Finanzierung der Anlaufstelle nur bis April 2020 gesichert

Prostituiertenberatung TAMAR: „Frauen werden in die Illegalität gedrängt“

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Sauerland/Siegerland. Sabine Reeh und Tanja Mesic klingelten auch im vergangenen Jahr an vielen Türen, steckten vielen Frauen ihre Flyer zu, auf denen in zwölf Sprachen zusammengefasst ist, was sie tun: sich um Prostituierte kümmern, sie beim Ausstieg begleiten. 481 waren es 2018 in Südwestfalen, 86 davon betreuten und unterstützten die beiden Beraterinnen von TAMAR intensiv. Doch die Finanzierung für die Anlaufstelle steht auf wackligen Beinen.

Der Jahresbericht 2018 verrät: Bei 92 Prozent der Frauen handelt es sich um Migrantinnen, zumeist aus Rumänien (145) und Bulgarien (136), aus Thailand, Polen, Russland und Litauen. Sabine Reeh und Tanja Mesic trafen sie in 60 Betrieben an, in Clubs und Bordellen, in Wohnungen oder in Wohnwagen, abgestellt auf Hinterhöfen. Im Kreis Olpe waren es sieben Erstkontakte zu Frauen in elf Betrieben, im Hochsauerland 84 Erstkontakte in zehn Betrieben, wobei als „Betrieb“ schon eine Wohnung gilt, in der zwei Frauen arbeiten (Details zu den übrigen Kreisen am Ende des Artikels). 

„Unsere Arbeit hat sich deutlich etabliert, wir sind akzeptiert“, berichtet Sabine Reeh beim Pressegespräch. Als TAMAR vor über vier Jahren in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe, im HSK und im Märkischen Kreis, im Kreis Soest und in Hamm die Arbeit aufnahm, sah das anders aus: Am Anfang seien weder die Frauen noch die Betriebe besonders amüsiert gewesen, erinnert sich Kollegin Mesic.

Tanja Mesic, Sabine Reeh, Erika Denker, Vorsitzende des Bezirksverbandes der Siegerländer Frauenhilfen, und Birgit Reiche (v.l.) gaben Einblicke in die Arbeit von TAMAR.

Einmal im Monat sind die Beraterinnen in der Region unterwegs, mal im Pkw, mal im diskreten weißen Bulli mit getönten Scheiben, Taxi und Kontaktstelle in einem: Oft sind die Betriebe sehr ländlich gelegen, kommen die Frauen nicht von A nach B – zum Gynäkologen zum Beispiel–, da ergibt sich manches Erstgespräch. Gerade jene aus dem Ausland hätten oft Berührungsängste, was Behörden angeht, „in der Regel kennen sie solche Unterstützungsangebote nicht“, berichtet Tanja Mesic. Ihnen gilt es mit Hilfe von Sprachmittlern oder Kolleginnen, im Englisch-Deutsch-Mix oder mit Händen und Füßen erstmal zu vermitteln, was TAMAR ist: eine Nichtregierungsorganisation, keine Kontrolle, parteilich und anonym.

„Für uns sind Minderjährige nicht sichtbar“

Mesics und Reehs Klientinnen sind zwischen 18 und 60 Jahre alt („Für uns sind Minderjährige nicht sichtbar“). Sie sind selbstständige Unternehmerinnen, schaffen in Teilzeit an oder weil die Armut sie zwingt. Die meisten (198) nahmen 2018 psychosoziale Beratung in Anspruch, an zweiter Stelle stehen gynäkologische Untersuchungen (65). Viele sind nicht (ausreichend) krankenversichert.

Immer wieder kommt es vor, dass eine Frau nicht Nein sagt, wenn ein Kunde ihr 30 Euro extra für Sex ohne Gummi bietet – auch deshalb, weil sie die Risiken nicht kennt. Gesundheitliche Aufklärung, weiß Leiterin Birgit Reiche zu berichten, sei daher ein großes Thema: „Wir haben eine Zunahme von sexuell übertragbaren Krankheiten, von denen wir dachten, dass es sie in Deutschland nicht mehr gibt.“ Das Problem seien aber nicht die Frauen, sondern die Kunden, stellt sie klar. 

Gewalt von Zuhältern hingegen ist ein „Tatort“-Klischee, versichert Tanja Mesic. Es gibt zwar zuschlagende Freier – doch spielt sich Gewalt auf vielen Ebenen ab, wenn man von Prostitution spricht. Die Lebensverhältnisse sind oft prekär, der Druck, Geld heranzuschaffen, groß, was darin resultiert, dass viele bis zur psychischen und physischen Erschöpfung arbeiten. Von Selbstfürsorge kann dann keine Rede sein. Manche floh vor einem gewalttätigen Partner nach Deutschland, nur um hier in der Prostitution zu landen.

Viele der Frauen aus Osteuropa versorgen ihre Kinder, die bei den Großeltern leben, und vermissen diese Kinder – daher dreht sich eine immer wiederkehrende Frage darum, wie sie nach Deutschland nachgeholt werden können.

Ausstieg: ein langwieriger Prozess

Zwölf der 2018 betreuten Frauen sind dabei, auszusteigen. Ein langwieriger Prozess, wenn sich auch die meisten wünschten etwas anderes machen zu können. Dann aber sei der finanzielle Druck zu groß, beschreibt Tanja Mesic den Teufelskreis. Die Ausgangsfrage lautet: „Was kann man den Frauen anbieten auf Grundlage dessen, was sie mitbringen?“ Fehlende Aus- und Schulbildung sowie Analphabetismus sind zentrale Probleme. Eine Frau für den Übergang in den Leistungsbezug zu bringen funktioniert aber nur dann, wenn sie vorher auch eingezahlt hat. Birgit Reiche hat beobachtet, dass sie meisten Aussteigerinnen es wirklich schaffen wollen. Andererseits ist die Umstellung auf ein geregeltes Tagesjob-Leben nicht immer einfach, weiß Tanja Mesic: „Die Welt, in der sie leben, ist komplett anders.“

Nach 2020 sollen die Kreise einspringen

Was nun das leidige Thema Finanzierung angeht: Noch Anfang 2018 stand die weitere Förderung der Beratungsstelle in den Sternen. Die Ev. Frauenhilfe in Westfalen e.V. (EFhiW) und der Bezirksverband der Siegerländer Frauenhilfen e.V. sprangen mit Eigenmitteln ein. Eine zweijährige Projektförderung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes NRW wurde ab April 2018 bewilligt.

Durch die Förderung als Projekt ProBOA „Prostitution: Beratung, Orientierung, Ausstieg“ ist die Finanzierung der beiden Personalstellen und Sachkosten aber nur bis April 2020 gesichert – „dabei sprechen die Zahlen für sich“, so Reiche mit Blick auf den Jahresbericht. „Unsere Aufgabe ist eine vernünftige und für die Kreise preisgünstige“, unterstreicht sie. Ihr Vorschlag: Nach 2020 kommen die fünf Kreise und die Stadt Hamm in einer gemeinsamen kommunalen Förderung für TAMAR auf. Die Bleistifte für die Anträge sind jedenfalls gespitzt.

Prostituiertenschutzgesetz: gut gedacht, viel Verbesserungsbedarf

Anderthalb Jahre nach seinem Inkrafttreten ist Tanja Mesics Urteil über das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) eindeutig: „Frauen werden in die Illegalität gedrängt.“ Das Gesetz sei zwar gut gedacht, müsse aber in vielerlei Hinsicht nachgebessert werden. Fakt ist: Wer sich nicht anmeldet, arbeitet illegal und muss mit Geldbußen rechnen.

Auf Anfrage teilte der Kreis-Siegen-Wittgenstein mit, dass sich im Jahr 2017 39 Frauen anmeldeten, im vergangenen Jahr 54 und in diesem Jahr bislang drei. Auf ganz Südwestfalen bezogen hat Birgit Reiche beobachtet, dass die Zahl der Frauen, die sich anmelden, wieder zurückgehe, „aber auch die Zahl der Betriebe, auch der gut geführten Betriebe“. So habe man in Soest bereits bedauert, dass bestimmte Alteingesessene nicht mehr existierten, stattdessen Unbekannte von Außen herein drängten.

Finanzamt: Viele Prostituierte fürchten Scherereien mit dem Fiskus („Umsatzsteuer und Gewerbesteuer, damit muss man denen nicht kommen“), nicht zuletzt deshalb, weil sie oft kein Deutsch sprechen, geschweige denn Behördendeutsch. „Die Fragen rund um Besteuerung haben seit dem Prostituiertenschutzgesetz deutlich zugenommen“, so Reiche. Zudem regeln die Finanzämter die Besteuerung sehr uneinheitlich: „Schon wir steigen nicht durch.“ Und: Frauen, die neben ihrem eigentlichen Beruf anschaffen gehen, fürchten durch Post vom Finanzamt an ihre Meldeadresse aufzufliegen.

Gefährliche „Fluchtwege“: Nicht angemeldete Sex-Dienstleisterinnen melden sich im Fall von Gewalt nicht mehr bei der Polizei. Andererseits hat aber die Parkplatzprostitution stark zugenommen, wählen viele Frauen auch den Weg über Foren – und sind somit für die Beraterinnen schwer zu erreichen. Tanja Mesic: „Man kann eine deutliche Verlagerung ins Internet feststellen. Wir finden das sehr gefährlich für die Frauen.“

Stigmatisierung: Das Gesetz stand von Anfang an auch deshalb in der Kritik. Mesic: „Die Frauen werden genötigt. Dies ist kein Gewerbe wie jedes andere.“

Erstkontakte mit Prostituierten in Südwestfalen

Kreis Siegen-Wittgenstein: 65 Erstkontakte zu Frauen in 14 Betrieben 

Kreis Olpe: 7 Erstkontakte in 11 Betrieben 

HSK: 84 Erstkontakte in zehn Betrieben 

MK: 92 Erstkontakte in elf Betrieben 

Kreis Soest: 92 Erstkontakte in 14 Betrieben 

Stadt Hamm: 141 Erstkontakte in acht Betrieben

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