Berater werden zu Betroffenen

Schulung für das Netzwerk für Menschen mit Behinderungen im Olper Kreishaus

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Im praktischen Teil lernen die Vertreter des Beratungsnetzwerkes auch den Umgang mit (simuliert) Taubblinden – keine alltägliche Situation.

Olpe. Mit dem Blindenstock tastet sich Petra Lütticke langsam durch den Raum. Auf der großen Leinwand ist eine Power-Point-Präsentation zu sehen – erkennen kann die Behindertenbeauftragte des Kreises Olpe diese aber nicht: „Das ist zu verschwommen“, sagt sie. Später wird sie erklären, dass sie sich in diesem Moment „sehr unsicher“ gefühlt hat. So wie die anderen, die sich beinahe hilflos durch den großen Saal des Olper Kreishauses tasten. Aber wie kommt es zu dieser Szenerie? Die Antwort liefern drei junge Frauen – eine von ihnen ist gehörlos, eine andere sogar taubblind.

Lisa Stiller, Doris Bednarek und Melanie Wegerhoff sind heute im Kreis Olpe zu Gast. Sie gehören zum Kompetenzzentrum „Selbstbestimmt Leben für Menschen mit Sinnesbehinderung“ mit Sitz in Essen. Die Mitarbeiter des Zentrums haben sich unter anderem die Sensibilisierung der Menschen auf die Fahne geschrieben. Und so kommt es, dass an diesem Tag in Olpe die Berater zu Betroffenen werden. Denn Stiller, Bednarek und Wegerhoff schulen im Kreishaus 17 Vertreter des Beratungsnetzwerks für Menschen mit Behinderungen im Kreis Olpe.

„SensiPro“ heißt die Schulung, die die Kommunikation und Umgang zwischen Menschen mit und ohne Sinnesbehinderungen thematisiert. Und der Ansatz ist bemerkenswert: Zunächst sollen sich die Teilnehmer nämlich in die Rolle von Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen hinein versetzen.

Lisa Stiller, die den Fachbereich „Sehen“ abdeckt, stattet die Anwesenden mit Brillen, die eine Sehbeeinträchtigung simulieren, aus und gibt ihnen Blindenstöcke an die Hand. Bei der gehörlosen Doris Bednarek gibt es eine Art „Stille Post“, allerdings mehr oder weniger mit „Händen und Füßen“, denn die Teilnehmer tragen Kopfhörer. Wie schwierig das ist, zeigt sich daran, dass der vorgegebene Satz „Im Haus gibt es keine Maus“ erst gar nicht am Ende der zwei eingeteilten Gruppen ankommt. Und wer vorher geglaubt hat, dass das ganze durch Lippenlesen funktionieren könnte, sieht sich eines Besseren belehrt. „Auch unter optimalen Bedingungen kann dabei bloß 30 Prozent des Gesprochenen wahrgenommen werden, 70 Prozent müssen die Betroffenen erraten“, erklärt Bednarek in Gebärdensprache. „Übersetzt“ wird sie von Gebärdensprachendolmetscherin Jessica Pallaske.

Melanie Wegerhoff, selbst taubblind, teilt die Anwesenden in Dreiergruppen ein: Einer simuliert einen Taubblinden (mit Simulationsbrille und Kopfhörern), ein anderer seinen Taubblinden-Assistenten und der dritte einen Verwaltungmitarbeiter, der den Taubblinden dazu bringen soll, den Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis auszufüllen. Das Ergebnis ist ernüchternd : „Ich müsste darauf eigentlich vorbereitet sein, dennoch ist das sehr schwierig“, sagt Petra Lütticke. „Ohne Assistenz ist man wirklich hilflos“, berichtet Wegerhoff, die auch heute einen Taubblinden-Assistenten dabei hat.

Nach dem theoretischen Teil geben die drei Referentinnen noch einige Tipps für den praktischen Umgang mit Menschen mit Sinnesbehinderungen. Die Schulung ist ein Modellprojekt des Kompetenzzentrums, das die drei Frauen selbst erarbeitet haben. „Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen haben ganz unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse. Daher müssen wir individuelle Lösungen finden“, sagt Lisa Stiller, „Menschen mit und ohne Sinnesbeeinträchtigungen müssen den Umgang miteinander lernen. Und zwar in beide Richtungen.“

Zumindest Gastronomen in Olpe scheinen dabei auf einem guten Weg zu sein. „Ich habe gerade mein Getränk selbst bestellt. In Gebärdensprache“, berichtet Doris Bednarek lächelnd.

Das Kompetenzzentrum „Selbstbestimmt Leben für Menschen mit Sinnesbehinderung“ wird unterstützt vom Europäischen Sozialfonds und vom NRW-Ministerium für Gesundheit und Soziales. Ziel dieses Zentrums für hörbehinderte, sehbehinderte und taubblinde Menschen ist es, Unterstützung, Informationen und Service anzubieten.Träger ist der Rheinische Blindenfürsorgeverein mit Sitz in Düren.

Weitere Infos zum Kompetenzzentrum: http://ksl-msi-nrw.de/de.

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