„Die Bildung entscheidet“

Thema „Inklusion“ sorgt für Gesprächsstoff bei Podiumsdiskussion des VBE

Rita Mölders (VBE Arnsberg), Mike Ochmann (VBE), Angela Freimuth (FDP), Karin Schmitt-Promny (Die Grünen), Monika Pieper (Die Piraten), Theo Kruse (CDU), Marlies Stotz (SPD) und Udo Beckmann (VBE) nahmen an der Podiumsdiskussion teil. Foto: Virginia Jung

Wenden. Der VBE (Verband Bildung und Erziehung) Kreisverband Olpe veranstaltete am vergangenen Mittwochabend eine Podiumsdiskussion zum Thema „Schule 2016 – inklusiv, aber fair“. Neben Mitgliedern des Landtags aus unterschiedlichen Parteien, verfolgten einige interessierte Zuschauer die Debatte um das inklusive Bildungssystems, welches am 1. Dezember 2010 vom Landtag NRW eingeführt wurde.

Der Vorsitzende des VBE, Mike Ochmann, begrüßte die Gäste Mittwochnachmittag in der Aula des Konrad-Adenauer-Schulzentrums in Wenden. Zur Diskussion geladen waren die Mitglieder des Landtages Angela Freimuth (FDP), Karin Schmitt-Promny (Bündnis 90/ Die Grünen), Theo Kruse (CDU), Marlies Stotz (SPD), Monika Pieper (Die Piraten) und VBE Arnsberg Mitglied Rita Mölders, sowie Bundesvorsitzender des VBE, Udo Beckmann, der an diesem Abend als Moderator fungierte.

„Inklusion ist das Recht eines jeden Menschen, an der Gesellschaft teilzuhaben“, mit diesen Worten definierte Mike Ochmann den Gegenstand der Podiumsdiskussion – der Einführung des inklusiven Bildungssystems. Am 1. Dezember 2010 hatte der nordrhein-westfälische Landtag die Inklusion beschlossen. Damit das funktioniere, könne nach Auffassung des Vorsitzenden „nicht der gehandicapte Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen anpassen“, sondern das gesellschaftliche System und Denken müsse sich den Bedürfnissen aller Bürger anpassen.

Laut einer Umfrage zur Umsetzung der Inklusion an Olper Schulen gaben 55 Prozent der Lehrkräfte an, einen hohen bis sehr hohen persönlichen Förderungsbedarf in Hinblick auf sonderpädagogische Maßnahmen zu haben. Fast 60 Prozent waren der Auffassung, den Lernbedürfnissen der Schüler nicht mehr gerecht zu werden und gaben an, dass ihre Schule nicht barrierefrei sei.

Zu Beginn der Diskussionsrunde verlas Moderator Udo Beckmann einen Brief einer Grundschullehrerin, in dem sie ihre Situation in einer Schulklasse des inklusiven Bildungssystems schildert: Ein Schüler mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf zeigt Verhaltensauffälligkeiten und bringt die Lehrerin an den Rand ihrer Handlungsmöglichkeiten. Ein Antrag auf Schulbegleitung für den Jungen wurde abgelehnt, stattdessen soll sie Fortbildungen zum Umgang mit solchen Schülern belegen.

Fehlendes Gesamtkonzept

Am Beispiel dieses Briefes sollten die Diskussionsteilnehmer der Grundschullehrerin aus Sicht der Schulleitung einen Rat geben. Theo Kruse vertrat hierzu eine klare Meinung: „Die Schulen sind in solchen Situationen hoffnungslos überlastet. Wir brauchen mehr Personal, da ist die einzelne Lehrperson und auch die Schulleitung vielfach überfordert“. Die Schulen befänden sich nach der Verabschiedung des Inklusionsgesetzes in einer Entwicklungsphase, die es so in den letzten Jahrzehnten noch nicht gegeben habe. Es fehle eine Gesamtkonzeption für die Behandlungsoptionen solcher Fälle. „Meistens ist es so, dass es kein Einzelfall, sondern mehrere solcher Fälle an den Schulen gibt“, fügte Angela Freimuth der Kritik des CDU-Mitglieds hinzu: „Für einen Schüler mit sonderpädagogischen Förderungsbedarf würde es eventuell noch eine Lösung geben, aber bei mehreren wird es sehr schwierig, diese Situation aufzufangen“. Auch sie fand, dass es an Personal mangele, die solchen zusätzlichen Anforderungen gerecht werden kann – insbesondere weil nicht nur förderungsbedürftige Kinder, sondern auch alle anderen Schüler einen Anspruch auf individuelle Betreuung hätten.

Rita Mölders – selbst seit 2001 Schulleiterin – kennt die Problematik des Personalmangels. In ihrer Stadt gibt es zurzeit 1600 Anträge auf Schulbegleiter, dem gegenüber steht die Anzahl von nur 800 verfügbaren Fachkräften. Sie bemängelte auch, dass es immer weniger an Geld an den Schulen gebe, „für Aufgaben, die stetig steigen“. Dadurch werde es schwierig, die Motivation zu halten. Geld könne zwar nicht alles heilen, aber es könne viel bewirken: „Wenn wir den Beruf nicht attraktiver machen, dann will ihn auch niemand mehr ausüben. Wenn die Lehrer ihren Job nicht mehr gerne machen, werden sie das auf die Kinder übertragen“. Daher wünsche sie sich Maßnahmen, die zur Verbesserung der Motivation beitragen würden.

Marlies Stotz war sich der Herausforderung, welche auf die Schulen zukommen würden, schon zu Beginn der Einführung des Inklusionssystems bewusst: „Wir wussten, dass es eine lange Wegstrecke wird. Es ist ein Prozess, der sich über eine ganze Generation entwickeln muss“.

Karin Schmitt-Promny wies darauf hin, dass es wichtig sei, zwischen den inkludierten Kindern zu differenzieren. So gebe es Schüler mit körperlichem Handicap, die sich in den normalen Unterricht integrieren können. Die Problematik bestünde jedoch bei verhaltensauffälligen Kindern, die gesonderte Maßnahmen in Hinsicht auf den Lernprozess benötigen würden. Monika Pieper betonte, dass die Probleme, welche die Schulen bekamen, nicht absehbar waren. Von der Landesregierung könne man nach ihrer Meinung erwarten, dass diese „eine prozessbegleitende Evaluation“ mache, was aber auch nach einem Jahr nicht geschehen sei. Das Niveau, das es zu Zeiten von Integrativgruppen gab, sei mittlerweile abgesenkt worden. „Die Situation wird nicht besser, sondern sie spitzt sich zu“, kritisierte das Mitglied der Piratenpartei, „das mindeste was wir brauchen, ist ein Zurückgehen auf das Niveau der Integrationsgruppen“.

"Bildung entscheidet über Zukunftsmöglichkeiten"

Theo Kruse sah das Schulmodell der Inklusion auch aus Sicht der Schüler kritisch: „Bildung entscheidet über Zukunftsmöglichkeiten. Die momentane Umsetzung und Form der Inklusion geht zulasten der inkludierten, als auch der nicht-inkludierten Schüler, denn es hat zu einer Überforderung der Lehrkräfte geführt“.

Seiner Meinung nach sei der Eindruck entstanden, dass bei der Umsetzung des Bildungssystems „Schnelligkeit vor Gründlichkeit“ gegangen und eine gute Vorbereitung aller Betroffenen wünschenswert gewesen sei. Zudem ständen die Schulen in Zukunft noch vor einer weiteren großen Herausforderung: „42.000 Flüchtlingskinder, die beschult werden müssen, kommen in Nordrhein-Westfalen hinzu. Dazu fehlen laut Angabe der Landesregierung 2000 Lehrkräfte. Das kommt als Belastung noch oben drauf“.

Eine Grundschullehrerin die sich aus dem Publikum zu Wort meldete, berichtete von ihren persönlichen Erfahrungen bei der Ausbildung als Sonderpädagogin. Die Rahmenbedingungen seien „sehr schlecht“ gewesen. So sei sie während der Ausbildung an einer Schule abgeordnet worden und musste „zusätzlich eine weitere versorgen“. „Noch während der Weiterbildung musste ich meine Schule verlassen und wieder zum ‚normalen Alltagsunterricht‘ übergehen“, erklärte sie. Bei einer Nachfrage ihrer Kollegin, ob sich die Ausbildung lohne, habe sie klar mit „Nein“ antworten können.

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