Die Ausstellung „Dortmunder Neu Gold“ erzählt Biergeschichten im U

+
Hoch den Humpen: Stolz ließen sich die Brauer darstellen an den Dortmunder Rathausleuchtern von 1899, die in der Dortmunder Ausstellung „Neu Gold“ zu sehen sind.

Dortmund - Hinter dem Vorhang im Krankenzimmer liegt „Superfritz“ auf dem gynäkologischen Stuhl. Er ruft: „Nein, ich bin nicht schwanger. Ich habe nur 17 Jahre lang Bier getrunken.“ Die grobschlächtige Holzfigur hat der niederländische Künstler Dick Verdult belebt. Zu sehen ist sie von Samstag an in der Ausstellung „Dortmunder Neu Gold. Kunst, Bier und Alchemie“ im Dortmunder U.

2016 feiert Deutschland das 500-jährige Bestehen des Reinheitsgebots gleich mit einer ganzen Reihe von Ausstellungen. Die Schau im U ist allerdings die einzige, die den kulturhistorischen Rückblick mit zeitgenössischer Kunst verbindet. Dabei liegt das doch nah: Beim Brauen werden wenige Rohstoffe zu einer ganz besonderen Flüssigkeit veredelt. Auch Kunst besteht in Umwandlungsprozessen, in Alchemie. Bei Johanna Rotko wird das ganz direkt sichtbar: Sie hat Hefepilze als Medium benutzt, um Fotos sichtbar zu machen. Die „Yeastograms“ der finnischen Künstlerin sieht man in den grünlichen Inseln die Schatten eines Gesichts.

Das Gebäude materialisiert das Thema der Ausstellung. Es wurde 1926/27 als Gär- und Lagerhaus der Union-Brauerei errichtet. Ist das „Neu Gold“ in dem nun museal genutzten Bau die Kunst? Ausstellungskurator Stefan Riekeles will diese Frage offen lassen.

Bier war Quell des Reichtums für Dortmund, so sehr wie Kohle und Stahl. 30 Brauereien zählte die Stadt um 1900. Weil man das untergärige helle Export entwickelte, für dessen Herstellung man Kühlmaschinen brauchte, das aber ganzjährig produziert wurde und sich besser hielt, wurde Dortmund zur „Bierhauptstadt Europas“. Lange vorbei, durch Übernahmen blieb nur die Union Brauerei, die Biere wie Kronen und Hövels braut, alles unter dem Konzerndach von Oetker in Bielefeld.

Vom einstigen Glanz zeugen die beiden Rathausleuchter, die 1899 die Brauereien der Stadt stifteten. Die goldenen Prachtstücke zeigen Brauerfiguren. 8000 Mark kosteten sie, was heute einem sechsstelligen Euro-Betrag entspricht.

Über zwölf Themen-Räume erstreckt sich die Schau, die rund 200 Exponate mischen bunt historische Objekte und aktuelle Kunst. So sieht man die Zeichnung des „Pyrprew Herttel“ (1425), eines mittelalterlichen Brauers. Gemälde aus dem 19. Jahrhundert wie Eduard von Grützners „Trinkender Mönch“ und Ludwig Eibls „Stillleben mit Brot und Bier“ stehen für eine lange Tradition der Darstellung eines Grundnahrungsmittels. Hinzu kommen Werbeschilder und Plakate, darunter auch Entwürfe des großen tschechischen Jugendstil-Meisters Alfons Mucha. Man kann in der Schau einiges lernen, auch wenn der eigentliche Brauprozess nicht im Fokus steht. Zum Beispiel die Tradition des sechseckigen Sterns, der hier nicht für das Judentum steht sondern für ein alchemistisches Zeichen, mit dem der Brauer im Mittelalter Hexen und Dämonen abwehren wollte. Prunkvolle Humpen und Becher aus der Rastal-Sammlung vermitteln historische Trinkkultur.

Wie überhaupt das Bier als Kultobjekt gefeiert wird. Da ist der Schutzpatron der Brauer, Gambrinus, der als Skulptur des Dortmunder Bildhauers Ernst Deimann (um 1900) auf einem erhöhten Sockel auf die Besucher blickt. In einem nachinszenierten Wohnzimmer findet man nicht nur einen Fernseher mit Werbefilmen, sondern auch einen frühen Druck der Bayerischen Landesordnung von 1516, in der das Reinheitsgebot erstmals formuliert wurde. Und zwar im Wohnzimmerschrank hinter Glas, wie in einem Schrein.

Die Künstler fügen der unterhaltsamen Schau weitere Facetten hinzu: Dmitry Vrubel & Timofeevna malen ein subversives Porträt von Wladmir Putin in Bond-Pose, allerdings nicht mit einem Martini, sondern mit einem Pils in der Hand. Iva Vacheva aus Bulgarien malt expressive Szenen mit ekstatischen Trinkerinnen. Der Bildhauer Michael Sailstorfer entwarf einen Kronleuchter, an dem Flaschen hängen. Wenn der Betrachter sich bedient, wird es heller. Herbert Achternbuschs anarchistischer Film „Bierkampf“ um einen Trinker, der beim Oktoberfest in eine Polizeiuniform schlüpft, wird im Rahmenprogramm gezeigt. Und die japanische Künstlerin Ayumi Matzusaka macht in „Future Beer Cycle“ das Bier selbst zur Kunst. Sie sammelte in Spezialtoiletten Urin, mit dem ein Feld mit Braugerste gedüngt wurde. Daraus wurde „Future Beer“ gebraut, das man in der Schau erwerben kann. Raffiniert spielt sie mit der Dissonanz zwischen Vernunft und leisem Ekel.

Vielleicht bevorzugt der Besucher aber auch das Jubiläumsbier, das exklusiv für die Ausstellung entwickelt wurde. Das Rezept knüpft an die Tradition des Export-Biers an, betont das Malz mehr als die Hopfenbitterkeit. Es ist nur in der Schau zu haben. Ein kleines Glas ist für jeden Besucher über 18 im Eintrittsgeld enthalten.

Eröffnung heute, 19 Uhr, bis 1.5.2016, di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 50 24 723,

www.dortmunder-neugold.de, Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare