„Das Gefühl des Einsamseins“

Holocaust-Überlebende Michaela Vidláková spricht mit Schülern

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Bereits am Montag war Michaela Vidláková zu Gast am Städtischen Gymnasium Olpe.

Attendorn/Olpe. Wenn Dr. Michaela Vidláková spricht, ist es still. Zu groß ist der Respekt vor dem, was sie zu erzählen hat: ihre Lebensgeschichte. Die 1936 in Prag geborene Frau ist eine Holocaust-Überlebene und teilt ihre Erfahrungen vor allem mit Schülern. In dieser Woche war sie im Kreis Olpe unterwegs.

„Ich habe das große Glück, dass ich nicht zu den sechs Millionen Opfern gehöre“, beginnt Michaela Vidláková ihre Erzählungen – „Das Glück, das ich damals hatte, will ich euch jetzt nach und nach schildern.“

In der Hansestadt referierte sie vor mehreren hundert Zuhörern. In der Aula des Rivius- Gymnasiums trafen sich gestern Schüler der St.-Ursula- Schulen, der Hanseschule sowie Leistungskurse des Rivius-Gymnasiums. Bereits am Montag war sie zu Gast in der Kreisstadt und sprach vor Schülern der Jahrgangsstufe 9 und der Oberstufe des Städtischen Gymnasiums Olpe.

Und beide Male ist die Stimmung identisch, als sie von den „dunklen Flecken in der deutschen Geschichte“ berichtet. „Man muss etwas tun, damit sich sowas nicht wiederholt. Das Böse ist nicht auf einmal erschienen – es kam schleichend.“

In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland gab die studierte Bio-Chemikerin einen Einblick in ihre frühe Kindheit, die nach eigenen Aussagen „vom Gefühl des Einsamseins, der Erniedrigung und des Verrats“ geprägt war.

„Wir waren plötzlich Nummern“

Für Juden waren Arbeitsverbote und materielle Enteignungen – selbst vor Haustieren wurde kein Halt gemacht – Alltag. Teil ihrer Kindheit war die Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt: „Wir waren keine Menschen mehr, wir waren plötzlich Nummern.“ Ihr Vater wurde dort als Zimmermann aufgenommen, ihre Mutter arbeitete als Lehrerin und Vidláková, damals sechs Jahre alt, wurde in einem Kinderheim untergebracht. „Dort wurde versucht, uns ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen.“

Während einer Odyssee hochansteckender Krankheiten – sie litt unter anderem unter Gelbsucht, Fleckfieber und Scharlach – lernte sie im Krankenhaus einen deutschen Jungen kennen. „Ihm habe ich meine Deutschkenntnisse zu verdanken“, erinnert sich die 82-Jährige und lächelt. Wie durch ein Wunder „entkam“ ihr Vater dem letzten Transport nach Osten in eines der Vernichtungslager. Im Herbst 1944 sollte er mit dem Zug aus Theresienstadt gebracht werden. Doch da ein Wind das Dach einer Baracke zerstört hatte, meldete er sich freiwillig, um den Schaden zu beheben. Der Zug nach Auschwitz fuhr ohne ihn ab – die Familie überlebte.

Schüler der Hanseschule Attendorn, der St. Ursula-Schulen und drei Leistungskurse des Rivius-Gymnasiums durften Dr. Vidláková zuhören.

Seit ihrem 60. Lebensjahr widmet sich Michaela Vidláková der Tätigkeit als Zeitzeugin. Ihr Ziel ist es, nie aufzuhören über die damaligen Geschehnisse zu reden: „Wenn Gewalt Macht bekommt, ist es zu spät. In der Vergangenheit ist das leider viel zu oft passiert.“ Im Internet könne man vieles über die Geschichte nachlesen, doch Michaela Vidláková weiß: „Menschen, die Fragen beantworten können, gibt es kaum noch. Ich stehe gerne zur Verfügung.“

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