„Ohne Respekt geht’s auch Karneval nicht“

Einsatzkräfte, Prinzen, ein Büttenredner und eine Gastronomin äußern sich zum Thema "Respekt"

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Die Partys und Veranstaltungen rund um den Karneval laufen meist respektvoll ab. Wenn alle Spaß am Feiern haben – wie diese beiden Zugeteilnehmer in Attendorn – steht einer tollen Session nichts im Weg.

Kreis Olpe/Attendorn. „Ich bin mir sicher, dass das Wort Respekt in der Karnevalsgesellschaft Attendorn ganz groß geschrieben wird, und darauf bin ich mehr als stolz“, erklärt „Ex-Prinz“ Christian Middel. Aber wie sieht es aus mit dem respektvollen Umgang mit Rettungskräften oder einer Gastwirtin? Wie weit ist wirklicher Respekt im Karneval verbreitet?

Die Aktion „Respekt!“ ist eine Kampagne des SauerlandKurier in Kooperation mit dem Bundesverband deutscher Anzeigenblätter (BVDA). Mit diesen redaktionellen Initiativen berichten die im Verband organisierten Wochenblätter verlagsübergreifend mit eigenem lokalem Fokus über relevante Themen, die Menschen in ganz Deutschland bewegen.  

Wir haben uns ganz dem Thema Karneval gewidmet. Was liegt da näher, als „alte Hasen“ oder auch Neulinge bei den Kattfillern zu befragen, wie sie den Respekt rund um die jecken Tage empfinden? Es gibt zum Teil überraschende Ansichten:

Achim Henkel, Erster Polizeihauptkommissar in Attendorn:

Egal ob Umfrage über die vertrauenswürdigsten Berufe im Land oder Ranking zu den Institutionen mit dem höchsten Ansehen: Die deutsche Polizei erzielt in schöner Regelmäßigkeit Topplatzierungen. Dem steht eine seit Jahren zunehmende Anzahl von Angriffen auf Einsatzkräfte gegenüber – nicht nur der Polizei, sondern auch der Feuerwehr und des Rettungsdienstes, der Ordnungsämter und der Jobcenter. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Leider auch zu Karneval. 

Polizeihauptkommissar Achim Henkel.

Gewalt im Dienst, Beleidigungen und Respektlosigkeiten gehören für viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes mittlerweile zum Alltag. Autoritäten und staatliche Repräsentanten werden nicht mehr als solche anerkannt, in Folge sinken Respekt und die Hemmschwelle. Dass es auch anders gehen kann, zeigten zumindest die Karnevalsumzüge der letzten Jahre in Attendorn. Viele tausend Teilnehmer und Besucher des närrischen Treibens schafften eine großartige Atmosphäre. Das wünschen wir uns auch in diesem Jahr. Gerne auch zu Karneval. Gerne auch mit Respekt.

Christian Middel, Prinz Karneval 2018:

Ich habe im Laufe meines Prinzenjahres durchweg positive und respektvolle Reaktionen erleben dürfen, egal in welcher Richtung – sowohl als Attendorner Prinz, der eben nicht aus Attendorn kommt, als auch im Bezug auf meine Partnerschaft zu einem Mann. Sogar die Ansprachen des Attendorner Bürgermeisters Christian Pospischil im Rathaussaal und auf der Prunksitzung in der Stadthalle waren äußerst respektvoll. „Hier bei uns haben auch zwei Männer Platz.“ 

Attendorner „Ex-Prinz“ Christian Middel.

Meine Ansprache in der Stadthalle endete sogar mit Standing Ovations – respektvoller geht es ja kaum. Negatives ist mir persönlich überhaupt nicht zu Ohren gekommen. Ich bin mir sicher, dass das Wort Respekt in der Karnevalsgesellschaft Attendorn ganz groß geschrieben wird, und darauf bin ich mehr als stolz.

Christian Schnatz, Feuerwehrmann und Zugbegleiter:

Veilchendienstagszug in Attendorn – das heißt für zehn Einsatzkräfte der Feuerwehr: Bereitschaftsdienst im Feuerwehrhaus, um im Bedarfsfall mit zwei Löschfahrzeugen und einer Drehleiter möglichst schnell Hilfe leisten zu können.

Das heißt aber auch für weitere 30 Feuerwehrkräfte: gut fünf Stunden auf den Beinen sein, den Blick permanent auf die vielen Karnevalsjecken und Schaulustigen gerichtet, die am Straßenrand stehen. Denn sie unterstützen den Veranstalter bei der Sicherung der großen Karnevalswagen, die im Karnevalszug mitfahren. 

Feuerwehrmann Christian Schnatz.

Und ihr Job hat eine Daseinsberechtigung. Denn immer wieder müssen kleine Kinder – aber auch eine Vielzahl an Erwachsenen – vor den Reifen der Zugfahrzeuge und Anhänger in Sicherheit gebracht werden. Neben den üblichen kleineren Meinungsverschiedenheiten klappt das alles immer sehr problemlos. Überhaupt: Oftmals bekommen die Feuerwehrkräfte während des Zuges Speisen angeboten. 

Die Besucher und Karnevalisten respektieren und honorieren unsere Arbeit. Eine Häufung von Gewalt gegen Feuerwehrkräfte lässt sich in Attendorn nicht bestätigen. Fahrzeuge der Berliner Feuerwehr werden heute mit Schutzfolien in den Fensterscheiben ausgestattet, um gegen Pflastersteine zu schützen. Im Attendorner Karneval verirrt sich höchstens mal ein Bonbon in Richtung Feuerwehr. Und das passiert dann noch und garantiert ohne Absicht.

Eva Kersting, Gastronomin im Hotel zu Post in Attendorn:

Der Narr in der Bütt darf der Gesellschaft schon einmal den Spiegel vorhalten und mit einer gewissen Portion Respektlosigkeit Ereignisse und Begebenheiten des vergangenen Jahres kommentieren. Mit einem Karnevalskostüm schlüpft man in andere Rollen und beim Straßen- und Kneipenkarneval treffen sich die unterschiedlichsten Menschen zum gemeinsamen, fröhlichen, oft ausgelassenem Feiern. Zu den Karnevalstagen ist auch unser Haus im Ausnahmezustand und trotz der langen und anstrengenden Arbeitstage lieben unsere Mitarbeiter und wir diese tollen Tage im Jahr. 

Gastronomin Eva Kersting (l.) mit der Mitarbeiterin Ann Katrin Schäfer und Tochter Paula (v.l.).

Zumeist verkleiden sich alle und lassen sich von Musik und der guten Laune der Gäste anstecken; die Arbeitsabläufe unterliegen nicht den sonst eher formellen Umgangsformen. Unsere Teams sind so zusammengesetzt, sich im Falle eines Falles den notwendigen Respekt zu verschaffen, was in den vergangenen Jahren aber kaum notwendig gewesen ist. Natürlich wird zu Karneval auch geflirtet, aber auch hier sind die Grenzen des respektvollen guten Benehmens stets eingehalten worden. Leider haben wir in den vergangenen Jahren jedoch einen steigenden Reparatur- und Renovierungsaufwand aufgrund von unsachgemäßem oder respektlosem Umgang mit Einrichtungsgegenständen zu verzeichnen. Also ohne Respekt geht’s zu Karneval auch nicht.

Christian Höffer, Büttenredner „En twersen Lümmel“:

Aus der Sicht eines Büttenredners kann Respekt auf zweierlei Weise gedeutet werden. Zum einen, der Respekt, den der Redner dem Publikum entgegen bringt und zum anderen der umgekehrte Fall. Wie respektvoll geht das Publikum mit dem Redner um? Beides ist schwierig. Beides nimmt jeder anders war. Nicht jeder mag Reden. Ich mag auch nicht jeden. Der Vorteil ist, ich kann das in der Rede schön verpacken. Hier in der Bütt ist schimpfen erlaubt. Seinen Unmut ausdrücken oder schlicht „twers“ sein. Das kann nicht jeder vertragen. Nennt man Spaß. Und der ist weiß Gott nicht so weit verbreitet, wie man meint. 

Es gibt nichts Ernsteres als Karneval. Aber respektvoll. Heißt für mich: keine Fäkalsprache, keine wilden Schimpfwörter und möglichst über der Gürtellinie bleiben. Eben respektvoll. Wer keine Reden mag oder die Intention nicht kapiert, wird leider meist respektlos, indem er laut wird, redet und dem Redner keine Beachtung schenkt. Leute, ehrlich, jeder der da oben steht, meint es gut. Niemand hier denkt sich, heute ärgere ich mal das Publikum und mache richtig schlechte Witze. Von denen gibt’s genug und die machen Fernsehen. Zum Unterhalten ist noch Zeit genug. Und mal ehrlich, man kann auch leise Bier trinken. Ich persönlich mache auch mal schlechte Witze. Je nachdem, wie spät ich dran bin, ist das gerade auf Herrensitzungen nicht so schlimm. Da wird auch mal gelacht, wenn man gar keinen Witz erzählt hat. 

Büttenredner „En twersen Lümmel“ Christian Höffer.

Der Alkohol tut eben sein Übriges. Aber da wird zugehört. Das habe ich schon oft festgestellt. Respekt hängt nicht vom Geschlecht ab. Mann und Frau einzeln können einem Redner zuhören. Aber nur wenn sie nicht zusammen in einem Saal sitzen. Auf Herrensitzungen ist es leise, auf Damensitzungen auch. Und dann kommen die Prunksitzungen. Sobald wir anfangen zu mischen, taugt das nicht. 

Ich glaube, dass sich die Frauen da über ihre Männer aufregen, weil die Bier trinken und die Männer regen sich drüber auf, dass die Frauen sich drüber aufregen, dass die Männer Bier trinken, und trinken deshalb Bier. Ein Teufelskreis. Es wird laut, es wird hässlich und du stehst oben auf der Bühne und denkst dir: „Wo ist der Respekt?“ Doch dann haue ich meinen nächsten Witz raus. Und denke mir, wer hat das jetzt wohl wieder falsch verstanden? Ich muss nicht lange suchen. Vor der Bühne guckt mich jemand an, dem man ansieht, er hatte sich so auf den Beerdigungskaffee gefreut, musste aber dann mit zur Karnevalssitzung. Oder er hat die Karte zum Geburtstag bekommen. Oder er wurde sogar von der Gesellschaft eingeladen, hatte eigentlich keine Lust, ist aber aus Anstand gekommen. Dann finde ich, sollte derjenige auch aus Anstand lachen. Oder aus Respekt? Bei manchen Witzen fällt dann der klassische Satz: Das kann er nicht bringen, dass ist zu heftig! Im ersten Moment kann ich das nachvollziehen. Eventuell war es echt zu hart. 

Aber ich sage das nicht, um jemanden zu beleidigen oder ihm zu schaden, sondern vielmehr um wachzurütteln oder die Person oder Sache etwas auf die Schüppe zu nehmen. Das wird leider oft vergessen. Der fehlende Respekt wird viel zu oft schon vorher unterstellt. Und diese Spezies der Wahrheit-Sager, der Büttenredner, stirbt langsam aus. Es kommt niemand nach. Aus Angst vor fehlendem Respekt – ist meine Vermutung. So gibt es vermutlich bald nur noch Tänze auf den Bühnen. Doch auch das funktioniert nicht ewig. Nur Tänze an einem Abend auf einer Sitzung: Langweilig, aber man schaut ja aus Anstand zu. Oder aus Respekt?

Marc Rohrmann, Präsident und Prinz Karneval der KG Attendorn:

Gerade in unserer schnelllebigen und oberflächlich gewordenen Zeit ist der Respekt untereinander leider schon längere Zeit verloren gegangen und leider oftmals keine Selbstverständlichkeit mehr. Ältere Menschen sprechen gar vom fehlendem Respekt.

Und Respekt wird Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen einfach und vielfach unüberlegt verwehrt. Verwehrt, weil man den Idealen der Gesellschaft vielleicht nicht entspricht? Verwehrt, weil man vielleicht anders ist als die Mehrheit? Verwehrt, weil man anders denkt? Verwehrt, weil man anders liebt oder lebt? Verwehrt, weil man vielleicht behindert ist? Verwehrt, weil man anders erzogen wurde? Verwehrt, weil man anders glaubt? Oder verwehrt, weil man einer anderen Herkunft ist? Diese möglichen Gründe und Aspekte sind nur ein Bruchteil für mangelnden Respekt. 

Marc Rohrmann, Präsident der Kattfiller und amtierender Prinz Karneval in Attendorn.

Das eher unbekannte Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) benennt sogar und führt gleichermaßen auf, warum Menschen auch heute noch benachteiligt werden. Ziel des Gesetzes ist es, der fehlenden Anerkennung und der damit verbundenen Oberflächlichkeit entgegen zu wirken und diese zu beseitigen. Wir müssen uns somit mit mehr Toleranz, mehr Ehrlichkeit und mehr Gerechtigkeit begegnen, um dann von dem Gegenüber auch mehr Respekt einfordern zu können. Respekt ist auch das Streben nach Anerkennung. Und ein Lob ist gut für das Selbstvertrauen und gut für die Seele – man wird halt respektiert. Stärken wir unsere Gesellschaft also zunächst mit der eigenen inneren Einstellung, respektvoll und somit vertrauensvoll miteinander umzugehen. Erarbeiten wir uns den Respekt, die Anerkennung der Anderen, so wird das Leben vielfach bunter, friedvoller und ausgeglichener. 

Respekt zulassen, nach Respekt streben, um sich Respekt zu verschaffen sollte unser tägliches Leben begleiten. Der Staat schützt die Menschenwürde, aber ein jeder von uns muss an der Basis daran arbeiten. Ich wünsche Ihnen daher eine besonders respektvolle Karnevalszeit. Loben Sie mal Ihr Gegenüber und Sie werden sehen wie respektvoll man Ihnen begegnet! Daher gilt mein Respekt allen Karnevalisten im ganzen Kreis Olpe für den ehrenamtlichen und unermüdlichen Einsatz rund um das Thema Brauchtumspflege und Tradition. Das, meine lieben Karnevalsfreunde war übrigens ein aufrichtiges Lob. Denkt mal drüber nach.

Team des DRK Attendorn:

Karneval in Attendorn bedeutet viel Arbeit für die ehrenamtlichen Helfer des Deutschen Roten Kreuz aus Attendorn. Attendorn, auch Klein- Colonia genannt, fordert die Einsatzkräfte des DRK von Altweiber bis Veilchendienstag. Genauso wie im Kölner Karneval stehen auch in Attendorn bei jeder Karnevalsveranstaltung Helfer ehrenamtlich bereit, um im Notfall schnelle und professionelle Hilfe zu leisten. Anders als in Köln hört man in Attendorn nicht jährlich von Übergriffen und Angriffen auf Rettungskräfte. 

Ein Teil des Teams, das rund um Karneval für das DRK im Einsatz ist.

Doch auch in der kleinen Hansestadt Attendorn ist dieses Thema immer wieder im Gespräch bei Einsatzkräften. Gerade wenn viel Alkohol im Spiel ist, sinkt die Hemmschwelle gegenüber den ehrenamtlichen Helfern des DRK. Bisher sind es glücklicherweise Einzelfälle, dass Einsatzkräfte in Attendorn in ihrer Arbeit gestört und behindert werden. „Im letzten Jahr wurden Bierflaschen auf Einsatzfahrzeuge geworfen“, erinnert sich Rotkreuzleiter Marco Steinrode. „Als wir nach dem Zug zu einem Einsatz fuhren, wurden die Flaschen in Richtung Fahrzeug geworfen. Zum Glück wurde keiner getroffen, aber wir mussten aussteigen um die Scherben zur Seite zu fegen, damit wir keinen Reifenschaden haben.“ 

Solche Fälle zeigen, dass der Respekt gegenüber Einsatzkräften in den letzten Jahren abgenommen hat und die Arbeit der ehrenamtlichen Rotkreuzler als selbstverständlich angesehen wird. „Damit auch in Zukunft alle Veranstaltungen erfolgreich und insbesondere sicher ablaufen können, sollte der Respekt gegenüber ehrenamtlicher Arbeit für andere Menschen steigen“, mahnt Pressesprecher Julian Halbe. Trotz allem finden noch genug Helfer Spaß an dem Dienst – in diesem Jahr 40 Helfer darunter 3 Ärzte.

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