Wandergeselle macht vor der Heimkehr Zwischenstopp in Olpe

Dreißig Minuten und ein „leichtes Leben“ von der Heimat entfernt

Gruppenbild mit Panneklöpper: Tillmann Quandel aus Freudenberg (3.v.r.) und ein paar derjenigen Wandergesellen, die ihn nach Hause geleiten, legten noch einen Zwischenstopp in Olpe ein.
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Gruppenbild mit Panneklöpper: Tillmann Quandel aus Freudenberg (3.v.r.) und ein paar derjenigen Wandergesellen, die ihn nach Hause geleiten, legten noch einen Zwischenstopp in Olpe ein.

Olpe/Freudenberg. Wer das hier liest, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Kuhkopp. Und zwar nicht, weil der Sauerlandkurier seine Leser neuerdings zu beleidigen pflegt, sondern weil dies die Bezeichnung der Wandergesellen für alle anderen ist.

Thomas, Hauke und Johannes sind solche Wandergesellen. Die drei stehen an diesem frühen Abend an der B 55 in Bilstein und halten ihre Daumen raus. Richtung Olpe soll es gehen, und ja, Platz ist selbst im kleinsten Auto. Typisch Wandergeselle, reisen sie mit leichtem Gepäck: Ihre Bündel, die Charlottenburger, auf dem Schoß, den Stenz genannten gedrehten Spazierstock  in der Hand und die Knie beinahe hinter den Ohren, so geht es Richtung Kreisstadt, wo sie verabredet sind. 

Wo man Anhaltern allgemein mit Vorbehalten begegnet, haben diese Gesellen hier einen Vorteil: Sie sind an ihrer Kluft als solche klar erkennbar, tragen ihre Ehrbarkeit buchstäblich und gut sichtbar am Hals. Das blaue, in den Kragen gesteckte Band mit der goldenen Handwerksnadel daran weist sie als Mitglied des Rolandschachtes aus, einer vor 126 Jahren gegründeten Vereinigung von Bauhandwerksgesellen. 

Die Ehrbarkeit leuchtet blau

Und zumindest in Deutschland bedeutet das offenbar noch was. Es sei hierzulande relativ einfach, per Anhalter voran zu kommen, erzählt Johannes auf dem Beifahrersitz. Im Ausland sehe das schon anders aus. Der 23-Jährige aus Dingolfing mit zierlicher Brille und von eher schmaler Statur ist Holzbildhauer. Der 22-jährige Thomas aus Würzburg ist Schreiner, Hauke aus Bad Gandersheim, drei Jahre älter, ist Zimmermann. 

Die drei eint ihre Kluft und dass sie nicht nur optisch älter wirken als sie tatsächlich sind. Vielleicht passiert das einfach mit einem, wenn man auf der Walz ist: Thomas seit zwei Jahren, Johannes seit zweieinhalb. Hauke mit seinen anderthalb ist da beinahe noch ein „Frischling“. An diesem Tag kommen sie aus Kassel, und sie haben sich auf den Weg gemacht, um einen der ihren nach Hause zu begleiten. So, wie es eben Brauch ist unter Wandergesellen. 

In Olpe – Treffpunkt Rathaus, wie in jeder Stadt – werden noch mehr von ihnen dazustoßen, auch der Heimkehrer selbst: Tillmann Quandel aus Freudenberg, der sich zum ersten Mal seit Beginn seiner Walz vor über dreieinhalb Jahren wieder nahe seiner Heimatstadt aufhalten darf, wo er einen Tag später übers Ortsschild klettern wird. 

Gesellen-WhatsApp: ein Zettel

Zielstrebig steuern die Männer aufs längst geschlossene Rathaus zu: Hier wartet zwar keiner auf sie, doch da, hinter dem Schild mit den Öffnungszeiten, steckt ein Zettel: „Sind im Klumpen.“ Während der Rest der Menschheit sich einbildet, ohne Smartphone nicht lebensfähig zu sein, funktioniert das bei Wandergesellen sehr gut, unter anderem deshalb, weil es muss. Dahinter steckt eine einfache Logik: Verabredungen, die man ohne Handy treffe, würden eingehalten, hatte Johannes unterwegs berichtet, einfach deshalb, weil man sie nicht absagen oder verschieben könne. 

Vorm Klumpen am Markt sitzen sie, ihre Charlys haben sie fein säuberlich auf der Treppe aufgereiht: Maurer Marcel aus Flensburg, Zimmermann Malte aus der Nähe von Bremen, Holzbildhauer Aron aus Hannover, Schreiner Tillmann („Zwei l, zwei n“) aus Freudenberg. Der schaut erstmal ein bisschen skeptisch, als die Zeitung Platz nimmt. „Wir sind immer in der Öffentlichkeit“, sagt er später, sich eine Zigarette drehend, man werde dauernd angesprochen. 

Gestern WG, heute Parkhaus?

Deutschland, Schweiz, Österreich, Frankreich, Kanarische Inseln, Rumänien, Neuseeland und Norwegen: Ungefähr 20 war Tillmann, als er loszog, um sich seine ganz eigene Landkarte zu erwandern, um, wie er sagt, „dem Trott“ zu entkommen. Arbeiten, hin und wieder ein Urlaub, dann wieder arbeiten – diese Aussicht barg wenig Verlockendes für ihn. 

Zuletzt lebte er in Flensburg bei einer Familie, „da war ich sowas wie der große Bruder“. Wo sie in dieser Nacht landen werden, ist offen, noch ist ja nicht mal geklärt, wo in Olpe man möglichst lange feiern kann (was sie tun, seit ungefähr einer Woche). Gestern mit den 18 Mann, die Tillmann heimgeleiten, in einer WG geschlafen, heute vielleicht im Parkhaus – „man ist unterwegs, dann legt man sich halt irgendwo hin“. Auch mit Andrea Lucie Zielenbach aus Hillmicke, über deren Heimkehr der Kurier ebenfalls berichtete, ist Tillmann ein Stück gegangen.

Und da kommen auch schon weitere drei im grünen Transporter von René aus Kaiserslautern. Er ist zwar schon 2008 wieder übers Ortsschild geklettert. Aber das hier, das  ist „la familia“, flachst er. 

Andauernd werde er jetzt gefragt, wie es denn nun weitergehe, meint Tillmann und langt nach seinem Bierkrug. Er zitiert ein Sprichwort: Die Wanderschaft dauert drei Jahre, das Sich-Wiedereinfinden auch. „Ich will erstmal schauen, ob mir die Heimat gefällt.“ Das leichte Leben, sinniert er, höre jetzt auf, „auch wenn man in Sparkassen-Vorhallen pennen musste“. Jetzt beginne ein neuer Lebensabschnitt, in dem allerdings eins sicher ist: „Bei 40 Grad eine kurze Hose anziehen, das ist schon schön“, grinst Tillmann, am stabilen Stoff seiner Kluft zupfend. Diese Kluft, für über tausend Tage Teil von ihm, die ihm Schutz bot vor vielem, bloß nicht davor, für einen Schornsteinfeger gehalten zu werden. 

„Ich werde mein ganzes Leben an diese Zeit denken“

Dass er seinen Meister und Restaurator machen will, so viel steht für den 24-Jährigen fest, aber wo, das muss er herausfinden. Stationen seiner Arbeit? Tillmann überlegt. „Alles mögliche.“ In Bautischlereien und Tischlereien, in Zimmereien... Er habe eigentlich nie nach Arbeit gesucht, sei überall gut aufgenommen worden. 

„Ich bereue es nicht. Ich werde mein ganzes Leben an diese Zeit denken. Irgendwie alles hatte seinen Reiz. Auch wenn man eine Scheißerfahrung hatte, ist es eine mehr.“ 

Diese Heimkehr, Olpe, erste Stadt auf seiner Walz, zu der er einen wirklichen Bezug hat – man merkt Tillmann an, dass das gemischte Gefühle auslöst. Zu Fuß bräuchte er von hier bis zum Ortsschild am Technikmuseum Freudenberg ungefähr sechs Stunden, mit dem Auto keine 30 Minuten, per Daumen – wer weiß. Aber für den Moment, für diesen Abend noch, da scheint es ein bisschen so, als wäre Freudenberg noch ziemlich weit weg.

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