Krimilegende Don Winslow in Olpe zu Gast

Mit James Bond einmal quer durch „Germany“

Das Publikum hätte diesem „Trio Infernale“ noch Stunden lauschen können: Dietmar Wunder, Don Winslow und Günter Keil (v.l.) im Olper „Cineplex“.

Olpe. „Heute Abend werden Sie sehen, welche Frisur der Mann von Welt derzeit trägt“, schmunzelt Georg Spielmann, Inhaber der „dreimann Buchhandlung“ und Mitglied des Vereins „Bigge brennt“. Der Mann von Welt trägt offensichtlich Glatze – zumindest wenn man vom abwesenden Haupthaar von Don Winslow, Dietmar Wunder und Georg Spielmann ausgeht. Ähnlich geht es am Mittwochabend im Olper „Cineplex“ weiter – von der Jack Nicholson-Parodie über „Peanutbutter-and-Jelly“-Burritos bis hin zu „Bond, James Bond“, die Zuschauer, Winslow und Wunder sowie Moderator Günter Keil kugeln sich zeitweise vor Lachen. Dabei steht eigentlich etwas ganz anderes im Mittelpunkt. Winslows neuestes Werk „Germany“.

Zu nur sechs Terminen weilt der amerikanische Autor, der laut „New York Times“ zu den besten Thriller-Autoren der Welt gehört, in Deutschland – zur Buchmesse in Leipzig und zur lit.Cologne, in Berlin, Hamburg, München und eben in Olpe. Begleitet wird er auf seiner Lesereise von Schauspieler und Synchronsprecher Dietmar Wunder – er ist die Stimme von Daniel Craigs „James Bond“ – sowie Journalist Günter Keil.

Schlange stehen für ein Schwätzchen: Weit über eine Stunde nimmt sich Don Winslow Zeit, bis auch jeder Fan seine Unterschrift hat. Fotos: Miriam Hubmayer

„Das ist für uns so, als würde Steven Spielberg mit seinem neuesten Film auf Deutschland-Tour gehen und in Olpe Premiere feiern“, so Spielmann – bevor er um tosenden Applaus für das Trio bittet. In „Germany“, das in Deutschland im „Droemer Knaur“ Verlag erscheint, geht‘s für Schnüffler Frank Decker, Ex-Soldat und Ex-Polizist, in das Deutsche Rotlicht-Milieu: Die schöne Frau eines langjährigen Freundes verschwindet – die Polizei ist machtlos, also heftet sich der unnachgiebige Privatdetektiv an die Fährte.

„Würden Sie die Rolle des Frank Decker als Schauspieler gerne übernehmen?“, wendet sich Keil an Dietmar Wunder.

„„Ja, klar: Decker ist eine spannende Figur, er ist innerlich zerrissen, von seinen Fällen besessen, gleichzeitig aber stark. Das reizt mich sehr“, so Wunder. Diese Begeisterung für die Geschichten aus der Feder Winslows merkt man ihm beim Lesen an – „ich verliere mich regelrecht in der Rolle und sehe das Geschehen vor meinem inneren Auge, alles andere verschwindet“, so Wunder zu seiner Rolle als „Vorleser“. („Der Dietmar Wunder könnte sogar einfach ein Telefonbuch vorlesen – das klänge immer noch irre und faszinierend“, klang nach der Lesung eine Stimme aus dem Publikum).

Frank Decker führt den Leser als „Ich-Erzähler“ durch das Buch – eine ungewohnte Perspektive für Winslow, der sonst in seinen Thrillern und Romanen wie „Das Kartell“ – der Epos wird in Kürze von Ridley Scott verfilmt, für die Hauptrolle ist Leonardo DiCaprio im Gespräch – oder „Tage der Toten“ häufig die Perspektive wechselt. „Hier ging es darum, den Leser mit der inneren Wahrheit Deckers zu konfrontieren, mit ihm zu gehen und nie mehr zu wissen als er“, erzählt Winslow. Er kennt das Leben als Privatdetektiv aus eigener Erfahrung, arbeitete gut anderthalb Jahre als Schnüffler in New York – meist auf der Suche nach verschwundenen Teenagern. „Da wurde es nur schwierig, wenn der Teenie schon in den Fängen eines Zuhälters oder Drogendealers war.“ Sein Undercover-Dasein habe er damals beendet, als er sich dabei erwischte, wie er ein Schinken-Sandwich essend die Akte einer Frau durchblätterte, die von ihrem Mann getötet und verbrannt worden war – und nichts dabei fühlte. „Da war der Job zu Ende für mich.“ Ob es denn niemals einen „Good Guy“ als Schnüffler gebe? Winslow stockt kurz: „Wohl eher nicht. Denn wenn alles gut ist, sucht man ja keinen Privatdetektiv auf.“ Der Job sei es, Geheimnisse zu bewahren – und wenn nötig auch mal Gewalt anzuwenden. „Wenn man das zu lange macht, wird man verrückt.“ Wie sehr unterscheide sich denn sein Leben als Schriftsteller, will Keil weiter wissen. „Oh ich bin beim Schreiben manchmal – mir fällt das passende Wort nicht ein, Schatz“, wendet Winslow sich an seine Gattin Jean, die in der ersten Reihe im ausverkauften Kino-saal saß. „Solitary (einsam)“, meinte sie.

Und zack – ist es 23 Uhr: das Team der Buchhandlungen „dreimann“ und „Hachmann“ mit den drei Protagonisten Don Winslow, Dietmar Wunder und Günter Keil.

Winslow, der mit seiner Familie in Südkalifornien lebt, ist ein sehr disziplinierter Schreiber – er beginnt um 5.30 Uhr früh und arbeitet bis 17.30 Uhr nachmittags – von „can‘t see to can‘t see“, grinst er schelmisch. Er lebe so sehr in seinem eigenen Kopf, dass er manchmal Schwierigkeiten habe, zurück in die Realität zu finden: „Die Figuren in meinem Kopf machen ja stets was ich will – das klappt im wirklichen Leben leider nicht.“

Die Recherche für „Germany“ sei relativ einfach gewesen, da er das Milieu mit dem „Geruch der Verzweiflung“ aus seiner Zeit als Privatdetektiv gut kenne – „obwohl sich diese Welt sehr gewandelt hat. Im Internet findet man binnen Sekunden eine Frau zum ,Mieten‘. Schrecklich“.

Es gibt aber durchaus Themen, die den sonst sehr entspannten, surfenden und Saxophon-spielenden Südkalifornier in den Wahnsinn treiben– mit Blick auf seine intensiven Recherchen im Bereich der Drogenkartelle. „Lassen Sie mich das ganz klar sagen: Drogen müssen legalisiert werden. Nur so können wir den Kreislauf durchbrechen. Ich rede ständig mit Jugendlichen, die zu einer Demo gehen, um Hühnchen zu befreien – und anschließend zu Hause einen Joint rauchen. Das ist ein moralisches Problem. Die antworten dann immer, dass Cousin Billy das Gras auf der Fensterbank angebaut habe ... Irgendwer muss die Tonnen Gras oder Koks, die von Massenmördern, Killern und Sklavenhändlern aus Südamerika in die USA geschafft werden, allerdings rauchen.“ Dieser Teufelskreis könne nur mit einer Legalisierung der Drogen durchbrochen werden.

Und dann sind da natürlich noch Donald Trump und seine Präsidentschaftskandidatur für die Republikaner. Don Winslow dazu: „Ich werde schreibend weiter gegen ihn kämpfen.“ 

Anschließend ist Don Winslow offensichtlich sehr angetan vom Olper Publikum und twitterte:

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