Eines der letzten großen Abenteuer

Andrea Lucie Zielenbach dreieinhalb Jahre lang „auf der Walz“

Die 27-Jährige hat auf ihrer Reise gelernt, was Sehnsucht ist, sagt aber: „Sehnsucht ist aber etwas anderes als Heimweh.“

Hillmicke. „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort“: Weit über 40 Wandergesellen in ihrer traditionellen Kluft marschieren im Spinnermarsch – in engen Schlangenlinien, die immer wieder von „Trinkpausen“ unterbrochen werden – alte Wanderlieder singend auf das Hillmicker Ortsschild zu. Ganz vorne: Andrea Lucie Zielenbach. Vor über dreieinhalb Jahren ging die junge Hillmickerin auf Wanderschaft. Die Walz. Folgte der alten Tradition zünftiger Gesellen. Mit wenig Geld und ohne Handy. Jetzt kehrt sie nach Hause zurück – und gibt dem SauerlandKurier einen Einblick in eine andere Welt.

Erwartet wird sie hinter dem Ortsschild zu ihrer „Einheimisch-Meldung“ von ihrer Familie, ihren Freunden, zahlreichen ehemaligen reisenden Wandergesellen, die Andrea während ihrer Wanderjahre kennen lernte, und vielen Hillmickern. „Willkommen zu Hause“-Schilder werden in die Luft gereckt, während die Wandergesellen sich langsam nähern. Es ist, als bilde das Ortsschild eine unsichtbare Linie – auf der einen Seite die Wandergesellen, auf der anderen Seite Familie und Freunde. Genau hier verabschiedete sich Andrea im November 2012 von ihrer Familie, vergrub eine Flasche Schnaps, kletterte über das Schild und ging ohne einen Blick zurück in die Welt hinaus.

In engen Schlangenlinien und alte Wanderlieder singend liefen die mehr als 40 Wandergesellen die Straße Richtung Hillmicker Ortsschild entlang. 

Jetzt bilden die anderen Gesellen mit ihren Stenzen, den knorrigen, gedrehten Wanderstöcken, eine Treppe, um Andrea auf das Ortsschild zu helfen. Mit zittrigen Knien und Tränen in den Augen klettert die 28-Jährige auf das Hillmicker Schild: „Wie ihr seht, ist die Heimkehr viel schwerer als der Abschied“, ruft sie der Versammlung zu – und lässt sich auf die andere Seite in das Netz aus Armen ihrer Freunde und Familie fallen.

Sekunden später fällt sie ihrer Mutter Ruth, ihrem Vater Heinz und ihren Geschwistern Theresa, Tina und Matthias um den Hals. Bis in die frühen Morgenstunden dauert die Willkommensparty auf einer Anhöhe bei Hillmicke, zu der mehr als 60 Wandergesellen unter anderem von der Schwäbischen Alb und aus dem Wendland anreisen. „Gott, es wurde sogar ein Feuerwerk organisiert“, erzählt Andrea einige Tage später. „Da war es endgültig vorbei. Ich war so gerührt. Das war der Wahnsinn.“

Selten geworden ist heute der Anblick der wandernden Gesellen in ihrer Zunftkleidung – dem Hut, der Staude (ein kragenloses weißes Hemd), der Hose mit Schlag, der Weste mit Perlmuttknöpfen, dem Stenz und dem Charlottenburger, dem Bündel, teils mit Krawatte (der „Ehrbarkeit“), die die Gesellen einem Schacht (Vereinigung der Wandergesellen) zugehörig kennzeichnet.

Andrea war als „Freireisende“ unterwegs und trug daher keine „Ehrbarkeit“. „Meine maßgeschneiderte Kluft war in den Jahren meiner Wanderschaft meine ,Drei-Zimmer-Wohnung‘. Ich habe alles, was ich brauche, dabei. Von Wechselklamotten über mein Werkzeug bis hin zum Schlafsack. Mehr benötigt man nicht zum Leben.“ Die Farbe der Kluft ist außerdem je nach Beruf unterschiedlich. Andrea ist gelernter Zimmermann – „die Gender-Frage stellt sich auf Wanderschaft selten. Wir sind alle gleich, einfach Kameraden“, so ihr Kommentar zum „Zimmermann“ – daher ist ihre Kluft tiefschwarz.

Zahlreiche Verwandte, Freunde und Bekannte säumten den Hillmicker Ortseingang und warteten auf die Rückkehr.

Ihr „Allerheiligstes“ ist ihr Wanderbuch, ein eindrucksvolles Dokument ihrer Reisen. Auf der ersten Seite sind die wichtigsten Daten über Andrea zusammengefasst. Außerdem hat sie eine Karte eingeklebt, auf der der Bannkreis von 50 Kilometern rund um ihren Heimatort eingezeichnet ist. Und ein 5 D-Mark Stück ist hier zu finden, der „Heiermann“: „Das ist eine Erinnerung daran, was wirklich wichtig ist: nicht das Geld, sondern Erfahrungen zu sammeln, Menschen kennen zu lernen, sich weiter zu bilden“, erläutert Andrea. Das Buch ist voller Stempel, Städtesiegeln und Fotos. „So kann ich genau nachvollziehen, wann ich wo war. Das verschwimmt im Laufe der dreieinhalb Jahre etwas.“

Nach dem Abschied von ihrer Familie wanderte die „Fremde“ oder „Fremdreisende“ mit ihrem „Export-Gesellen“ zunächst bis nach Freudenberg – und von dort dahin, wohin ihre Füße sie trugen. Absolut ungebunden. Frei. „Ich habe oft in Kirchen, Jugendheimen oder einfach in Schutzhütten im Wald geschlafen. Das ist wahrer Luxus, in einem Tausend-Sterne-Hotel. Das ultimative Freiheitsgefühl.“ Regen sei kein Problem, „Minusgrade hingegen schon. Das ist hart“, erinnert sich die junge Frau. Die „Tippelei“, wie die Walz auch genannt wird, habe wenig mit den verklärten Filmen, die manchmal im Fernsehen zu sehen seien, zu tun. „Natürlich ist es schon mal anstrengend, gerade die Ungewissheit, was am anderen Tag kommt. Aber man lernt sehr schnell, damit umzugehen.“

Schließlich treffe man die Entscheidung zur Wanderung nicht binnen Sekunden – Andrea hörte erstmals während eines Praktikums im Alter von 15 Jahren von der Tradition. Mit 24 zog sie los.

Die schönen Momente, die vielen positiven Erfahrungen der Walz überwiegen deutlich. „Die Verbundenheit, Freundschaft, Kameradschaft, die wir erleben, sind einzigartig. Denn Geld und Dinge, wie ein Auto, werden nebensächlich. Man beschäftigt sich nur mit den Menschen, lernt zuzuhören, nimmt viel mehr wahr.“

Von Tränen überwältigt fiel Andrea Lucie Zielenbach ihrer Familie um den Hals.

Nach einem Jahr in Europa – sie arbeitete an unterschiedlichen Orten, lernte verschiedene Arbeitsmethoden kennen – flog Andrea im Januar 2014 nach Neuseeland. „Das Geld für das Ticket hat mein Arbeitgeber von meinem Lohn beiseite getan.“ Der erste Gedanke sei natürlich gewesen, auf einem Frachtschiff zu reisen, „das dauert dann aber bis zu einem halben Jahr“. Und auch „down under“ musste die Hillmickerin natürlich arbeiten: „Ich habe auch mal einfach Rasen gemäht. Man hilft den Leuten gerne.“ Eine Nacht bei den Maori, endlose Gespräche mit Backpackern aus aller Welt – all das machte ihren Erfahrungsschatz noch reicher.

Zurück in Europa arbeitete sie in unterschiedlichsten Unternehmen, besonders wohl fühlte sie sich in einem Betrieb auf der Schwäbischen Alb. „Allerdings dürfen wir nie länger als drei Monate an einem Ort bleiben. Schließlich geht es darum, Erfahrungen zu sammeln und nicht darum, heimisch zu werden.“

Die Regeln für die Wanderschaft sind strikt: Es darf nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, unter 30 Jahre alt, ledig, kinderlos, nicht vorbestraft und schuldenfrei ist. Gerade das junge Alter hält die Gesellin für wichtig: „Wenn man jünger ist, sind die Gedanken noch nicht eingefahren, man ist offener für Neues.“

Das Wanderbuch mit dem „Heiermann“ und der Karte mit dem Bannkreis von 50 Kilometern, den Andrea nicht betreten durfte.

Fortbewegen dürfen sich die Gesellen nur zu Fuß oder per Anhalter, nur Reisen auf andere Kontinente sind per Flugzeug erlaubt. „Da wir stets auf die Hilfe der Bürger angewiesen sind, gilt es, sich stets ehrbar zu verhalten“, erklärt die 27-Jährige. Sie reiste auf ihrer Walz quer durch Europa, entdeckte die Kanarischen Inseln – und bereiste sogar Vietnam. „Ich wollte zum Beispiel echt gerne Kite-Surfen lernen. Also hab ich für eine Surf-Schule Regale gebaut – und als Lohn eben Unterricht erhalten“, schmunzelt sie. Gelernt habe sie allerdings auch, was Sehnsucht sei: „Als ich in Neuseeland am Strand saß, wünschte ich mir nichts mehr, als das meine Familie das auch erleben kann. Ich kann das nicht in Worte fassen. Sehnsucht ist aber etwas anderes als Heimweh.“

Nicht eine Minute hat die junge Frau ihre Entscheidung auf Wanderschaft zu gehen bereut – auch nicht, als sie wegen schwerer Rückenprobleme im Krankenhaus lag. Jetzt, nach ihrer Heimkehr, will sie erst einmal die Zeit mit ihren Liebsten genießen, packt auf dem Hof ihrer Familie mit an. „Das ist super, um anzukommen“, findet Andrea Zielenbach.

Für drei oder vier Monate möchte sie gerne in der Schweiz arbeiten – auch um heraus zu finden, ob sie im Sauerland bleiben möchte. Klar ist, dass sie sich fortbilden will. „Was ich genau machen möchte, finde ich jetzt heraus.“

Ein alter Spruch ihrer Kameraden sei allerdings wahr: „Man benötigt genau die Zeit, um wirklich Zuhause anzukommen, die man auf Wanderschaft war.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare