„Sie akzeptieren es – oder Sie verlieren Ihr Kind“

Neue Selbsthilfegruppe für Eltern und Angehörige von transidenten Menschen

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Die Selbsthilfegruppe trifft sich ab dem 26. Februar jeweils am letzten Dienstag im Monat von 18 bis etwa 20 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Olpe.

Olpe. Ein Gedankenspiel: Man sitzt abends im Wohnzimmer. Ganz in Ruhe, nach einem langen Tag. Alles scheint in Ordnung. Doch auf einmal sagt das eigene Kind, dass es im falschen Körper lebt. Dass es zwar körperlich ein Junge ist, sich aber tatsächlich wie ein Mädchen fühlt (oder umgekehrt). Wie würde man reagieren? Was für viele kaum vorstellbar ist, ist für einige Eltern Realität. Sie haben ein sogenanntes „transidentes“ Kind. Nun haben zwei Mütter den Schritt gewagt und gründen die „Selbsthilfegruppe für Eltern und Angehörige von transidenten Menschen“. Was dahinter steckt, erklären die beiden im Gespräch mit dem SauerlandKurier.

Anonym wollen sie bleiben. Zu groß sind die Befürchtungen, auf Unverständnis und Ablehnung – auch in der Berufswelt – zu stoßen, oder gar eine „Opferrolle“ einzunehmen. Doch sie wirken stark. Gefestigt. Das war aber nicht immer so. „Mein erster Gedanke war: ,Das will ich so jetzt hier nicht haben’“, beschreibt eine der beiden den Moment, als ihr Sohn ihr von seiner Transidentität berichtet hat. Wenn sie „Sohn“ sagt, meint sie das Kind, das sie 15 Jahre als Tochter aufgezogen hat. Das sich jedoch in Wahrheit wie ein Junge fühlt. Dem ersten Gedanken folgte aber damals auch ein zweiter: „Das Kind muss glücklich werden. Und es ist die Aufgabe der Eltern, dafür zu sorgen, dass das Kind glücklich und zufrieden sein kann.“

Ähnlich ging es auch ihrer Mitstreiterin, deren Kind ihr vor eineinhalb Jahren eröffnet hat, dass es eine Frau im Körper eines Mannes ist. „Bis dahin hatte sie geschwiegen. Aus Angst.“ Die Mutter hatte unter anderem angenommen, dass ihr Kind an ADS, dem sogenannten „Träumer-Syndrom“ leidet, bei dem die Betroffenen sich zurückziehen und in ihre eigene Welt flüchten. Doch eine ärztliche Untersuchung bestätigte das nicht. Schließlich übernahm die Tochter selbst die Initiative und berichtete von ihren wahren Gefühlen.

Beide Mütter teilen das gleiche Schicksal, sind den gleichen Weg gegangen. Und beide empfanden – nachdem es „raus“ war – vor allem eins: Erleichterung. „Auf einmal ergaben die vielen etwas seltsamen Dinge in den ganzen Jahren einen Sinn.“ Wie zum Beispiel die Tatsache, dass sich das Kind in Gruppen von Kindern des vermeintlich gleichen Geschlechts nicht wohlfühlte. Oder keine geschlechtertypischen Dinge – wie zum Beispiel Fußballspielen oder im Wald rumtoben – machen wollten. 

Doch die Mütter stellten sich auch die Frage nach dem Grund: „Was habe ich falsch gemacht? Die Wahrheit ist aber: nichts. Das Ganze ist dem Kind in die Wiege gelegt.“ Was für beide schnell klar war: Sie mussten akzeptieren, dass ihre Kinder fortan ein Leben als Angehörige des anderen Geschlechts führen würden, als jenem, mit dem sie geboren worden waren. „Entweder Sie akzeptieren es – oder Sie verlieren Ihr Kind. Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten.“

Das Problem mit den Namen

Der folgende Weg war kein leichter. Es gab viele Fragen. Wie erklärt man es der Familie, den Freunden, den Mitschülern? Wie geht es überhaupt weiter? Begleitende Psychotherapie. Arztbesuche. Hormonbehandlung. Rechtliche Fragen. All das belastete nicht nur die Kinder, sondern auch die Angehörigen. Die größte Umstellung im Alltag war indes etwas völlig anderes. „Der Name“, antworten die Mütter beinahe unisono. Denn natürlich haben die Kinder ihre „alten“ Namen abgelegt und sich neue ausgesucht. „Manchmal rutschen die früheren Namen noch raus“, geben die Mütter zu.

Doch auch die rechtlichen Rahmenbedingungen machen die Situation nicht einfacher. Geregelt sind diese Dinge im sogenannten „Transsexuellengesetz“, das bereits 1981 in Kraft getreten ist. Ein Mensch mit Transidentität muss beispielsweise erst drei Jahre mit dem „neuen“ Geschlecht gelebt haben, bevor er offiziell seinen Namen ändern kann. „Das Gesetz ist teilweise schon diskriminierend“, so die beiden Mütter. Sie hoffen daher, dass der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen in naher Zukunft verbessert.

Auch die Hormonbehandlung ist in der Regel erst nach einem Jahr „Alltagstest“ in der neuen Geschlechterrolle und Psychotherapie möglich – es muss absolut sicher sein, dass es sich tatsächlich um eine Transidentität handelt, und nicht um eine psychische Störung wie Schizophrenie oder eine gespaltene Persönlichkeit. Bis zur großen geschlechtsangleichenden Operation mit Veränderung der Genitalien sind sogar mindestens vier Jahre Hormonbehandlung vorgeschrieben.

Die beiden Frauen räumen auch mit einem weit verbreiteten Irrglauben auf. Denn Transidentität ist nicht zu verwechseln mit den Transvestiten, Männern die im Alltag Frauenkleider tragen: „Transidentität hat nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun, sondern mit der Definition der eigenen Geschlechter-identität.“ Angehörige von Menschen mit Transidentität erleben ihre Situation meist sehr unterschiedlich. Für alle gelte aber: „Es ist wichtig, sich mit dem Thema intensiv auseinanderzusetzen.“

In der Gruppe herrscht Schweigepflicht

Das wollen die zwei Frauen mit der Selbsthilfegruppe erreichen: „Wir haben festgestellt, dass sich viele Angehörige von transidenten Menschen hilfesuchend an die Schulen wenden. Doch im Kreis Olpe gibt es keine Anlaufstelle. Wir wollen diese Lücke schließen und dafür sorgen, dass die Betroffenen sich in einem geschützten Raum austauschen und ihre Erfahrungen teilen können – natürlich gilt in der Gruppe die Schweigepflicht.“

Die Mütter wollen anderen betroffenen Angehörigen helfen, den Weg zu gehen, den sie sich „nicht selbst ausgesucht“ haben. Einen Weg, der möglicherweise an einem Abend im Wohnzimmer begonnen hat. Als das eigene Kind gesagt hat, dass es im falschen Körper lebt.

Die Selbsthilfegruppe für Eltern und Angehörige von transidenten Menschen trifft sich ab dem 26. Februar jeweils am letzten Dienstag im Monat von 18 bis etwa 20 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Olpe, Löherweg 9. Weitere Infos: DRK-Selbsthilfekontaktstelle Olpe,  ☎ 02761/2643, bell@kv-olpe.drk.de.

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