heutigen Josefshauses liegen im 19. Jahrhundert: Maria Theresia Bonzel, die Ordensgründerin der Olper Franziskanerinnen, hatte sich zur damaligen Zeit die Pflege und Erziehung der Jugend zur Hauptaufgabe gemacht. Im Jahr 1863 bezogen die damaligen Ordensschwestern ein Haus, in dem sie sich ab 1865 um elternlose, arme, kranke oder verwahrloste Kinder kümmerten.

Überforderung und letzter Ausweg

Seither hat sich viel verändert. Fanden früher Waisenkinder hier ein neues Zuhause, sind heute die wenigsten der rund 160 Kinder, die in einer der Wohngruppen leben, wirkliche Vollwaisen. Vielmehr werden die Kinder und Jugendlichen vom Jugendamt oder von einem Richter aus ihren Familien geholt – wenn das Kindeswohl gefährdet ist – durch Verwahrlosung, Drogen, Alkohol, Missbrauch. Nicht selten entscheiden sich auch überforderte Eltern ganz bewusst dafür, dass Kind eine Zeit lang abzugeben – nach langen Gesprächen mit dem Jugendamt, das verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung für die Familien aufzeigt. „Wir kommen erst sehr spät ins Spiel“, erläuterte Reinhard Geuecke. „Meist nachdem alle anderen Varianten ausgeschöpft sind.“

Wenn der Schritt, das Kind tatsächlich aus der Familie zu nehmen notwendig geworden ist – diese Entscheidung trifft immer das Jugendamt – und festgelegt wurde, dass es ins Olper Josefshaus kommt, steht zunächst die Frage im Mittelpunkt, in welcher Gruppe das Kind untergebracht werden kann. Hier gibt es Klärungsgruppen, in denen die Pädagogen speziell schauen, wo und welche Hilfe das Kind benötigt, es gibt eine reine Mädchengruppe, normale Wohngruppen oder Intensivgruppen – auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Die Mitarbeiter des Josefshauses bewegen sich stetig auf einem sehr schmalen Grat. Denn: „Kinder gehören grundsätzlich zu ihren Eltern. Aber ab wann ist das Kindeswohl gefährdet? Dies muss in jedem Fall, für jedes Kind, für jede Familie individuell entschieden werden“, erläutert Hildegard Stähler, stellvertretende Einrichtungsleiterin. Es gelte die Waage zwischen so wenig Kontrolle wie möglich und so viel Hilfe wie nötig zu halten.

„Ein Kind aus der Familie zu nehmen, ist stets die letzte Maßnahme“, so Stähler weiter. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Kinder im Josefshaus ist in den letzten Jahren auf rund 19 Monate gesunken. Im Josefshaus sind allerdings deutlich jüngere Kinder als im Bundesdurchschnitt untergebracht. „Das stammt noch aus der Tradition des Waisenhauses der Franziskanerinnen“, so Reinhard Geuecke.

„Die Kinder haben häufig ein so schweres Paket zu tragen zum Beispiel ist die Mutter psychisch krank, der Vater Alkoholiker oder Gewalt ist an der Tagesordnung“. Diese Kinder entwickeln komplexe Verhaltensweisen, um zum Beispiel Gewalt zu vermeiden oder die Mutter zu schützen. Kinder, die sich um ihre Eltern kümmern statt umgekehrt. „Aber sie lieben ihre Eltern trotzdem. Nach meiner langjährigen Erfahrung ist der Wunsch nach heiler Familie in jedem Kind tief verwurzelt. Eltern müssen ihren Kindern wirklich schreckliche Dinge antun, um ihre Liebe unwiederbringlich zu verlieren“, erläutert Hildegard Stähler. So versucht das Team des Josefshauses die Eltern – so viel wie möglich – in die Arbeit mit einzubeziehen.

In den Außenwohngruppen erfahren die Kinder, was Normalität bedeutet: regelmäßiges Essen, zur Schule gehen, ein eigenes Zimmer, das sie selbst einrichten können, mit Freunden spielen, Anerkennung, Ruhe. „Wir haben einen Jungen, der sein Zimmer wie eine Mönchszelle eingerichtet hat. Er kann bunte Poster oder Farbe nicht ertragen. Solche Freiräume müssen wir für die Kinder schaffen“, so Hildegard Stähler. „Ich bin nicht im Heim, ich bin in einer Wohngruppe“, sei ein Satz, den die Erzieher häufig hören.

Stark für die Zukunft

In den Gruppen nehmen die Kinder häufig am dörflichen Alltag teil, spielen im Fussballverein, sind in der Musikschule und ihre Freunde können sie besuchen. „Der Alltag ist so familienähnlich wie möglich“, so die erfahrene Pädagogin weiter. „Positive Erlebnisse, Anerkennung, besondere Ereignisse können ganz viel Negatives aufwiegen.“

Regelmäßige Hilfeplangespräche mit den Eltern, dem Vormund, dem Jugendamt sorgen dafür, dass ein klarer Plan entsteht und jedes Kind, jeder Fall, aus verschiedenen Blickwinken betrachtet wird. „Wir möchten den Kindern Sicherheit geben, ohne sie in Watte zu packen“, sagt Geuecke abschließend. „Ihnen zeigen, was Normalität ist, wie die Welt funktioniert. Sie stark machen für ihre Zukunft.“

Spendenkonto

Sparkasse Olpe- Drolshagen - Wenden BLZ: 462 500 49 Konto: 418 55

www.josefshaus-olpe.de (Von Miriam Hubmayer, m.hubmayer@sauerlandkurier.de)

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