Schritt zu mehr Lebensfreude

Erfolgreicher Selbsthilfe-Infotag:  Einblick in die vielfältigen Angebote

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An zahlreichen Ständen konnten sich die Besucher über das Angebot informieren.

Kreis Olpe. „Ich bin so ziemlich der unbetroffenste Betroffene, den Sie sich vorstellen können“: Wenn Rainer Schmidt den Selbsthilfe-Infotag in Olpe moderiert, dann ist die richtige Mischung aus Kabarettismus und Ernst beim Thema Selbsthilfe vorprogrammiert. Am Samstag waren 30 der 90 Selbsthilfegruppen (SHGs) des Kreises mit einprägsamen Infoständen und authentischen Informationsgebern im Kreishaus Olpe dabei.

Ganz unter dem Motto „Hören, Mitdenken, Mitreden“ durften sich Besucher austauschen und kennenlernen, aber nach Begrüßungsworten verschiedener Verantwortlichen auch Kritik äußern. Von Inklusion als betroffen angesehen werden, wer kennt es nicht? Rainer Schmidt schon. Er selbst sei bei einer anderen Selbsthilfeveranstaltung als „der arme Sonderschüler“ angesehen worden. Lustig, wenn man an der Universität zu Bonn zuvor für Inklusionspädagogik doziert hatte. „Umso wichtiger ist es, über die möglichen Krankheiten und Selbsthilfegruppen zu sprechen. Denn eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, ist keine Schande. Sie setzt ein Kind, wenn es einen Baum hochklettern möchte, nicht auf den Ast. Aber sie stützt es.“ 

Auch Landrat Frank Beckehoff stimmte dem in seiner Begrüßungsrede zu: „Die Bandbreite der Selbsthilfegruppen reicht heute von A wie Adipositas, über K wie Kreuzbund bis Z wie Zöliakie. Bei drei Millionen Menschen in Deutschland, die eine SGH besuchen, ob als Ersatz oder Ergänzung zum eigenen sozialen Umfeld, sind Selbsthilfegruppen ein wichtiger Zusatz zum Gesundheitssystem geworden. Denn: Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ 

Den beträchtlichen Fortschritt, den das Selbsthilfeangebot im Kreis Olpe in den vergangenen zwei Jahrzehnten gemacht hat, bringt DRK-Vorstand Torsten Tillmann auf den Punkt: „Was braucht es für eine Selbsthilfegruppe? Ehrenamtliche und hauptamtliche Unterstützung. Seitdem wir 2017 eine Kontaktstelle der Selbsthilfe AG in Olpe haben, sind mehr als 25 Gruppen hinzugekommen. Doch es gilt: Nur gemeinsam kann das gelingen.“ 

Selbsthilfegruppe als unabdingbarer Akteur

Einschätzungen, inwiefern SHGs in das deutsche Gesundheitssystem passen, gab es von den heimischen Medizinern Dr. Gerd Reichenbach und Dr. Christine Menges, der Chefärztin der Olper Psychiatrie. „In der Arzt-Patienten-Kommunikation fehlt oft die Zeit für die Frage: ‚Was wünschen Sie sich?‘ Deswegen sind SGHs ein unabdingbarer Akteur. Selbsthilfe soll die eigene Fähigkeit, sich selbst überhaupt helfen zu können, stärken. Darum geht es hier auch um die Unterstützungen bei Entscheidungen während einer Krankheit“, so Dr. Reichenbach. 

Auch Dr. Menges bestätigte dies: „Selbsthilfegruppen sind ein wichtiger Teil von Nachsorge und Prävention. Besonders bei psychischen Erkrankungen wird der Kontakt zu Mitleidenden unter Patienten hochgeschätzt.“ 

Schließlich gab es Zeit für das Publikum, Fragen und Kritik an Fachbeauftragte verschiedener SGHs und an die Ärzte zu stellen. „Wie kommen wir an die Ärzte ran, die nicht auf SGHs hinweisen wollen?“- „Wie können wir Bürger mit Migrationshintergrund mehr in SGHs integrieren, zumal sie sehr oft von kardiologischen und psychischen Erkrankungen betroffen sind?“ 

Selbsthilfe-Infotag im Kreishaus Olpe

Es gibt staatlichen und gesellschaftlichen Handlungsbedarf in der Förderung und Etablierung von SGHs. Denn nur wer sich von anderen verstanden fühlt, kann sein eigenes und das Leben von anderen positiv verändern. Ein erster Schritt ist ja tatsächlich, die kleinen bunten Broschüren über Rheuma, Alkoholismus, Transsexualität oder Jugendhilfe in die Hand zu nehmen. Und dann die Hand eines Helfers zu nehmen, ist keine Schande, sondern ein Schritt zu mehr Lebensfreude.

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