„Der Anblick war schockierend“

Regionalforstamt Kurkölnisches Sauerland blickt zurück auf Orkan Kyrill

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Regelrechte Schneisen hat Kyrill im Kreis Olpe geschlagen - wie hier auf der Rhonard. Während die Fläche links im Bild dem Orkan komplett zum Opfer gefallen ist, blieb der Fichtenbestand rechts verschont.

Kreis Olpe. Rund drei Millionen gefallene Bäume, mehr als zwei Millionen Kubikmeter sogenanntes „Kyrillholz“ und 170 bis 200 Millionen Euro Schäden in den Wäldern im Kreis Olpe – diese Bilanz hat das Regionalforstamt Kurkölnisches Sauerland jetzt, knapp zehn Jahre nach dem Orkan Kyrill, gezogen. Außerdem haben die Verantwortlichen in einer Pressekonferenz über die Geschehnisse in der Orkannacht, deren Folgen, die Aufgaben der Forstämter im Nachgang und mögliche Lehren gesprochen.

„Viele Waldbauern haben in dieser Nacht ihr komplettes Vermögen verloren“, resümierte Regionalforstamts-Leiter Klaus Lomnitz. Und Karl Heinz Kaiser, Leiter des Forstbetriebsbezirks „Kuhhelle“ in Lennestadt, verdeutlichte, dass es in seinem Zuständigkeitsgebiet Betriebe gebe, die durch Kyrill teilweise 45 ihrer 50 Hektar Waldfläche verloren haben.

Am 18. und 19. Januar 2007 verursachte der Orkan verheerende Schäden. Zehn Stunden lang fegte er mit Windgeschwindigkeiten bis zu 225 km/h über Mitteleuropa hinweg. In Deutschland war vor allem Südwestfalen betroffen. Karl Heinz Kaiser erinnerte sich: „Etwa zwei Stunden vor dem eigentlichen Beginn war es draußen mucksmäuschenstill, man hörte keinen Vogel zwitschern. Gegen 18 Uhr begann der Sturm, etwa um 21 Uhr brach der Hauptsturm los. Da sind dann die Massen an Bäumen umgefallen.“ Zwischendurch sei es auch etwa eine Stunde lang windstill gewesen.

72 Prozent Privatwald beschädigt

Am stärksten betroffen war der Privatwald in NRW, darauf entfielen 72 Prozent der beschädigten Flächen. 8,3 Prozent des Holzvorrates wurden in dieser Nacht geworfen, im Kreis Olpe waren es laut Lomnitz sogar 15 bis 20 Prozent. 2 Millionen Kubikmeter Holz sind im Kreis in einer Nacht angefallen. „In einigen Bezirken kam das zehn- bis zwanzigfache des durchschnittlichen Jahreseinschlags zusammen“, so Lomnitz.

Michael Knoop, Haucke Meyer und Klaus Lomnitz (v.l.) stellten die Pflege der Kyrillflächen vor Ort vor.

Die Schäden wurden dann am nächsten Morgen richtig deutlich: Kyrill hatte eine regelrechte Schneise durch den Kreis Olpe geschlagen. Und es offenbarte sich ein bizarres Bild: Flächen, die der Orkan dem Erdboden gleichgemacht hatte, reihten sich an komplett unversehrte Baumbestände. NRW-weit sind schätzungsweise 50.000 Hektar Wald Kyrill zum Opfer gefallen, davon waren rund 30.500 Hektar größere zusammenhängende „Windwurfflächen“.

Michael Knoop, Leiter des Olper Forstbetriebsbezirks „Einsiedelei“, war damals erst ein Jahr im Amt. „Der Anblick war schockierend“, blickte er zurück. „So etwas kannten wir bis dahin gar nicht.“ Vor allem flach wurzelnde Fichten waren entwurzelt oder abgeknickt worden. Für die Forstämter begann dann die Arbeit. Schließlich lag die zentrale Koordination vor Ort in ihren Händen. Dazu gehörte auch, die Schäden zu ermitteln, Logistik- und Weginstandsetzungspläne zu erstellen sowie den Holzeinschlag, Transport und Verkauf in Absprache mit den Waldbesitzern und deren Zusammenschlüssen zu organisieren. Aber auch die Aufarbeitung des gefallenen Holzes vor dem Verkauf oblag den Forstämtern – nicht selten mussten die Stämme von von den Wurzeltellern und Ästen befreit werden.

Weniger Verletzte als erwartet

Und das war gefährlicher, als man denkt. „Selbst für Profis ist es nur schwer ersichtlich, unter welcher Spannung das Holz steht, das man sägen will“, sagte Klaus Lomnitz. Im Kreis Olpe gab es nach seiner Aussage „zwei bis drei schwere Unfälle“, landesweit sind bei den Arbeiten sechs Menschen tödlich verunglückt, mehr als 150 Menschen wurden verletzt. Das seien jedoch „weniger, als erwartet“.

Zunächst mussten die Verantwortlichen aber an das Holz kommen. Was sich bei Bäumen, die auf Straßen oder Freiflächen gefallen waren, recht einfach anhört, war im Wald durchaus kompliziert. Jürgen Messerschmidt, stellvertretender Leiter des Regionalforstamtes: „Wir mussten erstmal die Wege freischneiden, damit wir überhaupt überall hinkamen.“ Und das Holz musste ja auch irgendwo gelagert werden. Also führte das Forstamt Gespräche mit den örtlichen Sägewerken und später auch bundesweit mit Unternehmen, die das Holz kaufen, abholen und gegebenenfalls wieder verkaufen konnten. Das Forstamt selbst hat insgesamt 1,7 Millionen Festmeter vermarktet. Auch Lagermöglichkeiten mussten her: Nasslager waren kurzfristig in der Grube „Alwine“ in Varste (26.000 Kubikmeter), in Plettenberg (38.000) und in vier heimischen Sägewerken (mindestens 40.000) verfügbar. Zudem gab es in Attendorn das Experiment, 4700 Kubikmeter Holz trocken unter Folie zu lagern. „Das war ein Erfolg und wird sicher in Zukunft eine größere Rolle spielen“, sagte Klaus Lomnitz.

Holzpreise fallen drastisch

Negative Folge des erhöhten Holzverkaufs: „Die Holzpreise sind rapide gefallen“, erklärte Lomnitz. Bekamen Waldbauern vor Kyrill noch etwa 80 Euro für den Kubikmeter, lag der Preis 2007 bei 50 bis 60 Euro, abzüglich etwaiger Transportkosten die laut Karl Heinz Kaiser „zwischen 20 und 30 Euro pro Kubikmeter“ lagen. Viele Waldbauern brachte das – gepaart mit den wirtschaftlichen Schäden an den Wäldern und den Kosten für Aufarbeitung, Weginstandsetzung oder Wiederaufforstung – in existenzbedrohende finanzielle Schwierigkeiten, auch wenn die öffentliche Hand ihnen teilweise unter die Arme gegriffen hat.

Wie viel Arbeit die Forstverwaltung im Innen- und Außendienst zu bewältigen hatte wird an einer Zahl deutlich: 102.500 Überstunden wurden dort nach Kyrill registriert. Zur Unterstützung wurden in Nordrhein-Westfalen zusätzlich 16 Mitarbeiter befristet in die betroffenen Gebiete versetzt, 40 befristete Arbeitsverhältnisse eingerichtet, 58 Dienstleistungsverträge – insbesondere im Bereich der Aufarbeitung des Sturmholzes – abgeschlossen. Drei dieser Dienstleister arbeiten auch heute noch als Revierförster im Regionalforstamt Kurkölnisches Sauerland.

Pläne des Landes erschweren Arbeit

Gemessen am Ausmaß des Orkans war im Nachgang recht schnell alles im Fluss. Wären da nicht die Pläne der NRW-Landesregierung gewesen. Die beschloss nämlich, die bereits vor dem Orkan geplante Umstrukturierung des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, zu dem die Forstämter gehören, trotz der hohen Arbeitsbelastung zum 1. Januar 2008 umzusetzen. So wurden aus den ursprünglich 35 Forstämtern 14 Regionalforstämter, ein Lehr- und Versuchsforstamt und ein Nationalforstamt, die im  laufenden „Kyrillbetrieb“ aufgebaut werden mussten. Auch die Zahl der Forstbetriebsbezirke wurde um etwa 50 verringert; ihre Leitung wurde im Sommer 2008 ausgeschrieben und neu besetzt. Fünf Revierleiter bewarben sich aus Olpe in andere Regionen. „Ihr Know-how fehlte dann natürlich“, sagte Klaus Lomnitz. Die Beschäftigung hätten „an die Belastungsgrenzen“ gehen müssen. Lomnitz ergänze aber: „Auch damit sind wir fertig geworden.“

Forstwirtschaftsmeister Heiner Wächter demonstrierte, wie er mit dem „Spacer“ den Baumbestand ausdünnen kann, um zu dichten Bewuchs zu verhindern.

Als Folge des Orkans untersuchte das Regionalforstamt in den Jahren 2009, 2012 und 2015/16 die Kyrillflächen. Auf den rund 30.000 Hektar nahmen die Verantwortlichen 300 Stichprobenpunkte in Augenschein. Ein Punkt repräsentierte dabei 100 Hektar Waldfläche. Mittlerweile hat sich die Anzahl der Punkte auf 280 verringert, da manche Flächen mittlerweile anders genutzt werden.

Die Ergebnisse der Untersuchung: Auf 26 Prozent hat sich die Natur von selbst verjüngt, in 72 Prozent haben die Verantwortlichen dafür eingegriffen. Der Eichenanteil hat sich von einem auf drei Prozent erhöht, der Buchenanteil von vier auf elf Prozent. Auf 18 Prozent der Flächen findet man Laubbäume mit niedriger Lebensdauer (ALN), wie Birken. Der Laubholzanteil hat sich von 7 auf 47 Prozent erhöht, der Nadelholzanteil von 93 auf 53 Prozent verringert. Mehr als die Hälfte der rund 3900 Hektar umfassenden Windwurfflächen bestehen mittlerweile überwiegend aus Mischwald. Aber die Zahlen sind laut Lomnitz „nur eine Momentaufnahme“, schließlich sein der Wald ein dynamisches System.

Forstamt plädiert für Mischwälder

Direkt nach Kyrill hat der Landesbetrieb Wald und Holz NRW ein „Logistik- und Kommunikationszentrum“ zur Sturmschadensbewältigung in Arnsberg eingerichtet. Dort gab es auch eine „Call-Center-Hotline“ für Betroffene. Seit Anfang Februar 2007 gibt es den Krisen- und Arbeitsstab Fort Südwestfalen (KaFoS), der sich regelmäßig zum Informationsaustausch und zur Abstimmung der Arbeit trifft. Die Leitung hat die Landesforstverwaltung. Seit Kyrill ist Wald und Holz NRW in Krisenfällen rund um die Uhr erreichbar. Zudem hat der Landesbetrieb das „Handbuch Sturm“ und das Faltblatt „Sturmkatastrophe“ entwickelt. Für künftige Orkanereignisse hat das Regionalforstamt einige Wünsche:

  • kein Holz aufarbeiten, dessen Abfluss und Einlagerung nicht sichergestellt ist
  • kein Holz abfahren lassen, dessen Maß und Sortimentverteilung nicht vom Käufer anerkannt ist
  • kein Holz abfahren lassen, das nicht über entsprechende Bankbürgschaften abgesichert ist oder zu mindestens 80 Prozent der Werte bezahlt ist.

Zudem empfehlen die Verantwortlichen den Waldbesitzern einen stabilen Waldaufbau, weg von der Reinbewirtschaft mit Fichten, hin zu Mischwäldern. In einigen Bezirken, wie auf dem Olper Attenberg oder der Rhonard, hat das Regionalforstamt die Kyrillflächen weitestgehend sich selbst überlassen. Zwischendurch rücken die Mitarbeiter aus, um den Baumbestand auszudünnen und zu beschneiden. So können sich die einzelnen Bäume laut Forstamtsmitarbeiter Haucke Meyer besser entfalten und haben später Stürmen mehr entgegenzusetzen: „Die Bäume bekommen eine Pyramidenform und sind dadurch stabiler.“ Außerdem können die Samen bei weniger dichtem Bewuchs im Boden aufgehen, der Wald „verjüngt“ sich selbst. Sollten die Bäume wegen Wind oder Schnee einmal umfallen, steht quasi schon die nächste „Generation“ parat.

Auch wenn die Region mittlerweile besser auf solche „Jahrhundertstürme“ vorbereitet ist, so sagt Klaus Lomnitz doch: „Hoffentlich erleben wir so etwas nie wieder.“

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