„Ich war einfach unsichtbar“

„XXL-Report NRW“ zur Ausgrenzung bei Adipositas: Mitglieder der Selbsthilfegruppe „Rund, na und!“ äußern sich

+
„Frei fühlen“ – so heißt das „Schwere(s)los“-Titelbild. Diese ungewöhnliche Aufnahme von Melina Hipler hat den PR-Bild Award 2017 in der Kategorie „Stories & Kampagnen“ gewonnen.

Olpe – „Viele Menschen sind ernsthaft überrascht, dass man mit einer Dicken ganz normal reden kann“, schmunzelt Evi Ertl, Leiterin der Adipositas Selbsthilfegruppe „Rund, na und!“ Die Mitglieder der Gruppe, die es sich um den Tisch im DRK-Mehrgenerationenhaus in Olpe gemütlich gemacht haben, stimmen lachend mit ein: „Ja, das ist echt überraschend – wir sind ganz normal.“ Eines kenne sie alle: die Stigmatisierung und Ausgrenzung fettleibiger Menschen, wie der „XXL-Report NRW“ unterstreicht.

In Nordrhein-Westfalen findet jeder Dritte (35 Prozent) dicke Menschen unästhetisch. Fast Vier von Zehn meinen, dicke Menschen seien selbst schuld an ihrem starken Übergewicht. Mit einer repräsentativen Forsa-Untersuchung im Auftrag der DAK-Gesundheit wurden Meinungen und Einschätzungen zu Übergewicht und Fettleibigkeit erfragt. 

„Wenn ich allerdings hier in Olpe durch die Straßen gehe – und das meine ich nicht wertend – bestätigt sich eher: Viele Menschen sind zu dick, Adipositas ist eine Volkskrankheit“, unterstreicht Evi Erlt. Das Robert-Koch-Institut gibt ihr recht: Zwei Drittel der Männer (67 Prozent) und die Hälfte der Frauen (53 Prozent) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen) ist sogar stark übergewichtig, also adipös. „Jedem in unserer Gruppe ist klar: Übergewicht ist ungesund. Aber darum geht´s uns hier nicht – es geht darum mal nicht be- und verurteilt zu werden, einen Ort zu haben, an dem man reden kann und verstanden wird,“ sagt Evi Ertl. 

Das kann auch Moni (Name von der Redaktion geändert) bestätigen: „Ich bin vor einiger Zeit hier ins Sauerland gezogen. Für meine Mitmenschen war ich einfach nur unsichtbar – ich wurde bewusst übersehen“, erzählt sie. „Ich habe alles versucht, um Kontakte zu knüpfen, Elternabende, Vereine – nichts hat geholfen. Ich wurde gezielt ignoriert.“ Erst im neuen Job wurde es besser – eine Kollegin stammt aus dem gleichen Ort: „Sie sagte wörtlich: Puh – nach dem ersten Eindruck bin ich überrascht, dass man ja ganz normal mit dir reden kann.“

Mobbing und schwierige Situationen

Das Erlebnis von Moni kennen alle in der Gruppe. „Als ich das erste Mal hierher zum Gruppentreffen kam, hab ich mich so gut aufgehoben gefühlt, als ob ich in gewisser Weise nach Hause komme“, strahlt Moni heute begeistert. Mobbing, schwierige Situationen, das Gefühl unsichtbar zu sein – all das teilen die Mitglieder der „Rund, na und!“-SHG. „Das fängt bei zu kleinen Umkleidekabinen an – und ich glaub, wir alle sind schon mal in einem Stuhl stecken geblieben“, erzählt Helmut (Name geändert). Schallendes Gelächter bricht am Tisch aus – alle nicken zustimmend. „In der Situation ist das allerdings die Hölle – hier hingegen können wir darüber lachen“, ergänzt Evi Erlt. 

„Schön war auch der Satz: Du kannst dich ja im Auto hinten hin setzen, da ist mehr Platz. Oder: Willst du dir eigentlich nicht ein größeres Auto kaufen?“ Solche unbedachten Sätze schmerzen, je nach Tagesform mal mehr mal weniger. Bereits hier beginnt Mobbing – und der Teufelskreis. „Das Seelenpflaster, das zuhause wartet, ist dann meist etwas zu essen“, weiß Evi Ertl. „Hier kann unsere kleine Runde helfen. Wir sagen: Du bist gut, so wie du bist. Das hilft einem im Alltag dem süßen Seelenpflaster zu widerstehen und gibt Sicherheit.“ 

Eine weitere Schwierigkeit: Adipositas ist – im Gegensatz zu anderen Krankheiten – sofort erkennbar. In der Gesellschaft hat sich die Meinung festgesetzt, dass gesunde Ernährung und Sport dagegen helfen und dass Übergewichtige schlicht und ergreifend willensschwach sind. „Allerdings ist Adipositas nicht ausschließlich selbst verschuldet, Stoffwechselstörungen, hormonelle oder psychische Probleme können die Ursache sein.“ Nichtsdestotrotz ist das Ziel der Gruppe natürlich auch, gemeinsam das Gesundheitsbewusstsein zu stärken. Daher ergänzt ein Gymnastikkurs das „Rund, na und!“-Angebot. Um die verbreiteten Vorurteile gegenüber Betroffenen zu entkräften und eine neue Sicht auf das Thema Adipositas zu bieten, zeigt die DAK-Gesundheit die Aufklärungskampagne „schwere(s)los“ als Wanderausstellung.

„Rund, na und!“

  • Die Adipositas Selbsthilfegruppe trifft sich jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat im DRK-Mehrgenerationenhaus in Olpe, Löherweg 9. Um vorherige Anmeldung wird gebeten. 
  • Die Gymnastikstunde findet jeden Montag von 16 bis 17 Uhr ebenfalls im DRK-MHG statt. 
  • Kontakt: Evi Erlt, shg-rund-na-und.olpe@web.de oder ☎ 0178/8542654 sowie Selbsthilfekontaktstelle des DRK,  ☎ 02761/2643 
  • Weitere Infos zur Aktion gibt es auf der Homepage.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare