Im Gespräch mit einer angehenden Ordensschwester

Ordensleben – „in Jung“: Annika Zöll (23) ist neue Postulantin bei den Franziskanerinnen

+
Annika Zöll (23) ist neue Postulantin bei den Olper Franziskanerinnen.

Olpe – Samstag, 11 Uhr, Olpe. Auf der Suche nach den Franziskanerinnen von der ewigen Anbetung. Keine hohen Backsteinmauern, keine vergitterten Fenster künden vom Sitz der Ordensschwestern in der Kreisstadt. Klein und bescheiden liegt der Konvent San Damiano hinter der Martinuskirche. Statt der in Filmen und Literatur propagierten Kälte und Strenge von Ordenshäusern gibt es hier menschliche Wärme.

Zum einen bei der rührigen Schwester Katharina. Sie engagiert sich in der Jugendarbeit, ist in den sozialen Medien aktiv und ist Ehrenmitglied des FC-Köln-Fanclubs „Olper Geissböcke“. Zum anderen bei Annika Zöll. Und um die lebenslustige und fröhliche junge Frau geht es. Die 23-Jährige ist seit November Postulantin bei den Olper Franziskanerinnen. Sie hat damit ihre Ausbildung im Orden begonnen. Im Gespräch erklärt sie, warum sich eine junge Frau für ein Leben in der Ordensgemeinschaft entscheidet.

Bereits als Kind lernt sie die Franziskanerinnen in ihrer Heimat Hitdorf in der Nähe von Leverkusen kennen, geht dort in den Kindergarten, in die katholische Schule: „Ich habe damals gedacht, Ordensschwestern sind immer alt“, so Zöll. Das ändert sich 2013. Die Olper Franziskanerinnen feiern 150-jähriges Bestehen. Und junge Menschen können sich bewerben, um die Provinzen des Ordens zu bereisen. Einen der 18 Plätze ergattert Annika Zöll. Gemeinsam mit Schwester Katharina reist sie in die USA. Eine Erfahrung, die ihre Sichtweise ändert.

„Da habe ich zum ersten Mal junge Schwestern gesehen“, sagt die 23-Jährige. Sie kommen ins Gespräch, machen „Dinge, die man in dem Alter so macht“: „Das war ziemlich cool. Aber über einen Ordenseintritt habe ich nicht nachgedacht.“ Zurück in Deutschland merkt sie: „Das alles lässt mich nicht mehr so richtig los.“ Der Kontakt zu den Franziskanerinnen wird enger. Im November 2013 wird Ordensgründerin Mutter Maria Theresia Bonzel seliggesprochen. Annika Zöll ist zu Besuch in Olpe. Und erneut ändert sich ihre Sichtweise.

„Irgendwie hatte ich das immer gehofft“

„Wieder habe ich gemerkt, dass mich das nicht mehr loslässt. Dass mich das Leben im Kloster anspricht, dass ich mich hier wohl fühle“, erinnert sie sich. 2016 – die junge Frau studiert mittlerweile in Bonn Theologie – fasst sie schließlich den Entschluss: „Ich möchte in einer Ordensgemeinschaft leben.“ Und sie nimmt sie allen Mut zusammen.

Annika Zöll „beichtet“ Schwester Katharina: „Ich glaube, ich kann mir vorstellen, Franziskanerin zu werden.“ Sie erklärt: „Ich war furchtbar aufgeregt.“ Doch die Ordensschwester ist keineswegs so überrascht wie gedacht: „Irgendwie hatte ich das immer gehofft. Aber man weiß ja nicht, was Gott will“, berichtet sie. Annika Zöll lacht: „Nach dem Gespräch haben wir beide erstmal Schokolade gegessen.“

Im Dezember 2017 lässt Schwester Katharina die Bombe platzen. „Sie sagte mir, dass ich im Februar Kandidatin werden kann. Aber meine Eltern wussten davon noch gar nichts.“ Also: „Ich habe gedacht, ich probiere das bei meiner Mama aus. Wenn die nicht ausflippt, kann ich das anderen sagen.“ Doch auch die Mutter ist nicht überrascht: „Im Gegenteil: Sie hat sich gefreut.“ Und der Rest der Familie? „Ich habe das beim Essen am zweiten Weihnachtsfeiertag erzählt. Da saßen erstmal alle schweigend am Tisch“, sagt Annika Zöll. Mit einem „Herzlichen Glückwunsch“ brechen ihre beiden Schwestern das Schweigen: „Es kamen aber auch Fragen, wie die, ob ich überhaupt mein Handy behalten dürfe.“ Die Reaktion ihres Vaters lässt länger auf sich warten.

Postulat- Noviziat - Profess

„Es hat gedauert, bis er das Ganze verarbeitet hat. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich durch das Leben im Orden kein anderer Mensch werde. Ich werde auch nicht eingesperrt oder bin nur hinter Gittern zu sehen.“ Schwester Katharina schmunzelt: „Als meine Eltern mich damals in Oschersleben besuchen wollten, habe ich erstmal auf dem ganzen Gelände nach einem vergitterten Fenster gesucht.“ Im Freundes- und Bekanntenkreis sind die Reaktionen auf Annika Zölls Entscheidung geteilt: „Manche konnten das gar nicht verstehen, andere haben gesagt, dass sie das schon immer erwartet haben.“

Aber es gibt auch Vorurteile: Ordensschwestern leben nur von Spenden, sie reden und beten den ganzen Tag – ein Mythos. Annika Zöll schreibt an ihrer Magisterarbeit, wird anschließend als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni arbeiten, will später promovieren. Einzige Ausnahme: das sogenannte „Kanonische Jahr“. Im ersten Jahr des Noviziats, das sich an das Postulat anschließt, darf sie nicht „extern“ arbeiten. Sie soll sich selbst laut Schwester Katharina, die sich als Formationsleiterin um die junge Frau kümmert, „in anderen Zusammenhängen sehen, sich selbst und den Orden kennenlernen.“ Sie schmunzelt: „Annika hat mir erzählt, dass sie keinen richtigen Bezug zu Kindern hat. Also werden wir auch etwas mit Kindern machen.“ Ein Jahr lang wird Annika Zölls Stelle an der Uni freigehalten. Was wäre gewesen, wenn das nicht geklappt hätte? Oder wenn der Orden diese Tätigkeit untersagt hätte?

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Ausbildung hätte machen können, die ich eigentlich gar nicht gewollt hätte“, sagt die junge Postulantin. Schwester Katharina erklärt: „Neben der Berufung zum Leben im Orden hat Annika noch eine andere Berufung – die zur Arbeit an der Uni. Da legen wir ihr und auch dem lieben Gott keine Steine in den Weg.“ Im zweiten Noviziatsjahr geht’s zurück zum Arbeitsplatz an der Uni. Dann in Ordenstracht. „Es kommt dann darauf an, auszuprobieren, wie man Beruf und Ordensleben kombinieren kann“, so Schwester Katharina. Danach wird’s ernst.

Leben als „doppelte Exotin“

Es folgt das erste Gelübde – die zeitliche Profess. Diese gilt zunächst für drei Jahre: „Dann ist nicht mehr alles neu. Wie geht es dann weiter mit dem Leben für Gott und Kirche? Man muss sich Klarheit schaffen – und das braucht Zeit“, beschreibt Schwester Katharina. Die zeitliche Profess kann verlängert werden, irgendwann kommt es aber zur ewigen Profess – dieses Gelübde gilt für immer.

Eine neue Postulantin – die hat es bei den Olper Franziskanerinnen sehr lange nicht gegeben. Eine Frage ist, wie das Zusammenleben mit den anderen Schwestern, die alle deutlich älter sind, funktioniert. Schwester Katharina lacht: „Wir vier Schwestern im Konvent sind komplett verschieden. Gott hat ausgesucht, dass wir zusammenleben sollen.“ Die älteren Ordensschwestern müssen sich auf jemanden einstellen, der jünger ist und Dinge vielleicht anders wahrnimmt. Und die junge Frau muss das Leben im Orden lernen. Wochentags wohnt Annika Zöll im Konvent St. Antonius in Bonn. Sie erinnert sich: „Ich musste anfangs erklären, dass ich auch mal länger als bis 19 Uhr weg bin und dass ich dann nicht entführt worden bin.“

Das Noviziat beginnt für Annika Zöll am 11. August, nach Abschluss ihres Studiums. Dann erhält sie ihren Ordensnamen, außerdem die Ordenstracht, Habit und Schleier: „Momentan bin ich ,inkognito’ unterwegs. Ich kann selbst entscheiden, ob ich erzähle, dass ich Franziskanerin bin.“ Im August ist das vorbei. Dann ist sie eine „doppelte Exotin“: als Ordensschwester, die deutlich jünger ist als die anderen – und als eine junge Frau, die sich für das Leben im Orden entschlossen hat. Und die damit zeigt, dass Ordensleben auch „in Jung“ möglich ist.

Über die Olper Franziskanerinnen

Eine erste Ordensgemeinschaft in Olpe wurde im Jahr 1859 von Wilhelmine (später Maria Theresia) Bonzel , Regina Löser und Klara Pfänder gegründet. Bischof Konrad Martin von Paderborn verfügte am 20. Juli 1863 die Selbständigkeit des Olper Klosters und ernannte Maria Theresia Bonzel zur Oberin – seitdem gibt es die „Franziskanerinnen von der ewigen Anbetung“. 1875 gingen die ersten Schwestern nach Nordamerika. 

1902 wurde die „Gemeinnützige Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe mbH“ (GFO) gegründet, Trägergesellschaft von Einrichtungen wie dem Muter-Kind-Haus „Aline“, dem Kind er- und Jugendhospiz „Balthasar“, dem Josefshaus, der St.-Franziskus-Schule und weiterer Kindergärten, Seniorenzentren und Krankenhäuser. Das Mutterhaus steht am Kimicker Berg in der Kreisstadt. Das Ordenskürzel ist OSF (Ordo Sanci Francisci). 

Randnotiz: Strenggenommen heißen die Mitglieder der Olper Franziskanerinnen Ordensschwestern, nicht Nonnen. Den Begriff „Nonne“ sieht das Kirchenrecht für Schwestern vor, die zurückgezogen in päpstlicher Klausur leben. Beispiel: die Klarissinnen, die bis 2014 auf der Eremitage im Siegerland beheimatet waren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare