„Alle wollen wohnen“ ist eine Ausstellung des M:AI auf der Zeche Zollverein

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Im Schaukubus zum Thema „Das Haus“: Infos und Materialpräsentation des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW zur Ausstellung „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar“ in der Halle 5 auf der Zeche Zollverein in Essen.

ESSEN In Berlin ist die Not groß. Mit „Cohousing“ begegnet die Stadt der Wohnungsmisere. R50 heißt ein Projekt von 2013, das in der Ritterstraße 50 liegt und 19 Wohnungen und ein Atelier umfasst. In Kreuzberg hatte sich eine Baugemeinschaft zusammengetan, die vom Senat ein „günstiges“ Stadtgrundstück erwarb und für insgesamt 3,8 Millionen Euro neuen Wohnraum realisierte: ein mehrgeschossiges Haus mit umlaufenden Gängen, Garten, Mehrzweckraum, Werkstatt, Sommerküche und Dachterrasse für alle.

Bezogen auf die Wohnungen also nur 200 000 Euro für eine neue Heimat im angesagten Viertel. Die Immobilienpreise galoppieren, das Wohnen miteinander ist eine Alternative.

Von solchen Projekten berichtet das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) in Essen und spricht von „baulicher Nachverdichtung“ im Stadtraum. Auf der Zeche Zollverein in der Halle 5 ist die Ausstellung „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar“ zu sehen. Das M:AI, das in Gelsenkirchen stationiert ist, hat keinen festen Ausstellungsraum, so dass Generalkuratorin Ursula Kleefisch-Jobst mit ihrem Team flexibel sein muss. Nach Köln (2016) und Düsseldorf (2017) ist Essen der dritte Standort für eine sehr problemorientierte Präsentation. Denn es gibt in Deutschland eine neue „Wohnungsnot“. Zwar sei das Problem schon länger bekannt, aber mit der Flüchtlingsproblematik seit 2015 sei dieser Umstand politisch geworden, sagte Kleefisch-Jobst in Essen.

Bekannte Fakten: Die Baukosten sind seit dem Jahr 2000 um 40 Prozent gestiegen. Allein ein Drittel der Steigerung geht auf Vorschriften und Anforderungen vom Gesetzgeber zurück. Das ARD-Magazin „Panorama“ hat hundertausende von Immobilienangeboten untersucht. 95,3 Prozent der privat finanzierten Wohnungen seien „nicht bezahlbar“. Das heißt, dass der Interessent mehr als 30 Prozent seines Nettoeinkommens aufwenden muss, um die Kaltmiete zu begleichen. Selbst bei einem Einkommen von 2300 Euro im Monat gilt für einen Single in Berlin nur jede 40. Wohnung als bezahlbar.

Solche Erläuterungen finden sich im Ausstellungskubus „Recht auf Wohnen“, wo Zahlen über Texttafeln vermittelt werden, Fotografien abgebildet sind und Details in Schubladen stecken, die sich aufziehen lassen. Eine interessenorientierte Schau. Weitere Kubus-Themen sind „Wohngebiete“, „Das Haus“, „Die Akteure“, „Küche. Diele. Bad“ und „Stadt Wollen“.

Zwar träumen noch 50 Prozent der Menschen in Deutschland von einem Eigenheim, aber das Häuschen im Grünen ist ein Auslaufmodell. Nachteile: weit weg vom städtischen Leben, medizinische Versorgung prekär und wenn die Kinder ausgezogen sind, werden die eigenen vier Wände zu groß – zu teuer?

Bis 2020 braucht allein NRW 400 000 Wohnungsneubauten. „NRW wird größer“, sagt Melanie Kloth von der NRW-Bank, die die Wohnungsmärkte analysiert. Vor allem die Ballungsräume am Rhein, die Uni-Städte und Städte insgesamt ziehen Menschen an. Und: Es fehlt Bauland.

Aber günstiges Bauen klappt nicht, weil das Bauland zu teuer geworden ist. Alexander Rychter, Direktor des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (VdW) Rheinland Westfalen, sagt in Essen, dass die Bausumme für zehn Wohnungen vor zehn Jahren heute nur noch für 7,5 Wohnungen reiche. Er hofft, dass die Koalitionsgespräche in Berlin noch Verbesserungen bringen. Genehmigungsverfahren für Bauherren sollen beschleunigt werden. Und Jan Heinisch (CDU), Staatssekretär im NRW-Heimat-Ministerium, will reagieren. Eine neue Bauordnung soll bereits im Februar dem Landtag vorgelegt werden. Wer Wohneigentum selbst nutzt, soll gefördert werden. Auch bei der Sanierung bzw. dem Neubau – nach Abriss überalterter Wohngebiete – will die neue NRW-Regierung Investitionen unterstützen, Stichwort Bestandsschutz. Allein 2017 sei die Hälfte von 2,1 Mrd. Euro in die Sanierung bestehender Wohnungen geflossen, sagte Rychter vom VdW. Das Problem ist erkannt, signalisieren alle Beteiligen der Baubranche in Essen.

Und die Zeit drängt: Auch die Zahl der Wohngeldempfänger steigt. Für 870 000 Berechtigte sind im Jahr 2016 1,5 Mrd. Euro von Bund und Ländern aufgewand worden. Tendenz steigend.

In Essen werden „Die Akteure“ in einem Schaukubus vorgestellt. Wie die Landschaftsarchitekten. Das „Universitätsviertel“ in Essen ist ein positives Beispiel. Die Revitalisierung einer Brache (Güterbahnhof) führte zu Promenaden, Wasserbecken und Bauquartieren. 13 Hektar „Grüne Mitte Essen“. Aber die große Zeit der 2. Internationalen Bauausstellung, IBA Emscher-Park, ist vorbei. Was folgt im Ruhrgebiet?

Es braucht neue Impulse. „Stadt Wollen“ nennt das die NRW-Architektenkammer aus Düsseldorf, die ein Bekenntnis zur Mitteleuropäischen Stadt fordert. Markus Lehrmann sagt: „Stadt ist kein technisches Problem sondern ein Gesamtkunstwerk.“ Für ihn sind stimmige Fassaden und Plätze in der Stadt ein urbanes Qualitätsmerkmal. Lehrmann setzt auf Quartiersplanung, auf Kiez- und Siedlungsbau mit Lebens- und Heimatqualität. Und er meint weder Trabanten-Städte noch Cluster-Geschossbau.

Die Ausstellung in Essen ist vom M:AI konzipiert worden, als das Thema mehr Öffentlichkeit brauchte. Im Jahr 2000 haben noch alle vom Schrumpfen auf dem Wohnungsmarkt gesprochen“, sagt Kleefisch-Jobst in Essen, nun suche man gemeinsam nach Lösungen. Für die Kuratorin ist das ein Fortschritt.

Bis 4. 3.; täglich 10–18 Uhr; Tel. 0209/925 78 22; Katalog 29 Euro; www.mai.nrw.de/wohnen

Quelle: wa.de

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