Missstände in der Seenotrettungspolitik

Geschichten der Flucht: Ausstellung „Europa, was machst du an deinen Grenzen?!“ eröffnet

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Die Initiatoren: (v.l.) Gregor Kaiser, Ingeborg Heck-Böckler und Christian Hohn bei der Ausstellungseröffnung im Lorenz-Jaeger-Haus in Olpe.

Olpe – Sie haben tausende Kilometer an Fußweg und an Erfahrung hinter sich: Geflüchtete, die aus Krisengebieten über das Mittelmeer fliehen und an den EU-Außengrenzen Schutz suchen.

Oftmals sind sie auch in europäischen Auffanglagern inhumanen Zuständen ausgesetzt – ein Grund von vielen, weshalb die Sprecher Christian Hohn (Seebrücke Olpe) und Gregor Kaiser (AG „Es TUT sich WAS) eine Ausstellung zum polarisierenden Thema in der Kreisstadt organisiert haben. Die Amnesty International-Vorstandsbeauftragte für Flüchtlingsschutz, Ingeborg Heck-Böckler, will mit ihren Fotos und Plakaten aufklären und appellieren. Es sind Bilder, die bewegen, Statistiken, die erschrecken, und ein Titel, der zum Nachdenken anregt – „Europa, was machst du an deinen Grenzen?!“ lautet der Name der Ausstellung, die am Dienstagabend im Olper Lorenz-Jaeger-Haus eröffnet wurde.

„Ankommen im Freudesland, ohne Hass, ohne Kämpfe“ lauten die Verse aus dem Gedicht „weiß nicht“ von Barbara Finke-Heinrich, welches Ingeborg Heck-Böckler zu Anfang der Ausstellungseröffnung zitierte. Schon hier wird klar: Im Fokus der Exposition steht der in den Menschenrechten verankerte Anspruch auf Asyl und Schutz. 

„Ich möchte mit den Plakaten nicht nur mit traurigen Dingen schockieren, sondern auch das vorherrschende Engagement transparent machen. Etwa das Engagement der Seekapitäne, die in vereinsfinanzierten Rettungsaktionen mit Hunderten von Flüchtlingen auf See verharren und dafür als ‚Schlepper‘ kriminalisiert werden. Etwa das Engagement von Studierenden in Marokko, die eigentlich kein Aufenthaltsrecht haben und dennoch in Beratungsstellen für andere Menschen in prekären Lebenslagen ein offenes Ohr haben“, erklärte das Mitglied der Fachkommission Asyl zum Ziel der Ausstellung. 

„Ein Trauma kann auch nach der ‚Integrationsphase‘ einsetzen"

Die Bilder hat Ingeborg Heck-Böckler selber gemacht – einmal im Jahr reist sie von Amnesty International ausgehend in Krisengebiete. Sie tritt in ihrer Arbeit bei Amnesty International insbesondere für einen Wechselkurs in der europäischen Flüchtlingspolitik ein. Zum Beispiel empfinde die Menschenrechtsorganisation das Prinzip der sicheren Herkunftsländer nicht als menschenrechtskonform. Aber auch nach dem Ankommen in Europa dürfe die Hilfe nicht bei der Kompensation von Grundbedürfnissen stoppen. 

So müsse sowohl in deutschen „Drei-Zonen-Zentren“ als auch in ausländischen „Ankerzentren“ eine ausreichende psychosoziale Versorgung sichergestellt werden. „Ein Trauma kann auch erst nach der ‚Integrationsphase‘ einsetzen. Um die Geflüchteten und uns selbst zu schützen, muss dringend in Beratungsstellen und psychotherapeutische Infrastruktur investiert werden.“ Ebenfalls stelle die „diskontinuierliche Beschulung von Kindern“ in den Ballungsgebieten ein ernstzunehmendes Problem dar. 

Gregor Kaiser kritisierte vor allem die ethische Problematik der aktuellen Lage: „Wo ist die Menschenwürde in dieser Situation? Müssen wir sie erst wieder einfordern? Es scheint, als seien die aktuellen politischen Zustände gewollt. Denn aktiv entgegengewirkt wird ihnen in der Politik auf jeden Fall nicht.“ Des Weiteren könne es nicht die Verantwortung privater Vereine sein, Seenotrettung im Mittelmeer zu erfüllen, die die Politik nicht realisiere, fügte der Sprecher der AG hinzu. 

Sinkende Schutzquote

Darüber hinaus informierte Ingeborg Heck-Böckler über wichtige Missstände in der Seenotrettungspolitik: „Die vom italienischen Verteidigungshaushalt finanzierte Rettungsmission ‚Mare Nostrum‘ wurde eingestellt, weil die EU nicht bereit war, sich an den Kosten zu beteiligen. Die Mission ,Sophia’ dagegen ist in erster Linie keine Rettungsmission, sondern eine Mission zur ‚Schlepper‘-Bekämpfung, die teilweise völkerrechtwidrige ,Push-Backs’ vollzogen hat. Und dass ein Boot übersehen wird, ist mit einer Wärmekamera-Ausstattung unwahrscheinlich.“ 

70,8 Millionen Menschen waren laut den Zählungen des UN-Flüchtlingswerkes UNHCR 2018 auf der Flucht. Diese Zahl erlebe in den vergangenen fünf Jahren einen stetigen Anstieg, hob Heck-Böckler hervor. „In Anbetracht der sinkenden europäischen Schutzquote – welche 2016 noch 71 Prozent und 2018 nur noch 50 Prozent betrug – ist diese Zunahme besonders mit Sorge zu betrachten. Es ist Aufgabe der nationalen und europäischen Politik, zu handeln, und Aufgabe der Zivilbevölkerung, dieses Handeln einzufordern“, resümierte das Amnesty International-Mitglied.

Die Ausstellung kann noch bis zum 7. Februar von Montag bis Freitag im Lorenz-Jaeger-Haus in Olpe betrachtet werden. Organisiert wurde sie unter anderem auch mit der Schulsozialarbeit des Städtischen Gymnasiums Olpe. Der Eintritt ist kostenlos.

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