Kunstrasen in Gefahr?

Sportplätze mit Kunststoffgranulat in Mikroplastik-Diskussion

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Bei der inoffiziellen Einweihung des neuen Bonzeler Rasens gewann die SG Finnentrop/Bamenohl im Halbfinalpokalspiel gegen die SG Kirchveischede/Bonzel.

Die Diskussion um Umweltverschmutzungen durch Mikroplastik nimmt immer größere Ausmaße an. Aufgrund einer Studie des Fraunhofer-Instituts sowie einer Empfehlung der „European Chemical Agency“ (ECAH) sind aktuell auch Kunstrasenplätze im Visier.

Kreis Olpe – In die Diskussion geraten ist der mit Gummigranulat, das per Definition unter Mikroplastik fällt, verfüllte Platz durch eine Studie des Fraunhofer-Instituts, in der von einem jährlichen Austrag – das Granulat, dass vom Platz abgetragen wird – in Deutschland von 137 Gramm pro Einwohner die Rede ist. Das würde einen Granulat-Austrag von 11.000 Tonnen pro Jahr bedeuten. 

Zusätzlich wurde die Diskussion durch einen Beschränkungsvorschlag der ECAH befeuert, in dem das „Inverkehrbringen von bewusst zugesetztem Mikroplastik“ verboten werden soll. Darunter fällt auch das als Füllstoff (Infill) verwendete Kunststoffgranulat für Kunststoffrasensysteme. Das Verbot soll nach derzeitigem Stand bereits 2021 in Kraft treten. Dies bedeutet, dass der Austrag des Granulats in die Umwelt ab 2022 vollständig verboten wäre. Bestandsschutz oder Übergangsfristen sind bisher nicht vorgesehen.

"Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird."

„Wenn die Empfehlung im ganzen Kreis Olpe so umgesetzt würde, würde das zu riesigen Problemen bei den Vereinen führen“, gab sich Marco Jung, Geschäftsführer beim SV Brachthausen-Wirme, pessimistisch, „Ich kann mir, wenn es so sein sollte, gerade in der Kommune Kirchhundem nicht vorstellen, dass bis 2021 alle Plätze vom Granulat befreit sind. Das würde bei den Vereinen an die Existenz gehen.“ 

Heinz Kirchhoff, Vorsitzender der DJK Bonzel, die ihren Platz erst kürzlich runderneuert und mit EPDM-Granulat – bestehend aus 70 Prozent Naturstoffen und 30 Prozent synthetischem Kautschuk – befüllt hat, ist dagegen noch relativ gelassen: „Wir haben uns auf unserem Platz statt für Granulat aus geschredderten Reifen und anderen die Natur belastenden Materialien für die EPDM-Variante entschieden. Ich gehe davon aus, dass dieses Granulat von der Empfehlung nicht betroffen ist, sondern lediglich die Altplätze gemeint sind.“ Die Diskussion sei schon älter und oft werde „nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Was oftmals vergessen werde, sei, dass auch die Alternativen mit Sand und Kork ihre Nachteile hätten.

Der Marktführer in Sachen Kunstrasenplätze, die Firma „Polytan“, vertritt eine ähnliche Meinung. „In der Diskussion entsteht der Eindruck, dass das ausgetragene Granulat von Kunstrasenplätzen nahezu vollständig in die Umwelt gelangt. Das ist nicht richtig. Der überwiegende Teil des von der Spielfläche ausgetragenen Granulats bleibt auf dem Platzgelände, wird aufgekehrt und entsorgt oder wieder auf den Platz ausgetragen“, heißt es in einem Schreiben. 

Bei der Untersuchung des Fraunhofer-Instituts handle es sich nicht um eine empirische Studie, wie das Institut selbst einräumt. Nach eigenen Berechnungen und Erfahrungen komme Polytan auf einen Wert von lediglich 13 Gramm, was knapp einem Zehntel der von Fraunhofer geschätzten Zahlen entspricht.

Auf dem Ottfinger Siepen wurde Quarzsand verfüllt.

„Das Fraunhofer-Institut wird in einer neuen Studie das Thema Austrag noch einmal aufnehmen. Das Institut hat unter anderem die in Deutschland übliche Bauweise von Kunstrasen-Systemen nicht berücksichtigt, die deutlich weniger Granulat als Füllmaterial braucht“, so Tobias Müller, Leiter Marketing/Kommunikation bei Polytan. 

Zur Befragung der Europäischen Chemie-Agentur ECHA hätten Behörden, Platzeigentümer und die Industrie bis Ende September 2019 Zeit, sich zu dem Thema zu äußern. Dabei sollen auch Aspekte wie soziale und wirtschaftliche Auswirkungen berücksichtigt werden. 

In der Befragung gehe es nicht nur um das Granulat auf Kunstrasenplätzen, sondern um das Ausbringen von Mikroplastik an sich. Nach Auswertung der Befragung gebe die ECHA eine Empfehlung heraus, wie man zukünftig mit ausgebrachtem Mikroplastik zu verfahren habe. Dieser Empfehlung könnten die Mitgliedsstaaten und die Europäische Komission folgen. Die neuen Regeln würden frühestens ab 2021 in Kraft treten, eine Fristverlängerung von mehreren Jahren sei in einem solchen Fall nicht unwahrscheinlich. „Polytan geht zudem davon aus, dass es für bestehende Plätze einen Bestandsschutz gibt. Alles andere wäre sehr ungewöhnlich“, so das Schreiben. 

Joachim Schlüter, FLVW-Kreisvorsitzender, bestätigte, dass zunächst das schwarze Granulat aus geschredderten Altreifen im Fokus stehe, später jedoch auch Plätze an Wasserläufen betroffen sein könnten, da das Mikroplastik am Ende ebenfalls in der Nordsee lande. „Wir stehen hier ganz am Anfang einer Diskussion. Noch gibt es kein Problem. Wir wissen aber nicht, ob es noch zu einem Problem wird“, äußert Schlüter seine Bedenken.

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