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Mit dem Handy zum Medikament? Kritik wird lauter: „Unüberlegt und gefährlich!“

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Von: Sebastian Schulz

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Apotheke symbolbild
In den Apotheken sollen die E-Rezepte eingeführt werden. © Oliver Berg / dpa

Wer in Zukunft vom Hausarzt ein Rezept bekommt, muss in der Apotheke nicht mehr das rosafarbene Papierstück vorzeigen. Denn auch hier soll alles digital werden. Das Stichwort dazu lautet E-Rezept, also ein elektronisches Rezept. Für den Patienten bringt es viele Vorteile - aber es gibt auch massive Kritik.

Kreis Olpe -  Wenn alles so klappt wie geplant, kann das E-Rezept eine gute Lösung für die Zukunft sein – darin sind sich fast alle Betroffenen einig. Die Umsetzung scheint allerdings ein gewaltiges Problem zu sein. Stimmen aus dem Kreis Olpe beziehungsweise des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe zeigen das.

„Insgesamt ist das Ganze unüberlegt, übers Knie gebrochen, politischer Aktionismus ohne sach- und fachgerechten Hintergrund und Ausarbeitung“, meint der Allgemeinmediziner Dr. Martin Junker aus Olpe auf Anfrage des Sauerlandkurier und kritisiert weiter: „Das Handling ist stümper- und fehlerhaft ausgearbeitet. Bedenken und reichliche Hinweise aus der gesamten Ärzteschaft, inklusive des Bundesdatenschutz-Beauftragten und IT-Experten, sind einfach ignoriert worden, nur um politischen Aktionismus zu beweisen.“

Eigentlich soll das E-Rezept ja so funktionieren: Der Arzt stellt ein digitales Rezept aus und speichert dieses sicher in einer Art digitalem Safe ab. Um darauf zugreifen zu können, also den digitalen Tresor aufzuschließen, bekommt der Patient vom Arzt den E-Rezept-Token, also den Schlüssel zu diesem Rezept. Diesen Schlüssel gibt es entweder ausgedruckt oder in einer App fürs Handy. Der Patient übermittelt die Daten per NFC-fähiger (NFC steht für Nahfeldkommunikation, bekannt vom kontaktlosen Zahlen mit der Girokarte) oder per Handy an die Apotheke und diese stellt – wenn das Rezept vorab übermittelt wurde – die Arzneimittel bereit und hat gegebenenfalls schon Rückfragen mit dem Arzt geklärt.

Dafür braucht es natürlich Software und geschultes Personal, das sowohl auf Seiten der Ärzteschaft als auch auf Seiten der Apotheken mit dem E-Rezept umgehen kann. Und hier hapert es. „Die Industrie ist nicht in der Lage, eine sichere und funktionsfähige Software zu liefern, diese mit der Praxis-Software kompatibel zu konstruieren“, erklärt Dr. Junker. Und auch der Apothekerverband Westfalen-Lippe, vertreten durch Dr. Nina Grunsky, meint: „Zu kritisieren ist, dass die Vorbereitungszeit zu kurz ist, da die bundesweite Testphase erst zum 1. Dezember gestartet ist – und daran bislang nur ganz vereinzelt Arztpraxen und Apotheken teilnehmen können.“

Testphasen-Start zum 1. Dezember – dazu muss man wissen, dass die bundesweiten Tests ursprünglich im Juli starten sollten, dann auf den 1. Oktober und aufgrund unzureichender technischer Voraussetzungen noch einmal auf den 1. Dezember verschoben worden sind. Und auch jetzt läuft es „eher schleppend an“, wie Apothekerin Dr. Grunsky beschreibt – und das so kurz vor dem verpflichtenden (!) Start zum 1. Januar. Dr. Nina Grunsky: „Es ist davon auszugehen, dass Anfang des kommenden Jahres nur ganz vereinzelt bereits digitale Verschreibungen ausgestellt werden und die meisten Patienten noch das alte rosafarbene Papierrezept erhalten.“ Im Gesetzestext heißt es dazu, dass aus technischen Gründen in Einzelfällen ersatzweise weiterhin Papierrezepte ausgegeben werden können.

Mal ganz abgesehen von den technischen Problemen stellt das E-Rezept auch die Ärzte vor Herausforderungen. Dr. Junker, selbst betroffen, sagt: „Die niedergelassenen Ärzte sind alles andere als Technik-feindlich – das zeigt die fast hundertprozentige Beteiligung an der Video-Sprechstunde.“ Aber der derzeit erkennbare bürokratische Aufwand in den Praxen werde kaum zu bewältigen sein, die Behandlung von Patienten gefährden, unsere Medizinischen Fachangestellten überfordern und den derzeit erkennbaren Nutzen bei Weitem übersteigen. „Schulungen werden notwendig und aufwändig sein – wer zahlt das?“, fragt Dr. Junker, der seine Kritik in Sachen E-Rezepte klar an den verantwortlichen Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn richtet.

Fest steht: Wenn das E-Rezept kommt und die Abläufe stimmen, kann es für Patienten viele Vorteile mit sich bringen. Die benötigten Arzneimittel können so von den Apotheken immer vorgehalten werden oder der Patient kann sie sich alternativ auch von den Apotheken liefern lassen. „Wir gehen davon aus, dass die Patienten verstärkt Botendienste anfragen werden“, berichtet Dr. Nina Grunsky. Für die Apotheken sieht sie die bessere, schnellere und effizientere Organisation aller Abläufe. „Es bleibt mehr Zeit für Beratung der Patienten und Dienstleistungen.“ Und auch Dr. Junker sagt bei aller Kritik: „Wenn es denn mal funktionieren würde, könnte es für manche Beteiligte durchaus Vorteile im Ablauf bieten.“

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