Es ist an der Zeit ein Zeichen zu setzen

Nichts deutet von der Ferne darauf hin, dass sich in dieser Einfahrt am vergangenen Freitag ein schreckliches Verbrechen ereignet hat. Foto: Lars Lenneper

Es ist ein unscheinbarer Ort mitten in Olpe. Die Pflastersteine sind an diesem kalten Dezembermorgen von einer zarten Schneeschicht bedeckt. Ein silberner VW Passat parkt in der kleinen Einfahrt neben der Cocktailbar "Kinkay". Vereinzelt sind Kerzen gegenüber des Eingangs aufgestellt, zwei rote Rosen in einer Keramikvase dominieren die friedliche Kulisse. Nichts deutet daraufhin, dass diese Idylle der Schauplatz eines grausamen Verbrechens war. Dort, wo vor wenigen Tagen noch ein Meer von Blumen und Kerzen an die schrecklichen Ereignisse des vergangenen Freitagabend erinnerte, ist Ruhe eingekehrt. Ein Ort der stillen Trauer.

"Der Weg fällt immer noch verdammt schwer", sagt Ömer Kosar, Inhaber der Cocktailbar und Ersthelfer am Tatort beim Betreten seines Ladens. "Diese Bilder von dem Sterbenden kriege ich nicht mehr aus meinem Kopf."

Mehr oder weniger in seinem Armen war der 20-jährige Oberveischeder nach der Messerattacke eines 21-jährigen Oedingers in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember verstorben. Mit unzähligen Servietten hatte Kosar noch versucht, die Blutung zu stillen und durch gutes Zureden das Opfer bei Bewusstsein zu halten. Auch seine Lebensgefährtin Nese Yilmazer, die die Aufregung vor der Bar als Erste bemerkte und den jungen Mann an einer Plexiglasscheibe zusammensacken sah, versuchte zu helfen. Ebenso wie zwei Polizeibeamtinnen in Zivil, die die Hektik vor dem Kinkay mitbekamen, und Ömer Kosar sofort bei seinen Versuchen unterstützten, lebensrettende Maßnahmen wie eine Herzmassage einzuleiten. Doch alle Bemühungen kamen zu spät; der 20-jährige Jugendliche türkischer Abstammung erlag kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen.

Versäumnisse von allen Seiten

Kosar bedankt sich im Nachhinein ausdrücklich bei den beiden Beamtinnen für ihre Hilfe, wirft den sonstigen Einsatzkräften aber Versäumnisse vor. "Es kam mir vor wie drei Tage, bis die Rettungskräfte endlich eintrafen", so der 30-jährige Olper. Seine Lebensgefährtin relativiert dieses Empfinden aus der Extremsituation heraus zwar, merkt aber an, aus ihrer Sicht habe es ebenfalls "mindestens 15 Minuten" gedauert, bis der Krankenwagen am Tatort eingetroffen sei.

Auch die Polizei sei mit der unübersichtlichen Situation wohl überfordert gewesen, mutmaßt Ömer Kosar. Wie anders sei es sonst zu erklären, dass mehrere Hinweise auf die Bewaffnung einiger Konzertbesucher (u.a. des mutmaßlichen Täters) einfach nicht Ernst genommen worden seien?

Zudem habe man auch am Tag nach der Tat ein Entgegenkommen von Polizeiseite vermisst. Ein Beamter habe auf die Frage, ob man die Verlagerung nicht hätte verhindern können, mit den Worten "Wir können nicht über den Berg schauen" reagiert. Diese vermeintliche Gleichgültigkeit hat Kosar besonders getroffen.

Sollten seine Aussagen der Wahrheit entsprechen, muss sich die Polizei Vorwürfe an ihrer Vorgehensweise gefallen lassen. Der Pressesprecher der Kreispolizeibehörde, Matthias Giese, räumt zwar gegenüber unserer Zeitung ein, dass bei derartigen "Tumultdelikten" die richtige Einsatztaktik immer etwas schwierig zu finden sei, weist jedoch in diesem Fall eine Schuld seiner Kollegen von sich. "Es ging zunächst darum, Ruhe in die aufgeheizte Gemengelage zu bekommen, so dass vordergründig vor allem der Kern der Auseinandersetzung beruhigt werden musste. Der wiederum lag de facto im Lorenz-Jaeger-Haus und nicht am späteren Tatort selbst", wirbt Giese um Verständnis.

Das Verbrechen an sich sieht Barbesitzer Ömer Kosar als unberechenbaren Eskalationsmoment der aufgeheizten Stimmung. Die Atmosphäre zwischen den Beteiligten sei derart aufgeladen gewesen, dass ein falsches Wort den Kessel zum Überlaufen bringen konnte. Eine politisch-motivierte Tat, die von vielen Seiten als Hauptursache spekuliert wird, schließt Kosar hingegen aus. Die Prügelei während des Konzerts, die vermutlich auf Grund der Präsentation von Symbolen der verfassungsrechtlich verbotenen Kurdenpartei PKK oder der an eben jenem Freitag in der Türkei verbotenen DTP angefangen wurde, habe nachweislich nichts mit dem Opfer selbst zutun gehabt und sei in keiner Weise mit dem Angriff in Verbindung zu bringen.

Auch zum undurchsichtigen und kontrovers dargestellten Tathergang an sich hat Kosar eine klare Meinung. Gemessen an der Tiefe der klaffenden Einstichwunde, die er am Tatort zu versorgen versuchte, müsse man von einem "gezielten Hieb" ausgehen.

Eine Person, die angegriffen werde, könne nicht so systematisch zustechen, widerlegt der 30-Jährige die These, dass der Täter in Notwehr gehandelt habe. Seine Ansicht, dass es sich bei der Tat um "vorsätzliche Tötung" handele, wird von diversen Zeugenaussagen gestützt, die den Täter — unabhängig voneinander — mit den Worten "Ich stech heute noch einen ab", zitieren, womit der Vorsatz klar bestätigt wäre.

Friedensmarsch aller Religionen

Bei der Aufarbeitung der Vorkommnisse bedauert der Inhaber des Kinkay, selbst in Olpe geboren aber mit türkischer Staatsangehörigkeit, insbesondere den aufkeimenden Rassismus. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen extremistischen Deutschen oder radikalen Türken, beide Seiten haben ihre unverbesserlichen Vertreter. Um einer weiteren Entzweiung der beiden Kulturkreise vorzubeugen, fordert Kosar: "Wir müssen jetzt alle ein direktes Zeichen gegen Intoleranz, Hass und Gewalt setzen." Mit "alle" meint er auch wirklich "alle" — egal welcher Altersgruppe, Schicht, Nationalität oder Religion. Wenn der Dialog jetzt verpasst werde, dann werde die Hemmschwelle immer weiter sinken und die Gleichgültigkeit solcher Gruppen rapide steigen.

Als ersten gemeinsamen Schritt, den zu erhoffenden Schulterschluss auch öffentlich zu demonstrieren, fordert Kosar die katholische und die evangelische Kirche, die islamische Gemeinde und Olpes Bürgermeister Horst Müller explizit dazu auf, einen verbindenden Gottesdienst zu organisieren, in dem die Menschen gemeinsam trauern können.

Diese Idee wird mit dem gemeinsamen Friedensmarsch am heutigen Sonntag direkt umgesetzt (siehe unten).

Zudem sieht Kosar insbesondere die ältere Generation der Moslems in der Pflicht, ihre Vorbildfunktion gegenüber der Jugend zur Beruhigung und Deeskalation der Lage zu benutzen. Ihr Einfluss könne einen pädagogischen Lerneffekt auf die Jugendlichen ausüben und vor allem den von der Tat unmittelbar Betroffenen ihre Rachegedanken nehmen. Wenn die Präventivarbeit jetzt aber verpasst werde, dann passiere "unter Garantie" ein derart schreckliches Ereignis über kurz oder lang erneut.

So erlangt schlussendlich die Frage, die Kosars Lebensgefährtin Nese Yilmazer fast schon resignierend in den Raum stellt, eine beängstigende Allgemeingültigkeit: "Musste denn erst ein Mensch sterben, bevor wir uns überhaupt wieder mit den Fragen des Zusammenlebens beschäftigen?"

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