Frieden als Wesen der EU

„Extremisten von links und rechts fernhalten“: Wolfgang Bosbach spricht in Olpe

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Diakon Werner Schrage (l.), die Vorsitzende Inge Muckenhaupt und Werner Figge (r.) freuten sich, Wolfgang Bosbach (2.v.r.) im Namen der Kolpingsfamilie Olpe begrüßen zu dürfen.

Kreis Olpe. „In der globalisierten Welt schlägt nicht der Starke den Schwachen, sondern der Schnelle den Langsamen“ – kurz und prägnant formulierte der langjährige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach seine Thesen. Auf Einladung der Kolpingsfamilie Olpe referierte der Politiker im Kolpinghaus vergangenen Freitag über die Veränderungen in Deutschland und der Europäischen Union. Anschließend stellte er sich in einer regen Diskussion den Fragen der Anwesenden.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Moderator Werner Figge sowie seinerseits ging Bosbach umgehend auf die Veränderungen in Deutschland ein. Er fragte: „Fällt es uns eigentlich auf, etwas Besonderes zu erleben, wenn wir uns gar nicht bewusst sind, dass es etwas Besonderes ist?“ Als Beispiel zog der aus Bergisch Gladbach kommende Gast ein Experiment von Joshua Bell heran. Der weltberühmte Violinist verkleidete sich als Straßenmusiker und geigte im Jahr 2008 für 43 Minuten in der Washington Metro unter anderem Johann Sebastian Bachs ebenso bekannte wie schwierige Chaconne in d-Moll. Seine Bilanz: Er verdiente 32,17 Dollar. Die Hunderte von Passanten nahmen den Stehgeiger gar nicht oder nur flüchtig zur Kenntnis. Gleiches gälte für die Demokratie. „Viele Deutsche wissen den Stellenwert der Demokratie nicht zu schätzen.“ So lebe man nun seit Jahrzehnten in einem Land mit hohem Maß an politischer und gesellschaftlicher Stabilität.

Darüber hinaus gäbe es laut Kritikern nichts Schlimmeres als das deutsche Gesundheitssystem, „es sei denn, der Deutsche wird im Ausland krank. Dann ist es super. [...] Viele andere Länder beneiden uns für unser Gesundheitssystem“, so Bosbach.

Patriotismus statt Nationalismus

Auch mahnte er, man solle stolz auf sein Land sein. Während in Amerika und Frankreich die Nationalfeiertage mit riesigen Feuerwerken und nationalen Feierlichkeiten zelebriert würden, wäre Deutschland davon noch sehr weit weg. Dabei müsse man sich einmal vor Auge führen, dass es noch nie zuvor eine solch friedliche Revolution, ohne Blut, Schüsse und Gewalt gegeben hätte, wie die Wiedervereinigung. Zugegebenermaßen habe die Angleichung zwar länger gedauert und wär auch teurer geworden als geplant, jedoch habe es letztendlich doch geklappt. Dementsprechend solle man stolz auf das sein, was man in den vergangenen 28 Jahren gemeinsam geschaffen habe.

Hier hob der CDU-Politiker den Terminus „Patriot“ hervor und grenzte diesen im gleichen Atemzug jedoch radikal vom Nationalisten ab. In Bezug auf die EU nahm sich der Politiker zunächst des Themas „Brexit“ an und plädierte für einen „klaren Schnitt“. Großbritannien könne nicht auf einer Seite die Vorteile halten, ohne auf der anderen Seite die Nachteile tragen zu müssen. „Nicht der Freihandel oder der Euro sind das Wesen Europas, sondern der Frieden der verschiedensten und unterschiedlichsten Länder.“ Man dürfe sich nicht zurückentwickeln zu einer Politik, die nebeneinander anstatt miteinander stattfindet.

Für die Zukunft äußerte Bosbach seine Bedenken: Ähnlich wie die Kirche verliere die Politik ihre Bindewirkung in der Gesellschaft. Die Politik müsse sich ihr Vertrauen zurück erarbeiten und weiterhin „Maß und Mitte halten sowie Extremisten von links und rechts fernhalten.“

Deutschland muss „Erfahrungen weitergeben“

Gesellschaftlich hob der ehemalige Bundestagsabgeordnete die radikalen technologischen Veränderungen hervor. „Während es 120 Jahre gedauert hat bis eine Milliarde Menschen ein Festnetztelefon hatten, dauerte es nur noch 20 Jahre bis eine Milliarde ein Smartphone besaßen.“ In den vergangenen 250 Jahren habe sich die Welt mehr verändert als im gesamten Zeitraum vorher.

Bosbach warnte: „In alten Industrien wie der Autoindustrie, dem Ingenieur- und Bauwesen sind wir weltklasse, aber in den modernen Industrien sind wir hinten dran.“ Lediglich zwei der hundert größten Rechner- und Mobilfunkhersteller seien noch in der Bundesrepublik ansässig. Dementsprechend müsse man in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland „Erfahrungen weitergeben“ und in „unser höchstes Gut – die Bildung – investieren, da in der globalisierten Welt nicht der Starke den Schwachen schlägt, sondern der Schnelle den Langsamen.“

Abschließend wurde der Abend mit einer Diskussion, die sich reger Beteiligung erfreute, beendet. Die mehr als 200 Gäste befragten Bosbach unter anderem hinsichtlich der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung in Freiburg, der Europäischen Wirtschaftskrise sowie die politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik.

„Merz bringt neuen Schwung“

Er erklärte auf die Vorkommnisse in Freiburg Bezug nehmend, dass er diesen Fall pauschal, ohne Akteneinsicht, nicht beurteilen könne, er lediglich davon ausginge, dass Richter sich schwer täten, Kinder und Jugendliche ins Gefängnis zu bringen. Auch das polizeiliche Vorgehen könne er schlecht beurteilen, jedoch sei es durchaus möglich, dass man den Täter auf der Jagd nach den Hintermännern verschont habe. Zur Finanzkrise sagte Bosbach, dass Handlung und Haftung zusammen gehören. Dementsprechend habe er lediglich für das Rettungspaket 1 gestimmt, nicht mehr für die darauf folgenden. Nach acht Jahren der „Rettung“ seien die Schulden Griechenlands jetzt noch höher, sodass das Land diese niemals wieder begleichen werden könne.

Bezüglich des Comebacks von Friedrich Merz zeigte sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete positiv. Merz bringe neuen Schwung in die politische Landschaft. Jedoch dürfe er sich nicht mit der Kanzlerin zerstreiten.

Der Politiker verzichtete beim Vortrag in Olpe auf ein Gehalt und bat lediglich um eine Spende für den Verein „Isotec Jugendhilfe“ aus Kürten.

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